Kolumne vom Meteorologen Dominik Jung
Wird der goldene Herbst zum frostigen Winteralbtraum? Welche Wetter-Muster jetzt wirklich entscheidend sind
Ein extrem milder November entfacht Hoffnungen und Sorgen zugleich. Kann er als Klimasignal für den kommenden Winter gelten? Eine Wetter-Kolumne von Dominik Jung.
Kassel – Ein außergewöhnlich milder November sorgt schnell für Spekulationen über den bevorstehenden Winter. Historisch betrachtet existiert tatsächlich eine schwache statistische Tendenz: Jahre mit sehr warmem November wurden häufiger von normal temperierten oder milden Wintern gefolgt, während besonders kalte Winter seltener auftraten. Allerdings ist dieser Zusammenhang keineswegs zuverlässig und erklärt nur einen kleinen Teil der möglichen Wetter-Entwicklung im Winter.
Heute wirken zusätzliche Faktoren wie ENSO-Phase, Stratosphärendynamik und die Blockierungsmuster über dem Nordatlantik wesentlich stärker auf die saisonale Entwicklung. Ein warmer November entsteht meist unter Hochdruckeinfluss, schwache Westwinddrift und maritime Luftmassen dominieren. Für den Winter bedeutet das jedoch wenig, denn der großräumige Strömungszustand kann sich ab Dezember deutlich umstellen. Die Atmosphäre besitzt kein perfektes Gedächtnis, und Übergangsjahreszeiten gelten als besonders variabel.
Bauernregeln und alte Wetterweisheiten: Was sie wirklich als Winter-Vorhersage taugen
Die Volksmeteorologie kennt zahlreiche Sprüche über den November, die Hoffnung auf Orientierung geben. Beispiele lauten etwa: „Ist der November mild, bleibt der Winter wild“ oder „Warmer November bringt kalten Winter“. Diese Regeln entstanden aus jahrhundertelanger Beobachtung, spiegeln aber vor allem regionale Muster und eine Zeit ohne globale Datensätze wider.
Interessant ist die dahinterstehende Logik: Ein später Kälteeinbruch könnte dafür sorgen, dass der Winter schärfer erscheint, weil die Erinnerung an die milde Phase stärker wirkt. In der modernen Klimatologie gelten solche Regeln jedoch eher als kulturelle Folklore.
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Moderne Klimasignale sind komplexer
Klimaforscher blicken heute vor allem auf telekonnektive Muster wie den Polarwirbel, die Temperaturanomalien im Nordatlantik und den ENSO-Zustand im Pazifik. Ein milder November allein taugt kaum als Winterindikator. ENSO-Konstellationen und stratosphärische Ereignisse wie plötzliche Stratosphärenerwärmungen können Wintermonate abrupt kippen.
In Jahren mit starkem Polarwirbel bleiben kalte Episoden oft aus, während ein geschwächter oder gestörter Wirbel kalte Phasen in Europa begünstigt. Fazit: Ein warmer November liefert höchstens eine schwache Tendenz, ersetzt aber keine moderne saisonale Analyse.
Rubriklistenbild: © US-Wetterbehörde NOAA / CFS-Klimamodell
