„Systemisches Versagen“

Trotz Verbot: Warum im Postfach immer mehr nervige Spam-Mails landen

Unerwünschte Newsletter und Werbung im E-Mail-Postfach sind seit über zehn Jahren verboten. Doch was bringt das eigentlich? Verbraucherschützer geben ein Update.

„Muss nur noch 148 Mails checken, danach bin ich bei dir“, sang Tim Bendzko schon 2011. Bereits damals waren E-Mail-Postfächer voller Spam. Dabei verbietet dies eigentlich seit mehr als zehn Jahren die EU-Datenschutzrichtlinie für elektronische Kommunikation. Sie setzt einen „Opt-in“, also eine ausdrückliche Zustimmung zu Werbe-Mails, voraus. Ohne eine entsprechende Einwilligung verstoßen Unternehmen gegen die Datenschutzgrundverordnung, genannt DSGVO.

2023 gingen bei der Beschwerdestelle des Verbands der Internetwirtschaft (Eco) 322.306 Einzelbeschwerden über solche unerlaubten Zusendungen von Werbemails und Newslettern ein. „Wir vernehmen bei den Meldungen zu unerwünschten Werbemails eine sinkende Tendenz“, sagt Alexandra Koch-Skiba, Leiterin der Eco-Beschwerdestelle BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA.

In den vergangenen Jahren habe die Anzahl der Beschwerden zu unerwünschten Werbemails bei jeweils über 400.000 gelegen. „Somit haben wir im vergangenen Jahr eine merkliche Verringerung verzeichnet.“

Wer kennt es nicht: der ganze Posteingang voller Werbung. Doch wie hat sich die Anzahl von Spam-Mails in den vergangenen Jahrzehnten verändert? (Symbolbild)

Spam „nimmt kontinuierlich zu“: Gmx.net und Web.de äußern sich

Bedeutet das, dass die Spam-Flut abnimmt? Nein. Verbraucherschützer und Verbraucherschützerinnen sind sich auf Anfrage einig: Spam-E-Mails sind tendenziell eher mehr geworden.

Grundsätzlich müsse man bei Spam zwischen unerwünschten Newslettern und Werbemails auf der einen Seite und gefährlichen Phishing Mails auf der anderen Seite unterscheiden, sagt ein Sprecher von Web.de und Gmx.net BuzzFeed News Deutschland. Er bestätigt, dass die „Menge an Spam- und Phishing-Mails weltweit in den letzten Jahren kontinuierlich zunimmt“.

E-Mail-Anbieter wie Gmx.net oder Web.de sprechen von 1, 5 Milliarden Spam- und Phishing-Mails, die sie wöchentlich filtern. (Symbolbild)

Warum beschwerten sich 2023 dann weniger Menschen wegen Spam-E-Mails? Das könnte zum einen an der Corona-Pandemie liegen, vermutet Oliver Buttler, Abteilungsleiter Telekommunikation und Internet bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Gerade in der Coronazeit waren mehr Menschen online unterwegs und Onlinebetrügereien ausgesetzt“, sagt er BuzzFeed News Deutschland. Vielleicht hatten sie so auch mehr Zeit für Beschwerden, haben Spam bewusster wahrgenommen.

Ein weiterer Grund sei, dass sich Menschen an die Spam- und Betrugs-Flut gewöhnt haben. Und: Viele der Betrugsversuche würden heutzutage erkannt und sofort gelöscht. Zum Beispiel von den E-Mail-Anbietern selbst. „Wir identifizieren und entschärfen wöchentlich aktuell rund 1,5 Milliarden eingehende Spam- und Phishing-Mails“, sagt der Sprecher von Web.de und Gmx.net. Auch Vodafone teilt mit, Phishing-Emails „mit einer sehr hohen Erfolgsquote aus dem Netz zu filtern“.

Dies ist ein Artikel von BuzzFeed News Deutschland. Wir sind ein Teil des IPPEN.MEDIA-Netzwerkes. Hier gibt es alle Beiträge von BuzzFeed News Deutschland.

Verbraucherschützer kritisieren Spam-Versäumnis: „Es gibt keine richtigen Konsequenzen“

Was ist mit den Nachrichten, die von E-Mail-Anbietern nicht herausfiltert werden? „Unternehmen umgehen die Vorschriften der DSGVO einfach, entweder indem gar keine Einwilligung oder keine ordnungsgemäße Einwilligung einholen, beispielsweise durch bereits gesetzte Häkchen (Opt-Out). Oder auch indem Widersprüche, beispielsweise das Abmelden von einem Newsletter, ignoriert oder erschwert werden“, erklärt Katharina Grasl von der Verbraucherzentrale Bayern.

„Häufig versenden Unternehmen einfach weiterhin Werbemails, da wenige dieser Fälle vor Gericht oder bei Datenschutzbehörden landen. Diese Verfahren sind häufig sehr aufwändig, langwierig und können auch kostenintensiv sein, weshalb viele Betroffene keine rechtlichen Schritte einleiten“, sagt Koch-Skiba vom Verband für Internetwirtschaft. Sie spricht von einem „systemischen Versagen“, das die Politik in den Blick nehmen müsse.

„Es gibt keine richtigen Konsequenzen“, kritisiert Oliver Buttler. „Wir brauchen eine gesetzliche Änderung: Die unerlaubte Kontaktaufnahme ändert derzeit nichts daran, dass dennoch Verträge rechtswirksam zustande kommen können – sofern Kunden nicht innerhalb 14 Tagen widerrufen“, sagt der Verbraucherschützer. Seiner Ansicht nach sollten Verträge nur dann wirksam werden können, wenn Kunden einer Kontaktaufnahme im Vorhinein zugestimmt haben.

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/dpa

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