Zu früh in den Ruhestand?

Wird die Rente teurer? Experten kritisieren irreführende Debatte

Länger im Beruf bleiben, später in Rente: Dies soll die Rentenversicherung absichern. Experten bemängeln nun die Diskussion – und widersprechen einem Irrtum.

Berlin – Eine Rente im Alter von 70 Jahren könnte künftig Realität werden. Bereits jetzt arbeiten viele Menschen in diesem Alter, doch dabei haben sie noch die Wahl. Ökonomen und Politiker kritisieren deshalb immer wieder, dass die Deutschen zu früh in Rente gehen würden.

Die Rente ist unter Druck: Beiträge drohen zu steigen – doch Fachleute bleiben optimistisch

Besonders durch die zunehmende Zahl der Rentner bei der geringeren Zahl der Beitragszahler steige dadurch die Belastung der gesetzlichen Rentenversicherung. Diese werde dadurch immer teurer. Besonders, wenn das Rentenniveau wie geplant bis 2031 bei 48 Prozent gesichert werden soll, dürften die Beiträge steigen. Von 18,6 Prozent auf über 20 Prozent. Zudem brauche immer mehr Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt, so die Kritik.

Die Deutschau gehen zu früh in Rente und sollten länger arbeiten, so die Kritik. (Symbolfoto)

„Wir können uns eine gute Rente für alle leisten“, erklärt dagegen die Hans-Böckler-Stiftung. Die gewerkschaftsnahen Fachleute haben sich in einer Veröffentlichung mit mehreren „Mythen“ zum Sozialstaat auseinandergesetzt, darunter auch den vermeintlich frühen Rentenbeginn der Deutschen.

Hans-Böckler-Stiftung widerspricht: Bundeszuschüsse zu Rente nicht explodiert

„Es lässt sich nicht verleugnen, dass Rentnerinnen und Rentner künftig aufgrund steigender Lebenserwartung länger Geld erhalten als frühere Generationen“, räumt die Stiftung ein. „Doch steigende Zuschüsse des Bundes an die Rentenversicherung als Beleg für ein schwächelndes Rentensystem anzuführen, ist falsch.“ Die Zuschüsse seien keine „Nothilfe“, sondern von Anfang an zur Finanzierung vorgesehen gewesen. Ihr relativer Anteil sei seit den 1950er Jahren „praktisch konstant geblieben“.

Seit 2004 sei der Anteil der Bundeszuschüsse an den Einnahmen des Bundes sogar gesunken, abgesehen von den Corona-Jahren, stellte die Hans-Böckler-Stiftung fest. „Offensichtlich sind die vielfachen Behauptungen zu explodierenden Bundeszuschüssen falsch“, wird Ingo Schäfer, Leiter des Referats Alterssicherung und Rehabilitation beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), zitiert.

Finanzierungskrise der Rente „weit und breit nicht erkennbar“

Das hatte auch das Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen bereits festgestellt. 1990 habe der Anteil am Bruttoinlandsprodukt bei 8,4 Prozent gelegen, 2003 sei der Höchststand von 10,8 Prozent erreicht worden. 2024 habe er 9,2 Prozent gelegen, nachdem er 2020 während der Corona-Pandemie zwischenzeitlich wieder bei 10,1 Prozent lag.

Renten-Meilensteine in Deutschland in Bildern – von Bismarck über Riester bis Müntefering

Otto von Bismarck brachte im Juni 1889 nach jahrelanger Debatte das „Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung“ durch den Reichstag.
Der Holzstich zeigt Dreher, Gießer und Former in einer Porzellanfabrik um 1880.
Bismarcks politisches Kalkül war klar: Er wollte die Arbeiter besänftigen.
Angestellte waren ab 1913 bei der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte angesiedelt.
Renten-Meilensteine in Deutschland in Bildern – von Bismarck über Riester bis Müntefering

Das IAQ verwies zudem auf die Entwicklung der Beitragssätze, die bei mehrfachen Schwankungen weitgehend konstant geblieben sind. „Eine Krise der Finanzierung“ der Rente sei „angesichts der hohen Kontinuität dieser zentralen Kenngrößen also weit und breit nicht erkennbar“, erklärten die Ökonomen.

Hans-Böckler-Stiftung kritisiert Debatte um Rentenbeginn – schon wegen methodischer Fehler

Die Hans-Böckler-Stiftung verwies zudem auf Probleme bei der Benennung des aktuellen durchschnittlichen Renteneintrittsalters. Schon die Deutsche Rentenversicherung (DRV) könne das in den jährlichen Statistiken selbst nicht. „Die Herangehensweise der deutschen Rentenversicherung an diese Berechnung ist mathematisch unglücklich und daher ungeeignet“, erklärte die Soziologin und Datenanalystin Dagmar Pattloch.

Pattloch kritisierte, dass die DRV keine Nachkommastellen berücksichtige, sondern lediglich das Alter von 63 oder 64 Jahren messe, die wandelnde Altersstruktur der Bevölkerung nicht berücksichtige und nur Renteneintritte eines einzelnen Jahres zugrunde lege, was einen Zeitvergleich nutzlos mache. Dagegen würden sich für jeden Jahrgang die Altersstruktur und die rechtlichen Rahmenbedingungen ändern, das Ergebnis sei damit verfälscht.

Rubriklistenbild: © Julian Stratenschulte/dpa

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