Nach 168 Jahren

Weltmarktführer beantragt Insolvenz – „Geschäftstätigkeit erheblich gefährdet“

Der Autoschloss-Spezialist Kiekert hatte die Produktion nach Tschechien verlagert und wollte seine Zentrale schließen. Jetzt holt Kiekert die Produktion zurück nach Heiligenhaus
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In einer Produktionshalle werden Autoschlösser hergestellt.

Autozulieferer Kiekert in kritischer Situation. Der Erfinder der modernen Zentralverriegelung muss Kleinbeigeben. Bedeutet: das Anmelden der Insolvenz.

Heiligenhaus – Das auf Autoschlösser spezialisierte Unternehmen Kiekert AG im nordrhein-westfälischen Heiligenhaus hat Insolvenz angemeldet. Es gehört bislang einem chinesischen Unternehmen. Der operative Geschäftsbetrieb laufe im vorläufigen Verfahren an allen Standorten regulär weiter, teilte der vorläufige Insolvenzverwalter Joachim Exner mit. Die Löhne und Gehälter der rund 700 Mitarbeitenden in Deutschland seien über das Insolvenzgeld bis einschließlich November gesichert. Indes musste im Falle eines in Bayern ansässigen Autozulieferers infolge der Insolvenz der ganze Mitarbeiterstab entlassen werden.

Das vorläufige Insolvenzverfahren wurde vom Amtsgericht Wuppertal angeordnet, wie aus dem Portal Insolvenzbekanntmachungen hervorging. Die ausländischen Tochtergesellschaften der Kiekert AG in Europa, Asien und Nordamerika seien von dem Verfahren nicht betroffen, betonte Exner. „Sie arbeiten uneingeschränkt weiter“, hieß es. Zunächst berichtete die Wirtschaftswoche hierüber.

Weltmarktführer für Kfz-Schließsysteme muss Insolvenz anmelden – nach 168 Jahren

Nach Angaben des Insolvenzverwalters ist Kiekert der Weltmarktführer für Kfz-Schließsysteme. Von Kiekert komme das Schließsystemdesign für jedes dritte Auto weltweit, hieß es. Derzeit beschäftige die Unternehmensgruppe insgesamt 4.500 Menschen an elf globalen Standorten. Kiekert gilt als Erfinder der modernen Zentralverriegelung. 2012 war das Unternehmen vom chinesischen Automobilzulieferer Lingyun (Peking) übernommen worden.

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In einer offiziellen Mitteilung heißt es von Vorstandschef Jérôme Debreu: „Die Insolvenz ist die Konsequenz daraus, dass der chinesische Gesellschafter keine weiteren Mittel bereitgestellt und seine finanziellen Verpflichtungen im dreistelligen Millionenbereich nicht erfüllt hat“. Debreu stellt klar: „Der von Sanktionen betroffene Gesellschafter verwehrt uns den Zugang zu wichtigen Märkten und Finanzierungen, was unsere Geschäftstätigkeit erheblich gefährdet“.

Nun sei es das Ziel des Managements, den Ausstieg des chinesischen Gesellschafters zu erreichen. Dies sei entscheidend, um das Wachstum zu beschleunigen und die 168-jährige Geschichte von Kiekert als systemischem Zulieferer der Automobilindustrie fortzusetzen.

Insolvenzantrag von Kiekert AG kein Einzelfall – Autozulieferer extrem betroffen

De facto habe die Kiekert AG auch durch die geopolitischen Entwicklungen – insbesondere die US-Sanktionspolitik – erhebliche Auftragsverluste hinnehmen müssen, hieß es weiter. „Amerikanische Kunden haben bereits erteilte Großaufträge zurückgezogen, Rating-Agenturen das Unternehmen aufgrund des chinesischen Gesellschafters heruntergestuft, Banken verweigern neue Kredite“. In dieser Situation sei der Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens die einzig verbliebene Option, um die Kiekert AG zu restrukturieren und zukunftsfähig aufzustellen.

Wie die Atradius Kreditversicherung bereits Mitte September mitteilte, würde die Zahl der Großinsolvenzen in Deutschland im ersten Halbjahr 2025 ein Rekordhoch erreichen. Die Rede ist dabei von 207 eben jenen Insolvenzen – ein Anstieg um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Davon besonders betroffen: Autozulieferer. Sie machen den größten Anteil der Großinsolvenzen aus, mit 29 Fällen bei Unternehmen mit einem Jahresumsatz von über zehn Millionen Euro. (Quellen: Wirtschaftswoche, Atradius Kreditversicherung, Insolvenzbekanntmachungen.de, dpa; han)

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