Branche in der Krise

Autoindustrie im Wandel – Neuausrichtung auf Aufrüstung: „Es ist ganz klar ein Zukunftsmarkt“

Die Autoindustrie steckt in Schwierigkeiten. Unternehmen wenden sich nun der Rüstung zu. Doch ist das wirklich die Lösung?

Düsseldorf – Die deutsche Automobilindustrie steckt tief in der Krise – auch aufgrund des globalen Power-Players im in puncto Elektromobilität: China. Besonders betroffen sind Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, einst Hochburgen des Autobaus. Mercedes, Porsche, Bosch und ZF bauen massiv Stellen ab, allein Bosch plant in Schwäbisch Gmünd 1.300 Jobs zu streichen. Laut ZDF-Berichten suchen viele Unternehmen nun in der boomenden Rüstungsindustrie nach neuen Geschäftsfeldern, um die wirtschaftlichen Verluste auszugleichen.

Peter Hodapp, Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens, fertigte früher Türen und Werkstore für Mercedes und Porsche. Doch seit die Autobauer ihre Bestellungen eingestellt haben, fehlen Hodapp rund zehn Prozent seines Umsatzes. Er baut nun Türen für Bundeswehrkasernen und Rüstungsunternehmen. Gegenüber dem ZDF sagte Hodapp: „Weil es ganz klar ein Zukunftsmarkt ist.“

Krise zwingt Autobranche zur Umstrukturierung: Rheinmetall profitiert von Autokrise

Auch Rheinmetall, einer der größten deutschen Rüstungskonzerne, profitiert von der Krise der Autobranche. In Nordrhein-Westfalen investiert Rheinmetall rund 200 Millionen Euro in ein neues Werk in Weeze bei Düsseldorf, wo künftig Rumpfteile für den US-Tarnkappenbomber F-35 produziert werden sollen. Rheinmetall prüft zudem, den Luftabwehrpanzer Skyranger im bisherigen Autozulieferwerk in Neuss zu fertigen, berichtete die Rheinische Post. Geschäftsführer Armin Papperger betonte: „Wir haben Wort gehalten und im Rheinmetall-Tempo eine Hightech-Fabrik für das Herzstück des modernsten Kampfjets der Welt errichtet.“

Die Politik unterstützt diesen Kurs ausdrücklich. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) begrüßt die Investitionen in einer Pressemitteilung Anfang Juli: „Strategische Projekte wie das F-35-Werk in Weeze stärken den Standort und leisten einen wichtigen Beitrag zur sicherheitspolitischen Infrastruktur Europas.“ Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) sieht die Entwicklung positiv. Im ZDF-Interview sagte er: „Wenn in Sparten, die jetzt gerade schrumpfen, Arbeitskräfte freigesetzt werden, dann ist das eine Chance für die Betriebe, diese Kräfte aufzufangen.“ Kretschmann erklärte zudem, Pazifismus heiße nun, verteidigungsbereit zu sein.

Leoparden statt Golfs? Die Zuwendung der Autoindustrie zur Rüstungsbranche wirft viele Fragen auf. Wirtschaftlich mag sie kurzfristig Sinn ergeben, doch langfristig drohen gesellschaftliche wie moralische Konflikte.

Politik begrüßt Wechsel zur Rüstungsindustrie: Moralische Bedenken bei Unternehmern

Doch die Umstellung ist nicht unumstritten. Viele Unternehmer scheuen sich, öffentlich über ihre neuen Rüstungsaktivitäten zu sprechen – aus Angst, als Kriegsgewinnler zu gelten. Viacheslav Gromov, Geschäftsführer des Offenburger Unternehmens AITAD, hat sich dennoch entschieden, offen damit umzugehen. Seine Firma stellt KI-Chips her, die nun Drohnen abwehren sollen. Gegenüber dem ZDF erklärte Gromov, dass diese KI „nicht angreifen und nicht zwischen Leben und Tod entscheiden, sondern im Zweifel vielleicht ein Leben retten“ solle.

Der Politikökonom Patrick Kaczmarczyk sieht die Entwicklung kritisch. Er bezeichnet den Rüstungsboom als „risikoreiche Wette mit niedriger gesamtwirtschaftlicher Rendite“. Laut Kaczmarczyk bringe jeder Euro, der in die Rüstungsindustrie investiert werde, nur zusätzliche 50 Cent zum Bruttoinlandsprodukt, während Investitionen in öffentliche Infrastruktur wesentlich höhere Renditen erzielen könnten. Er kritisierte zudem intransparente Vergabeverfahren, die vor allem großen Konzernen zugutekämen – Mittelständler sowie Steuerzahler hätten das Nachsehen.

Spitzenreiter mit fast 19 Millionen Euro – so viel verdienen Chefs der DAX-Unternehmen

Deutschland erlebt wirtschaftlich turbulente Zeiten. Wie wirkt sich das auf die Chefs der DAX-Konzerne aus? Hier kommt die Übersicht mit den Top 30
Platz 30: Der Rückversicherer Hannover Rück verbuchte 2024 einen Rekordgewinn von rund 2,3 Milliarden Euro. Das Gehalt des scheidenden Vorstandsvorsitzenden Jean-Jacques Henchoz kletterte um etwa ein Drittel auf 2,7 Mio. Euro
Platz 29: DHL und die Deutsche Post erlitten 2024 einen deutlichen Gewinneinbruch. Auch die Vergütung mitsamt Boni des Vorstandschefs ist merklich gesunken: die Vergütung von Tobias Meyer schrumpfte auf 2,9 Mio. Euro
Platz 28: Der größte deutsche Immobilien-Konzern Vonovia sieht sich immer wieder Kritik ausgesetzt, angesichts von vermeintlich ungerechtfertigter Mieterhöhungen. 2024 schloss die Vonovia SE das Geschäftsjahr positiv ab. Vorstandschef Rolf Buch erhält aktuell Bezüge in Höhe von ca. 3,9 Mio. Euro
Spitzenreiter mit fast 19 Millionen Euro – so viel verdienen Chefs der DAX-Unternehmen

Krise bei Bosch und Co.: Auswirkungen auf Auszubildende und junge Fachkräfte

Auch auf junge Menschen wirkt sich die Krise aus. Laut SWR gibt es zwar trotz Krise genügend Ausbildungsplätze in der Automobilindustrie, doch die Unsicherheit wächst. Leon Zeller, Azubi bei Bosch in Schwäbisch Gmünd, macht sich Sorgen um seine berufliche Zukunft. Gegenüber dem SWR erklärte er Anfang März 2025: „Es lässt einen nicht los, in der Arbeit genauso wie privat.“ Dennoch würde er eine Ausbildung in der Automobilindustrie weiterempfehlen, da man viele Chancen zur Weiterbildung habe.

Die Entscheidung der Autoindustrie, in die Rüstungsbranche zu wechseln, betrifft nicht nur wirtschaftliche Aspekte, sondern wirft auch gesellschaftliche und moralische Fragen auf. Die Bundesregierung unterstützt diese Entwicklung durch milliardenschwere Investitionen mithilfe des Sondervermögens Bundeswehr. Für viele mittelständische Unternehmen stellt die Umstellung auf Rüstungsproduktion jedoch eine große Herausforderung dar. Anfang Juli kamen laut ZDF mehr als 350 Interessierte zu einer Infoveranstaltung der IHK Stuttgart, um sich über die Zusammenarbeit mit Bundeswehr und NATO zu informieren – vor wenigen Jahren waren es gerade mal zehn. Stefan Bogenrieder, Geschäftsführer von Campus Schwarzwald, erklärte gegenüber dem ZDF: „Die Unternehmen wollen sich an den Ecken beteiligen, wo man dann auch sinnvoll Geld verdienen kann.“ (ls)

Rubriklistenbild: © IMAGO / photothek

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