Keine Volksautos mehr

Alarm aus der Chefetage zweier Autobauer: „Europas Markt droht zu halbieren“

Die Konzerne Stellantis und Renault fordern von der EU Reformen für das Kleinwagensegment – sonst seien Werksschließungen in Europa unausweichlich.

Paris/Brüssel – Der europäische Automarkt steckt in der Krise – und das nicht erst seit gestern. In einem gemeinsamen Interview mit der französischen Zeitung Le Figaro warnen Stellantis-Chef John Elkann und Renault-CEO Luca de Meo eindringlich vor den Folgen überbordender Regulierung. 

Seit Jahren geht es mit den Verkaufszahlen bergab, erläutert Elkann: „Der europäische Automobilmarkt ist nun schon fünf Jahre im Niedergang begriffen. Er ist der einzige der großen Weltmärkte, der sein Niveau vor der Zeit der Covid-Pandemie noch nicht wieder erreicht hat.“

Tatsächlich wurden 2024 in Europa – den 27 EU-Mitgliedsstaaten, Großbritannien und der Schweiz – nur noch 15 Millionen Fahrzeuge verkauft. 2019 waren es im Gegensatz dazu noch 18 Millionen. Für Elkann ist klar: „Bei der aktuellen Verkaufsrate könnte der Markt innerhalb eines Jahrzehnts um mehr als die Hälfte schrumpfen.“

Leidet Europa unter der Premiumstrategie der deutschen Autobauer?

Ein Grund für diese Entwicklung liegt laut de Meo in der einseitigen Ausrichtung vieler Hersteller und Behörden auf das Premiumsegment: Während sich Renault und Stellantis auf erschwingliche Fahrzeuge für europäische Kunden konzentrieren, verfolgen BMW, Mercedes und Marken der Volkswagen AG zunehmend eine Exportstrategie – etwa für die Märkte in den USA oder China. „Für sie zählt Europa zwar, aber ihre Priorität liegt auf dem Export“, sagt de Meo. 

Diese Ausrichtung habe die Marktdynamik verändert: „In den letzten 20 Jahren hat ihre Logik die Marktregulierung diktiert. Und das Ergebnis ist, dass die europäischen Vorschriften dazu führen, dass unsere Autos immer komplexer, immer schwerer und immer teurer werden – und die meisten Leute sie sich einfach nicht mehr leisten können.“

Luca de Meo ist CEO von Renault. Für den französischen Autobauer hat das Kleinwagensegment eine bedeutende Rolle.

Bezahlbare Kleinwagen sind in Europa Opfer der Bürokratie geworden

Besonders dramatisch ist die Lage für das Segment der kleinen und bezahlbaren Fahrzeuge – einst das Rückgrat der europäischen Autobranche. Doch genau diese Modelle lohnen sich laut den Managern kaum noch. Der Grund: zu viele Vorschriften, zu hohe Kosten. „Wir fordern eine differenzierte Regelung für kleinere Autos“, erklärt de Meo. „Es gibt zu viele Vorschriften für größere und teurere Autos, was bedeutet, dass wir kleinere Autos nicht unter akzeptablen Rentabilitätsbedingungen herstellen können.“

Ein konkretes Beispiel nennt der Renault-Chef gleich mit: Muss ein Kleinwagen, der überwiegend im Stadtverkehr eingesetzt wird, wirklich mit einem Spurhalteassistenten ausgestattet sein? Auch bei Crashtests würden dieselben Standards wie bei schweren Luxuslimousinen gelten – ein Aufwand, der die Preise in die Höhe treibt.

Wettbewerb der Produktionsstandorte: Gefahr für Werke in Europa

Die beiden CEO schlagen daher vor, Kleinwagen von bestimmten EU-Anforderungen künftig auszunehmen – zumindest dann, wenn sie vorrangig für den europäischen Markt gedacht sind. Frankreich, Italien und Spanien sollten hier vorangehen, da die Nachfrage nach günstigen Autos dort besonders groß sei. „Europa muss zurück zu den Autos fürs Volk finden“, fordert Elkann. Sonst würden drastische Konsequenzen drohen: „Wenn sich die Entwicklung bei diesem Tempo nicht ändert, werden wir in den nächsten drei Jahren einige schmerzhafte Entscheidungen für unsere Produktionsbasis treffen müssen.“

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Schon jetzt sei der Anteil an Autos unter vier Metern Länge drastisch geschrumpft – von 50 Prozent auf heute nur noch fünf Prozent. Die Folge: Kleinwagen verschwinden aus dem Markt, während sich immer weniger Menschen die verbleibenden Modelle leisten können.

Stellantis und Renault schlagen Alarm: Lob für Japan, Kritik an Brüssel

Dass es auch anders geht, zeigen laut de Meo die japanischen „Kei Cars“ – sehr kleine, aber dennoch profitable Fahrzeuge. Dort würden Kommunen durch gezielte Förderpolitik deren Verbreitung aktiv unterstützen. Ein Vorbild für Europa?

In Brüssel sieht man die Lage inzwischen offenbar ähnlich, hoffen zumindest Elkann und de Meo. Doch bislang seien es nur Ankündigungen. „Im Augenblick sind es nur Worte, Resultate gibt es dagegen keine“, kritisiert Elkann. Dabei sei die EU-Kommission mit ihren zahlreichen Vorschriften und Generaldirektionen selbst Teil des Problems. „Ein Viertel unserer Ingenieursarbeit entfällt nur auf die Umsetzung der Vorschriften“, so Elkann weiter – und bis 2030 kämen weitere neue Regeln hinzu. De Meo warnt: „Sie werden die Preise unserer Fahrzeuge um weitere 40 Prozent in die Höhe treiben.“

Stellantis-Chef John Elkann (r.) warnt vor dem Niedergang des europäischen Automarkts. Das liege zum großen Teil am Regulierungswahn der EU.

E-Autos oder Technologie-Offenheit? Es gibt nicht nur eine Lösung

Auch bei der Antriebswende fordern die Konzernchefs von Stellantis und Renault ein Umdenken. Die EU konzentriere sich zu stark auf Neuwagen mit Elektroantrieb

Stattdessen sei es ökologisch sinnvoller, alte Autos zu ersetzen – durch moderne, effizientere Modelle verschiedenster Technologien. „Die Dekarbonisierung kann wirklich beschleunigt werden, wenn man den Fahrzeugpark durch verschiedene innovative und wettbewerbsfähige Technologien erneuert“, erklärt Elkann.

Bemerkenswert ist zudem folgende These des Stellantis-Chefs: „Der Sprung von einer Euro-3-Norm bis zur Euro-6-Norm für Verbrennungsmotoren hat letztendlich mehr für das Klima getan als der von der Euro-6-Norm zum Elektroauto.“ (PF)

Rubriklistenbild: © ABACAPRESS/Imago

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