„Mafiöse Strukturen“

Krasse Widersprüche in Crans-Montana: Bar-Betreiber gehen auf Gemeinde los – neuer Verdacht

Nach dem Brand im „Le Constellation“ erheben jetzt Gastronomen aus Crans-Montana Vorwürfe, die Gemeinde kontrolliere nicht sorgfältig. Offizielle widersprechen.

Crans-Montana – Nach der Silvester-Brandkatastrophe mit mindestens 40 Toten geraten die Behörden von Crans-Montana unter Beschuss. Mehrere Lokalbesitzer erheben schwere Vorwürfe gegen die Gemeinde – und sprechen von dramatischen Versäumnissen bei den Brandschutzkontrollen.

Wurden die Bars in Crans-Montana ausreichend kontrolliert? Lokale Gastronomen sagen: Nein.

Die Aussagen von Bar-Betreiber Jacques Moretti sorgen für Wirbel. Der Besitzer der abgebrannten Bar „Le Constellation“ erklärte gegenüber dem Tribune de Genève: „Der Betrieb wurde in den vergangenen zehn Jahren dreimal kontrolliert. Alles im Lokal hat den Vorschriften entsprochen.“

Bar „Le Constellation“ vor Silvester-Brand nur dreimal kontrolliert?

Das entspräche nicht den gesetzlichen Vorschriften. Laut der Walliser Verordnung müssen öffentlich zugängliche Gebäude jährlich inspiziert werden. Ein Brandschutzexperte bestätigte dem Blick, dass diese Vorschrift auch für die Bar „Le Constellation“ gegolten haben müsse.

Gemeindepräsident Nicolas Féraud geht in die Defensive. Gegenüber dem Westschweizer Radio RTS betonte er: „Bei der Kontrolle von Bars gab es bei der Gemeinde Crans-Montana keine lasche Haltung.“ Die Gemeinde habe der Staatsanwaltschaft sämtliche Berichte über „Le Constellation“ übergeben.

Silvesternacht: Brand in Schweizer Bar fordert 40 Todesopfer – Bilder vom Unglücksort

Während einer Silvesterparty in einem Schweizer Nobel-Skiort brach in einer Bar ein Feuer aus. Dutzende Menschen starben. Viele Fragen sind noch offen – vor allem zu den Hintergründen.
Der Schweizer Skiort Crans-Montana im Kanton Wallis
Explosion bei Silvesterparty in Skiort in der Schweiz.
Explosion bei Silvesterparty in Skiort in der Schweiz.
Silvesternacht: Brand in Schweizer Bar fordert 40 Todesopfer – Bilder vom Unglücksort

Doch konkrete Angaben zu Kontrollterminen macht Féraud nicht. Zur Frage, wann und wie oft die Bar kontrolliert wurde, konnte auch Sicherheitsvorsteher Stéphane Ganzer auf einer Pressekonferenz keine Antwort geben.

Gastronomen aus Crans-Montana erheben nach Brand Vorwürfe: Angeblich schlampige Kontrollen

Ein Bar-Betreiber aus Crans-Montana, der anonym bleiben möchte, erhebt beim Focus schwere Vorwürfe. Er berichtet von schlampigen Brandschutzkontrollen und mangelnder Durchsetzung: „Nicht alles im Gebäude, in dem sich meine Bar befindet, entspricht dem Brandschutz.“ Gegenüber dem Spiegel äußern sich weitere Lokalbesitzer ähnlich. „Brandschutz-Kontrolleure kommen aber nur vorbei, wenn jemand ein neues Lokal aufmacht oder wenn es irgendwo einen Besitzerwechsel gibt“, sagt einer. Ein anderer spricht von „mafiösen Strukturen“. Manche Betreiber, die einen guten Stand in der Gemeinde hätten, seien in den vergangenen sieben Jahren fast überhaupt nicht kontrolliert worden.

Die Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis hat ein Strafverfahren gegen das Betreiber-Ehepaar Jacques und Jessica Moretti eingeleitet. Im Schweizer Skiort brach in der Silvesternacht gegen 1.30 Uhr das Feuer in der Bar „Le Constellation“ aus, vermutlich als Sprühkerzen an Champagnerflaschen den Akustikschaumstoff an der Decke entzündeten.

Neuer Verdacht in Crans-Montana: Wurde mutmaßlicher Brand-Auslöser nie beanstandet?

Dahingehend laufen auch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. War das Material brandschutzkonform? Bei den Schaumstoffteilen an der Decke könnte es sich um preiswerte Baumarkt-Produkte gehandelt haben. In Gastronomiebetrieben dürfen eigentlich nur zertifizierte Matten verwendet werden. Aussagen des Wirts werfen jetzt den neuen Verdacht auf: Die Schaumstoff-Isolierung im „Le Constellation“ wurde offenbar nie beanstandet.

Als Zivilklägerin wird sich die Gemeinde Crans-Montana am Strafverfahren beteiligen. Ob die Kontrollen tatsächlich vorschriftsmäßig durchgeführt wurden, müssen nun die Untersuchungen zeigen. (Verwendete Quellen: Tribune de Genève, Verordnung des Kanton Wallis, Blick, Focus, Spiegel) (moe)

Rubriklistenbild: © Marco Alpozzi/picture alliance/dpa/LaPresse via ZUMA Press

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare