Analyse
Rock am Ring 2023 im Wandel: Festival-Besucher kehren Headliner den Rücken
Rock am Ring hat die Saison der großen Sommer-Festivals eröffnet. Aber nicht alles war gut. Der deutschen Festival-Landschaft steht ein Wandel bevor.
Nürburg - Die „Nach-Corona-Euphorie“ ist vorbei. Stürmten 2022 noch 90.000 Fans zu Rock am Ring, feierten die lang erhoffte Rückkehr ins normale Leben und sorgten dafür, dass es stellenweise zu eng an der legendären Rennstrecke wurde, konnten in diesem Jahr nur etwas mehr als 70.000 Festivalbändchen an den Handgelenken der Besucher festgezurrt werden.
Grund dafür waren wohl unter anderem die gestiegenen Ticketpreise: rund 300 Euro und mehr mussten Ringrocker für das Wochenende mit Camping auf den Tisch legen. Vergleichbare Preise werden jedoch auch beim Wacken Open Air, dem norddeutschen Metal-Festival in gleicher Größenordnung, fällig. Es gibt wohl kaum einen Festival-Veranstalter, der in diesem Jahr nicht mit enormen Preissteigerungen bei Band-Gagen, Energie oder auch Banalitäten, wie der Miete mobiler Toiletten, zu kämpfen hat. Abseits der Eintrittsgelder lasse sich diese Kostenexplosion nur bedingt auffangen, sagt die „EVENTIMPRESENTS GMBH & CO. KG, als Veranstalter von Rock am Ring.
Doch gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen Ring und Wacken: In einer Rekordzeit von nur fünf Stunden waren alle 80.000 Tickets für das Wacken-Festival ausverkauft - trotz teurerer Tickets. Am Ring hingegen hoffte man am Wochenende auf spontane Besucher.
Rock am Ring 2023: 72 Künstler und ein Programm, das „noch nie so vielseitig“ war
Entscheidend bei der Suche nach einer Erklärung sind wohl die unterschiedlichen Zielgruppen. Während in Wacken der vollen Fokus auf der Gefolgschaft aus Metal-Fans legt, will Rock am Ring seit jeher die breite Masse der Livemusik bieten. Den treuen Metal-Fans scheint es fast egal zu sein, wer auf der Wacken-Bühne steht. Rock-am-Ring-Besucher sind da offenbar kritischer.
Zwar sorgten die Band-Booker mit 72 Acts wieder einmal für ein Lineup, bei dem für jeden etwas dabei ist. Doch fehlte in 2023 mutmaßlich „der“ Mega-Act, den man am Ring noch nie zuvor gesehen hat, für den allein Tausende kommen. Die Veranstalter selbst sprechen von einem „bis dato noch nie so vielseitigem und diversem Bühnenprogramm“.
Rock am Ring 2023: Rapper sorgen für ganz besonders ausgelassene Stimmung
Auffällig: Deutschrapper wie KIZ, Kontra K oder Apache 207, aber auch die Indieband Giant Rooks aus Hamm oder die rappenden Punker von Fever 333 aus Los Angeles zogen riesige Besuchermassen an. Die Fans tanzten, sangen, eskalierten, sodass der allgemeine Besucherschwund am Ring in keiner Weise spürbar wurde. Im Kampf um die Massen war der Rapper Finch am Freitagabend zudem enorme Konkurrenz für den starken Auftritt der Rockband Foo Fighters, die zeitgleich als Headliner auf der Hauptbühne stand.
Solides, aber wenig überraschendes Musik- und Show-Handwerk brachten unter anderem Tenacious D (Rock), Rise Against (Punkrock) oder Limp Bizkit (Nu-Metal) auf die größte der drei Bühnen.
Rock am Ring 2023: Fans kehren Kings of Leon den Rücken - große Lücken vor der Bühne
Überraschend große Publikums-Lücken gab es bei den Kings of Leon, ausgerechnet dem Haupt-Act am Samstag. Das Ende ihres Auftritts lässt Raum für die Interpretation, dass die US-Rockband nach dem unerwartet emotionslos gebliebenen Finale mit einem ihrer bekanntesten Songs, „Sex on Fire“, einfach nur noch runter von der Bühne wollten. Noch während Schlagzeuger Nathan Followill seine Drumsticks in die Hände treuer Fans in der ersten Reihe warf, verließen die meisten Zuschauer den Besucherbereich in einem derart rasanten Tempo, als hätte das Gerücht von Freibier auf dem Campingplatz die Runde gemacht.
Wenige Minuten vor dieser Szenerie hatte Rapper Kontra K übrigens per Feuerwerk unter lautem Jubel und Zugabe-Rufen sein Konzert auf der gegenüberliegenden Bühne beendet. Ähnlich lautstark reagierte die Masse vor der Hauptbühne auch am Freitagnachmittag, als Olaf der Flipper als Überraschungsgast und Pausen-Bespaßer ein kurzes Best-of seiner ehemaligen Schlagerband „Die Flippers“ präsentierte. Beim wiederbelebten Flippers-Song „Wir sagen Dankeschön“, zeigte sich der Ring derart textsicher, dass mancher wohl kurzzeitig die Befürchtung hatte, auf dem Willinger Schlagerstern erwacht zu sein.
Rock am Ring: Die besten Fotos vom Auftakt in die Festival-Saison 2023




Rock am Ring 2023: Tote Hosen, Sum 41, Machine Gun Kelly zeigen am Sonntag, dass (Punk-)Rock weiterhin funktioniert
Dass alteingesessene (Punk-)Rocker den Ring trotzdem weiterhin in ihren Bann ziehen und die Massen begeistern können, bewiesen am Sonntag unter anderem Sum 41, die sich nach 27 Jahren auf Abschiedstour finden, und die Toten Hosen bei ihrem zehnten Ring-Auftritt. Vor den Toten Hosen – die Band sorgte mit einem Kasten Bier für Aufsehen – hatte Machine Gun Kelly zudem eindrucksvoll demonstriert, wie sich Punk und Rap vereinen lassen.
Rock am Ring 2023: Die Lehren für die Zukunft
Der Start in die neue Festival-Saison zeigt: Die Fans haben Lust - auf Party, Überraschungen und frische Livemusik. Auch junge Musik-Fans kommen zu „Festival-Elefanten“ wie Rock am Ring, wenn die Stars ihrer Generation auf der Bühne stehen. Mit einstigen Zuschauer-Garanten wie den Kings of Leon hingegen, können die Jüngeren offenbar nicht mehr viel anfangen.
Die Macher von Rock am Ring sind gut beraten, wenn sie sich bei der Breite der Musik-Genres auch in der Zukunft an der Länge der Nordschleife orientieren. Rock am Ring 2023 hat verdeutlicht, dass vor allem die in der jungen Zielgruppe beliebten Rap-Musiker es schaffen, den Ring zu rocken. Trotzdem muss kein eingefleischter Rocker befürchten, dass das Festival irgendwann in Rap am Ring umgetauft wird.
Rock am Ring 2023: Tickets für 2024 ab Montag im Vorverkauf
Auch 2024 soll der Ring wieder gerockt werden: Der Vorverkauf für Rock am Ring vom 7. bis 9. Juni 2024 startet am Montag, 05. Juni 2023, um 12 Uhr.
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