Schwimmen
Das Seepferdchen ist nicht genug! Bundesverband legt Latte für Schwimmabzeichen höher
Mit der neuen Prüfungsordnung zum 1. Januar 2020 rückt bei den Schwimmern der Leistungsgedanke zugunsten der Überlebensfähigkeit in den Hintergrund, was in Hamm prinzipiell auf Zustimmung stößt.
Hamm – Mit der Begründung, dass wieder mehr Kinder in der Lage sein sollten, sich sicher über Wasser zu halten, hat der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) erstmals seit vielen Jahren seine Prüfungsordnung geändert. Konkret müssen die Prüflinge nun höhere Aufgaben bewältigen, um ein bestimmtes Abzeichen zu erhalten.
Das fängt schon beim Seepferdchen an, welches nun Grundkenntnisse der Baderegeln erfordert. Nach wie vor müssen die Kinder 25 Meter schwimmen, also eine kleine Bahn in Bauch- oder Rückenlage, absolvieren. Das Heraufholen eines Gegenstandes aus dem Wasser zählt, genau wie der Sprung vom Beckenrand ins kühle Nass, weiter zu den Bestandteilen der Prüfung.
Anders als zuvor müssen die Kinder von nun an jedoch den Sprung ins Wasser mit dem anschließenden Schwimmen direkt verbinden. Was zunächst nach einer kleinen Veränderung klingt, könnte bei den Prüflingen auf Unbehagen stoßen. „Ich glaube, dass es für die Kinder schwieriger sein wird. Alles hintereinander abzuwickeln, ist eine größere Herausforderung und erfordert mehr Überwindung“, betont Daniel Jackenroll, Vorsitzender des SV Heessen. Sinnvoll findet er die Reform trotzdem. „Nach dem Sprung direkt loszuschwimmen, dient auch der Orientierung unter Wasser“, erklärt Jackenroll.
Jackenroll: "Die Eltern müssen ihre Kinder motivieren"
Orientierung und Sicherheit seien wichtig, insbesondere heutzutage, deutet die bekennende „Wasserratte“ auf einen unübersehbaren Trend. „Früher sind wir schon mit sechs Jahren zum Freibad geradelt. Da konnte gefühlt jeder schwimmen. Mittlerweile ist das anders, weil die Eltern ihre Kinder zu wenig mit dem Wasser vertraut machen. Teilweise haben die Jüngeren sogar Angst davor, wenn sie zu uns kommen“, so Jackenroll.
Das führt wiederum dazu, dass sie sich dem Schwimmen abwenden und immer weniger Kinder und Jugendliche überhaupt in der Lage sind, sich über Wasser zu halten. Erschwerend kommt hinzu, dass das Seepferdchen überinterpretiert wird. „Es ist ein trügerisches Abzeichen“, bemerkt Jackenroll. „Vor allem, wenn das Kind danach zwei oder drei Wochen nicht mehr im Wasser ist, dann verlernt es das Schwimmen wieder.“ Deshalb sei die Prüfungsreform sinnvoll, aber nicht ausreichend. „Die Eltern müssen ihre Kinder motivieren, dranzubleiben und dazu müssen wir wiederum die Eltern anhalten.“
Denn das Seepferdchen ist nicht mehr als ein erster Schritt. Nur wer das Bronze-Abzeichen erhält, gilt als sicherer Schwimmer. Deshalb reicht es auch nicht mehr, bloß 200 Meter in acht Minuten abzulegen. Insgesamt müssen sich die Schwimmer nun eine Viertelstunde in der Bahn fortbewegen können, wohlgemerkt in Brust- oder Rückenlage. „Es ist schon eine große Veränderung. Wir müssen unser gesamtes Unterrichtskonzept umstellen“, sagt Katrin Langenstroth von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), Ortsruppe Hamm-Nordwest. „Angebracht ist die neue Prüfungsordnung schon. Es kommt jetzt auf den richtigen Stil, die Atmung und die Ausdauer an“, erklärt Langenstroth.
Toleranz für Schwmmbäder jeglicher Art
Entsprechend steigen auch die Anforderungen für das Silber- und Goldabzeichen, die nun einen 20- und 30-minütigen Aufenthalt im Wasser erfordern. Doch die Reform hebt nicht nur das Niveau, sie gewährleistet auch Spielraum.
Zum Beispiel passt sich die neue Ordnung den Gegebenheiten in den unterschiedlichen Schwimmbädern an. Statt aus drei Metern ins Wasser zu springen, reichen dem Prüfling auf dem Weg zum Silberabzeichen auch zwei verschiedene Sprünge vom Einmeterbrett. „Wir finden diese Toleranz sehr gut. Jetzt können die Prüfungen auch im Maximare abgelegt werden, was uns die Organisation erleichtert“, merkt Langenstroth an.
Was sich ebenfalls ändert: Zwischen den Abzeichen von Kindern und Erwachsenen wird künftig nicht mehr unterschieden, was wiederum den höher gewordenen Standard unterstreicht. Doch nicht alle sind davon überzeugt, dass das Anziehen der Prüfungsanforderungen wirklich den Leistungsgedanken zugunsten der Überlebensfähigkeit ausklammert: „Ich halte die Umstrukturierung nicht im Kern für sinnvoll“, sagt Dietmar Schneider. Der Sportliche Leiter von Delphin Hamm vermutet, dass die neue Ordnung aus dem Druck der Schulen erwachsen ist. „Die Diskussion um das Seepferdchen besteht schon eine ganze Weile. Quasi seit der alten Prüfungsordnung.“
Diese entstand 2002 und wurde 2004 noch einmal korrigiert, ehe sie nun erstmals seit 16 Jahren wieder angerührt wurde. „Wenn man diesen Zeitraum berücksichtigt, dann fällt auf, dass sich jetzt gar nicht so viel ändert“, bekräftigt Schneider und deutet auf die zusätzlichen Kosten für die Schwimmvereine. „Deshalb werden wir die einjährige Übergangszeit, die uns eingeräumt wurde, voll ausschöpfen und zunächst noch die alten Schwimmabzeichen ausstellen.“ Ab dem 1. Januar 2021 wird dann nur noch das Deutsche Schwimmabzeichen nach der neuen Ordnung ausgegeben.
Die Anforderungen im Überblick
Seepferdchen:
- Sprung vom Beckenrand mit anschließendem 25 m Schwimmen in einer Schwimmart in Bauch- oder Rückenlage (Grobform, während des Schwimmens in Bauchlage erkennbar ins Wasser ausatmen)
- Heraufholen eines Gegenstandes mit den Händen aus schultertiefem Wasser (Schultertiefe bezogen auf den Prüfling)
- Kenntnis von Baderegeln
Bronze:
- Sprung kopfwärts vom Beckenrand und 15 Minuten Schwimmen. In dieser Zeit sind mindestens 200 m zurückzulegen, davon 150 m in Bauch oder Rückenlage in einer erkennbaren Schwimmart und 50 m in der anderen Körperlage (Wechsel der Körperlage während des Schwimmens auf der Schwimmbahn ohne Festhalten)
- einmal ca. 2 m Tieftauchen von der Wasseroberfläche mit Heraufholen eines Gegenstandes (z.B. kleiner Tauchring)
- Ein Paketsprung vom Startblock oder 1 m-Brett
- Baderegeln
Silber:
- Sprung kopfwärts vom Beckenrand und 20 Minuten Schwimmen. In dieser Zeit sind mindestens 400 m zurückzulegen, davon 300 m in Bauch oder Rückenlage in einer erkennbaren Schwimmart und 100 m in der anderen Körperlage (Wechsel der Körperlage während des Schwimmens auf der Schwimmbahn ohne Festhalten)
- zweimal ca. 2 m Tieftauchen von der Wasseroberfläche mit Heraufholen je eines Gegenstandes (z.B. kleiner Tauchring)
- 10 m Streckentauchen mit Abstoßen vom Beckenrand im Wasser
- Ein Sprung aus 3 m Höhe oder zwei verschiedene Sprünge aus 1 m Höhe
- Baderegeln
- Verhalten zur Selbstrettung (z. B. Verhalten bei Erschöpfung, Lösen von Krämpfen)
Gold:
- Sprung kopfwärts vom Beckenrand und 30 Minuten Schwimmen. In dieser Zeit sind mindestens 800 m zurückzulegen, davon 650 m in Bauch oder Rückenlage in einer erkennbaren Schwimmart und 150 m in der anderen Körperlage (Wechsel der Körperlage während des Schwimmens auf der Schwimmbahn ohne Festhalten).
- Startsprung und 25 m Kraulschwimmen
- Startsprung und 50 m Brustschwimmen in höchstens 1:15 Minuten
- 50 m Rückenschwimmen mit Grätschschwung ohne Armtätigkeit oder Rückenkraulschwimmen
- 10 m Streckentauchen aus der Schwimmlage (ohne Abstoßen vom Beckenrand)
- dreimal ca. 2 m Tieftauchen von der Wasseroberfläche mit Heraufholen je eines Gegenstandes (z.B. kleiner Tauchring) innerhalb von 3 Minuten
- Ein Sprung aus 3 m Höhe oder 2 verschiedene Sprünge aus 1 m Höhe
- 50 m Transportschwimmen: Schieben oder Ziehen
- Baderegeln
- Hilfe bei Bade-, Boots- und Eisunfällen (Selbstrettung, einfache Fremdrettung)
