Deutschlands neue Militärdoktrin

„Stärkste Armee Europas“? Merz plant Neuaufstellung der Bundeswehr

Die Bundeswehr erfährt beispiellose Stärkung. Kanzler Merz initiiert Deutschlands sicherheitspolitische Wende – sind die Ziele erreichbar?

Berlin – Der neue Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat mit seiner ersten Regierungserklärung ein sicherheitspolitisches Großprojekt angekündigt: Die Bundeswehr soll zur „konventionell stärksten Armee Europas“ werden. Eine historische Wende, die mit enormen Ausgaben, strukturellen Reformen und gesellschaftlichem Wandel einhergehen muss – aber auch mit politischen Signalen an Partner und Gegner.

Kanzler Merz ambitioniert: Kann die Bundeswehr „Europas stärkste Armee“ werden?

„Wir wollen uns verteidigen können, damit wir uns nicht verteidigen müssen“, erklärte Merz im Bundestag. Mit diesem Satz knüpft er an die Zeitenwende-Rede seines Vorgängers Olaf Scholz an, geht jedoch einen Schritt weiter: Die Bundeswehr soll militärisch zur europäischen Führungsmacht werden – nicht nur symbolisch, sondern auch real.

Merz betonte, dass alle finanziellen Mittel, die die Bundeswehr braucht, um konventionell zur stärksten Armee Europas zu werden, bereitgestellt werden sollen. Eine klare Kampfansage an jahrelange sicherheitspolitische Zurückhaltung – und ein Zeichen an Nato-Partner wie die USA, Frankreich oder Polen.

Von Adenauer bis Merz: Die Kanzler der Bundesrepublik

Konrad Adenauer, eigentlich Conrad Hermann Joseph Adenauer,  war der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.
Adenauers Politik der Westintegration und des Wirtschaftsaufschwungs (“Wirtschaftswunder“) war erfolgreich.
Konrad Adenauer wurde am 5. Januar 1876 in Köln geboren und starb am 19. April 1967 in seinem Wohnort in Rhöndorf.
Ludwig Erhard war der zweite Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Er amtierte vom 17. Oktober 1963 bis zum 1. Dezember 1966.
Von Adenauer bis Merz: Die Kanzler der Bundesrepublik

Fünf-Prozent-Ziel für die Bundeswehr: Milliarden für die Sicherheit unter Union und SPD

Die Dimension der Pläne ist hierzulande beispiellos. Außenminister Johann Wadephul (CDU) schlug vor, die Verteidigungsausgaben auf fünf Prozent der Wirtschaftsleistung zu erhöhen – das wären rund 225 Milliarden Euro jährlich. Derzeit liegt der reguläre Etat bei rund 52 Milliarden Euro, hinzu kommen 20 Milliarden aus dem Sondervermögen.

Der Vorschlag, den Wadepuhl nun unterbreitet hat, geht sogar über frühere Nato-Forderungen hinaus und soll auch Infrastrukturinvestitionen (z. B. Brücken, Kasernen) abdecken. Merz bremste diesen Ansatz jüngst allerdings ein wenig.

Friedrich Merz kündigt eine historische Aufrüstung der Bundeswehr an. Sein Ziel: militärische Führungsrolle in Europa – aber der Weg ist weit.

Bundeswehr: Von Panzern bis zur Führung – was fehlt der Truppe?

Rüstungsexpertin Susanne Wiegand mahnt gegenüber der Bild, es fehle an allem: von Munition bis Luftabwehr, von Panzertruppen bis zu Drohnenaufklärung. Vor allem müsse die Luftverteidigung künftig „integriert, flächendeckend und durchhaltefähig“ werden. Drohnenaufklärung sei ebenso zentral wie die Fähigkeit zum Bodenkampf.

Ein weiteres Defizit sieht die Expertin bei der „Command & Control“-Fähigkeit – der Kommunikation und Führung über verschiedene Waffensysteme hinweg. Auch Militärexperte Thomas C. Theiner fordert in einer Analyse der Bild ein Umdenken: Die Regierung müsse bereit sein, notfalls selbst Waffenfabriken „aus dem Boden zu stampfen“.

Laut BR24 hat jeder Inspekteur der Teilstreitkräfte einen „langen Wunschzettel“. Artillerie, Flugabwehr, Langstreckenwaffen wie Taurus oder HIMARS seien dringend erforderlich. Die Marine brauche neue Fregatten (z. B. Klasse F127), die Luftwaffe moderne Systeme für elektronische Kriegführung.

Deutsche BundeswehrZahlen
Aktuelle Truppenstärke der Bundeswehr:ca. 182.000 Soldatinnen und Soldaten
Nato-Vorgabe ab 2029:260.000 Soldatinnen und Soldaten
Aktueller Anteil des BIP für Verteidigung (2025):2,1 % (ca. 72 Mrd. € inkl. Sondervermögen)
Platz im Global Firepower Index (Europa):Rang 4 (hinter UK, Frankreich, Italien)
Geplante Verteidigungsausgaben lt. Merz-Regierung:Bis zu 5 % des BIP = ca. 225 Mrd. €/Jahr

Der Flaschenhals Personal – und das große Ziel von 460.000 Bundeswehr-Soldaten

Noch gravierender als der Materialmangel ist die Personallücke. Derzeit umfasst die Bundeswehr rund 183.000 aktive Soldatinnen und Soldaten – das sind etwa 20.000 unter der Sollstärke, rechnet das Manager Magazin vor. Verteidigungsminister Boris Pistorius hat gegenüber der Welt als Ziel 260.000 aktive Kräfte bis 2030 ausgegeben.

Doch das reicht offenbar nicht: Generalinspekteur Carsten Breuer fordert ebenso wie CDU-Verteidigungspolitiker Roderich Kieswetter mittelfristig sogar 460.000 Soldatinnen und Soldaten – inklusive Reserve. Kiesewetter schlägt daher eine Wehrpflicht für Männer und Frauen vor.

Die Bundesregierung will zunächst mit einem freiwilligen Wehrdienst nach schwedischem Vorbild arbeiten. Doch wie Expertin Amelie Stelzner-Dogan, Referentin Bundeswehr und Gesellschaft bei der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, im BR24-Interview betont: „Ich vermute, dass es über Freiwilligkeit nicht möglich sein wird, so viele Interessenten zu gewinnen.“

Merz will mehr: Deutsche Bundeswehr europaweit nur auf dem vierten Platz

Wie realistisch ist das Ziel, militärisch anderen EU-Staaten vorbeizuziehen? Laut dem Global Firepower Index 2025 belegt Deutschland europaweit Platz 4 – hinter Großbritannien, Frankreich und Italien. Global rangiert Deutschland auf Platz 14.

Frankreich verfügt über eine einsatzfähige Atomstreitmacht, ein Flugzeugträger, moderne U-Boote und rund 203.000 aktive Soldaten. Polen will seine Armee auf 250.000 Mann ausbauen und investiert 4,12 % seines BIP in Verteidigung. Großbritannien fokussiert sich auf Hightech, etwa Drohnen und künstliche Intelligenz, bei vergleichsweise kleinem Personalumfang (140.000).

Neue Strategie unter Bundeskanzler Merz – oder alter Symbolismus?

Verteidigungsexperte Alexander Graef vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH) warnt laut BR24 davor, Merz‘ Ankündigungen zu wörtlich zu nehmen. Es gehe um ein „politisches Signal“, ähnlich wie schon unter Olaf Scholz, aber mit klarerem Fokus: Deutschland müsse „innerhalb der Nato“ liefern.

Auch Dr. Hans-Peter Bartels von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) fordert eine strukturelle Neuausrichtung. „Die Bundeswehr von morgen braucht von allem mehr“, betitelt er seine Analyse auf der DGAP-Website. Seine Forderung: 250.000 aktive Soldaten, Wiedereinführung der Wehrpflicht und mindestens 2,5 % des BIP als Mindestbudget.

Die Nato wächst und kämpft: Alle Mitgliedstaaten und Einsätze des Bündnisses

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Pistorius und Merz wollen bis 2029 „kriegstüchtig“ sein – aber wie?

Verteidigungsminister Pistorius will die Bundeswehr bis 2029 „kriegstüchtig“ machen. Doch wie lange würde es dauern, um zur stärksten Armee Europas zu werden? Laut Graef, berichtet wiederum BR24, könnte das bis in die 2030er-Jahre dauern – und nur dann, wenn Ziele, Personal, Material und Führung zusammenpassen.

Nicht nur Ausgaben sind entscheidend, sondern deren Umsetzung: Die Bundeswehr hat derzeit 1.700 Projekte beim Beschaffungsamt in Bearbeitung, notiert das Handelsblatt. Auch bei der Digitalisierung, etwa im Bereich KI oder Drohnenabwehr, bestehe großer Nachholbedarf. Heiko Borchert vom Defense AI Observatory (DAIO) an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg fordert mehr „Experimentierfähigkeit“ und konkrete Wirkungsmessung.

Mega-Upgrade der Bundeswehr unter Merz – nur mit Wille, Zeit und Gesellschaft

Kann also Deutschland die konventionell stärkste Armee Europas werden? Ja – aber nur mit massiven Investitionen, darüber scheinen sich die meisten Experten einig. Es braucht eine Verdopplung des Personals, strategische Modernisierung aller Waffengattungen, eine neue Beschaffungskultur und – nicht zuletzt – gesellschaftliche Akzeptanz.

Friedrich Merz sendet mit seinem Plan ein starkes außenpolitisches Signal. Doch der Weg zur Umsetzung ist lang, teuer – und keineswegs garantiert. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob Deutschland bereit ist, diesen Weg tatsächlich zu gehen.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Jürgen Heinrich

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