Haushalt contra Versprechen

Merz im Koalitionsausschuss: Harmoniephase endet – Streitthemen dominieren

CDU und CSU beharren auf Einsparungen bei Sozialleistungen, die SPD verweigert sich. Das Koalitionsversprechen droht zu zerbrechen.

Berlin – Das Klima zwischen CDU, CSU und SPD war noch vor wenigen Wochen von Aufbruchsstimmung geprägt. Doch kurz vor dem zweiten Koalitionsausschuss an diesem Mittwoch im Kanzleramt zeigt sich: Die Harmonie der ersten Wochen ist dahin. Streit gibt es unter anderem um die Stromsteuer, die Mütterrente und Fragen der Sozial- und Verteidigungspolitik – Themen, die nicht nur die Koalitionsparteien, sondern auch weite Teile der Gesellschaft bewegen.

Merz-Regierung ringt im Koalitionsausschuss um Streitthemen

Zentrales Streitthema ist die geplante Stromsteuersenkung. Im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD angekündigt, sowohl Unternehmen als auch Verbraucherinnen und Verbraucher „dauerhaft um mindestens fünf Cent pro kWh“ zu entlasten und dafür unter anderem die Stromsteuer auf das europäische Mindestmaß zu senken.

Nun sollen laut aktuellem Kabinettsbeschluss zunächst nur Unternehmen in Industrie sowie Land- und Forstwirtschaft profitieren. Die Senkung für Privathaushalte bleibt vorerst aus – angeblich aus finanziellen Gründen: Eine vollständige Umsetzung würde laut Bundesfinanzministerium rund 5,4 Milliarden Euro jährlich kosten, schreibt der Spiegel.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

Sozialverbände und Wirtschaft fordern von Union und SPD Einhaltung des Koalitionsvertrags

Diese Einschränkung trifft auf breite Ablehnung. Verena Bentele vom Sozialverband VdK spricht von einem gebrochenen Versprechen: „Statt die Stromsteuer für alle zu senken, werden nur Konzerne entlastet“, kritisierte sie in der Rheinischen Post. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund und Wirtschaftsverbände wie der Handelsverband Deutschland oder der Verband der Automobilindustrie fordern in einem gemeinsamen Brief eine Senkung zum 1. Januar für alle Verbrauchergruppen, heißt es laut Spiegel.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) mahnte bei ntv: „Unsere Wirtschaft leidet in der ganzen Breite unter zu viel Bürokratie, unter zu viel Steuern und Abgaben und unter zu hohen Strompreisen. Mit der gleichen Entschlossenheit muss es jetzt darum gehen, die Strompreise runterzukriegen und zwar nicht nur selektiv, sondern auch für Handel, Handwerk, Dienstleistung und für die vielen Familien.“

Einmal Platz nehmen zum Streitgespräch im Koalitionsausschuss von Union und SPD. Die Stromsteuer, die Mütterrente und Fragen der Sozial- und Verteidigungspolitik stehen unter anderem auf der Agenda.

Schwarz-rote Koalition: Finanzierungsfrage bringt Mütterrente und Agrardiesel auf den Tisch

SPD-Haushaltspolitiker Thorsten Rudolph sieht hingegen die Union in der Pflicht, auf kostspielige Projekte zu verzichten, um die Stromsteuersenkung gegenzufinanzieren. „Wenn die Union tatsächlich auf konsumtive Ausgaben zugunsten einer Senkung der Stromsteuer verzichten will, sollte sie zuallererst auf ihre extrem teuren Wahlgeschenke bei Gastronomie, Agrardiesel und Mütterrente verzichten“, sagte Rudolph gegenüber Politico.

Auch SPD-Fraktionsvize Armand Zorn plädiert für eine ausgewogene Paketlösung, bei der sowohl die Wirtschaft als auch die Bürger profitieren sollen: „Wir haben den Anfang gemacht und jetzt wird es darum gehen, die Finanzierung sicherzustellen“, erklärte er im Berlin Playbook Podcast von Politico.

Vor dem Koalitionsausschuss: Streitpunkte zwischen Union und SPD

ThemaKoalitionspartnerPositionKosten / Einsparungen
Stromsteuer-Senkung für alleSPD / UnionSPD will vollständige Senkung; Union zögert wegen Haushaltslageca. 5,4 Mrd. Euro jährlich (Bund)
Stromsteuer nur für IndustrieUnionUnion befürwortet Teillösung für Industrie & Landwirtschaftbereits beschlossen
Mütterrente (Ausweitung)CSUCSU fordert Umsetzung trotz Kostenab 2028: +7–10 Mrd. Euro jährlich
Agrardiesel-SteuervergünstigungCDU/CSUUnion will beibehaltenrund 500 Mio. Euro jährlich
Steuervergünstigung für GastronomieCDU/CSUFortführung wird gewünschtca. 3 Mrd. Euro jährlich
Gegenfinanzierungsvorschlag SPDSPDVerzicht auf Mütterrente, Agrardiesel, Gastro-Erleichterungenmögliche Einsparungen >10 Mrd. €
Wehrdienst / WehrpflichtmodellSPD / CDU/CSUUneinigkeit über verpflichtende Elementenoch nicht beziffert
Bürgergeld vs. GrundsicherungCSUCSU fordert Systemwechsel zur Kostensenkungüber 50 Mrd. Euro (aktuelle Ausgaben)
Rentenniveau-StabilisierungSPDSPD hält an 48 % Rentenniveau fest+7–8 Mrd. Euro jährlich (ab 2030)

CSU verteidigt Mütterrente als Herzensprojekt

Doch die Union zeigt wenig Bereitschaft, bei ihren Kernforderungen einzulenken. CSU-Chef Markus Söder fordert im Gegenteil noch zusätzliche Entlastungen für die Wirtschaft und pocht auf die Ausweitung der Mütterrente. „Es kann nicht sein, dass wir beim Bürgergeld Rekordausgaben haben und deswegen andere wichtige Anliegen wie Entlastungen bei der Stromsteuer aufschieben müssen“, betonte Söder gegenüber der dpa. Die CSU will erreichen, dass für vor 1992 geborene Kinder künftig drei statt zwei Jahre Erziehungszeit in der gesetzlichen Rentenversicherung anerkannt werden – was nach Angaben der Rentenversicherung jedoch erst ab 2028 wirksam würde.

CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann kündigte an, im Koalitionsausschuss werde das Thema Haushaltskonsolidierung zentral sein. „Wir brauchen signifikante Einsparungen, zum Beispiel durch den Systemwechsel vom Bürgergeld zur neuen Grundsicherung für Arbeitssuchende“, sagte er dem Spiegel.

Regierung unter Friedrich Merz: Neue Unruhe um Sozialausgaben und Wehrpflicht

Zusätzlich zur Stromsteuer rücken weitere Konfliktthemen ins Zentrum der Beratungen. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) arbeitet an einem Gesetzentwurf für einen neuen Wehrdienst. Zwar hatte der SPD-Parteitag jüngst entschieden, keine „aktivierbare gesetzliche Möglichkeit zur Heranziehung Wehrpflichtiger“ zu wollen, doch Pistorius hält sich an das im Koalitionsvertrag verankerte schwedische Modell mit Optionspflicht. CDU und CSU werten das nicht als Widerspruch.

SPD und Union stehen somit auch in der Verteidigungsfrage vor einer schwierigen Gratwanderung – zwischen Parteitagsbeschlüssen und Koalitionsrealität.

Merz als Vermittler – zwischen Kanzlerschaft und Haushaltsdisziplin

Kanzler Friedrich Merz (CDU), der nach außen bislang vor allem als außenpolitischer Staatsmann auftrat, will mit dem Koalitionsausschuss nun verstärkt innenpolitisch überzeugen, mutmaßen Beobachter. Die Erwartungen sind hoch, auch weil die Debatte längst die Regierungslinie infrage stellt. Der neue FDP-Vorsitzende Christian Dürr warnt gemäß Spiegel: „Bei der Diskussion um die ohnehin für die Bürger nur geringen Entlastungen wirkt [Merz] gerade wie ein Getriebener aus den eigenen Reihen.“

Merz selbst verteidigte die Entscheidung, die Stromsteuersenkung für private Haushalte vorerst zu verschieben: „Wenn wir mehr machen könnten, würden wir mehr machen, aber wir müssen auch einen Blick auf den Bundeshaushalt haben.“

Koalitionsausschuss unter Druck – Vertrauen zwischen CDU/CSU und SPD steht auf dem Spiel

Der zweite Koalitionsausschuss der Merz-Regierung wird zur Nagelprobe für die schwarz-rote Zusammenarbeit. Während sich die SPD gegen als sozial ungerecht empfundene Prioritäten stellt, verteidigt die Union ihre haushaltspolitischen Grundsätze – und zugleich ihre Klientelprojekte.

Der Druck auf Kanzler Merz wächst, zwischen haushaltspolitischer Vernunft, sozialen Ansprüchen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten eine tragfähige Linie zu finden. Noch vor der Sommerpause soll der Kurs klar sein – und das Vertrauen in die Koalition erhalten bleiben. (chnnn mit Agenturen)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Bernd Elmenthaler

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