Münchner-Merkur-Gespräch
„Linke“ Stimmen aus Deutschland entsetzen Ukraine im Krieg – „Wir müssen damit aufhören!“
Eine wichtige Parteifreundin Wolodymyr Selenskyjs appelliert eindringlich an Deutschland. Eine Debatte beunruhigte sie zuletzt besonders.
Vilnius – Die Ukraine verfolgt die Debatten in Deutschland genau. Etwa, wenn es um die Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern geht – aber auch um den Blick auf Russland und die Verteidigung gegen die Bedrohung durch Putins Regime.
Yevheniia Kravchuk, die stellvertretende Fraktionschefin von Wolodymyr Selenskyjs Partei Diener des Volkes, hat im Interview mit dem Münchner Merkur Hoffnungen auf die neue Regierung von Kanzler Friedrich Merz (CDU) geäußert. Aber auch große Sorge, gerade über „linke“ Stimmen aus Deutschland.
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Die hochrangige Parlamentarierin machte ihren Standpunkt klar: Sie wisse um Deutschlands auch historisch begründete Sorge, Waffen zu liefern, die gegen russische Soldaten eingesetzt werden. Nun aber sei ein neuer Kurs nötig. „Deutschland hatte genug Traumabewältigung. Wir müssen damit jetzt aufhören“, forderte Kravchuk.
Auch wenn Russland – zuletzt bei den großangelegten Feiern zum Jahrestag des Sieges der Alliierten über Nazi-Deutschland – versuche, das vergessen zu machen: Gerade Ukrainer hätten großen Anteil an diesem bedeutsamen Erfolg gehabt, erinnerte Kravchuk. Und Russland kopiere unter Wladimir Putin Vorgehensweisen just der Nationalsozialisten.
Sie erhoffe sich von Merz und seiner Koalition „weniger Widerstreben“ bei der Unterstützung der Ukraine. Die Zeit der deutschen Hilfsangebote über „5000 Helme“ sei zwar glücklicherweise vorbei. Etwa das Zögern bei der Taurus-Frage sei ihr aber unverständlich. „Geben Sie uns diese Marschflugkörper!“, appellierte Kravchuk an Berlin. Taurus sei ein wirksames Mittel gegen russische Flugzeuge, die aufstiegen, „um Menschen in der Ukraine zu töten“. Sorgen vor einem Angriff etwa auf Moskau seien unbegründet: Die Ukraine greife nur militärische Ziele an – anders als Russland.
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Merz hatte die Lieferung des Taurus in Aussicht gestellt, scheint nun aber „nicht Wort zu halten“, wie FDP-Vize Henning Höne am Rande einer internationalen Konferenz der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung in Vilnius sagte. Der Kanzler hatte auch angekündigt, Russland künftig im Unklaren über weitere Schritte zu halten. Ein Experte begrüßte diese „strategische Ambiguität“ im Gespräch mit unserer Redaktion. Abseits jeder Rhetorik ist indes klar: Einen Taurus-Einsatz im Krieg würde die Öffentlichkeit mitbekommen. Allerdings ist auch Ausbildung für den Einsatz der Waffe nötig. CDU-Verteidigungsexperte Roderich Kiesewetter hatte diese schon vor geraumer Zeit als möglichen Schritt gefordert.
Nicht kämpfen? „Linke“ Stimmen in Deutschland besorgen Selenskyjs Fraktionsvize
Scharfe Kritik übte Kravchuk an einer in Deutschland aufgeflammten Debatte. Der Bestseller-Autor Ole Nymoen hatte im März ein Buch mit dem Titel „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“ veröffentlicht. Solche Äußerungen „linker Politiker und Menschen“ besorgte sie, erklärte die Abgeordnete.
„Wahrscheinlich gibt es nicht genügend Berichte über die Realität der Besetzung“, mutmaßte Kravchuk im Gespräch mit unserer Redaktion. „Ich kann an diese Menschen nur appellieren: Kommen Sie in die Ukraine, sprechen Sie mit Menschen, die wirklich Besetzung erlebt haben, und entscheiden Sie dann, ob es wirklich das ist, was Sie wollen.“ (Aus Vilnius berichtet Florian Naumann)
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