Drohnen-Rüstung

Geleitschutz aus Bayern: Start-up-Drohne erklärt Putin den Krieg

„Deep-Tech-Technologien“ werden von der Ukraine gesucht, dafür bietet sie exzellente Testszenarien für die Zukunft. Deutsche Drohnen profitieren vom Krieg.

München – „Uns fehlt es an Deep-Tech-Technologien“, sagt Ihor Fedirko. „Das betrifft die Komponentenbasis. Mit diesem Wissen könnten wir gründlicher modernisieren und effizienter werden“, so der Geschäftsführer des Ukrainischen Rates der Verteidigungsindustrie (UCDI) gegenüber der Deutschen Welle. Deutschland verfügt über diese Technologien, um im Ukraine-Krieg Wladimir Putins Expansionsdrang zu bremsen. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) legt sich genauso ins Zeug wie die deutsche Privatwirtschaft. Offenbar greift jetzt wieder ein Drohnen-Start-up den Verteidigern unter die Arme.

Wird Verlegen künftig gefahrlos möglich sein? Die deutsche Start-up-Drohne „Sentinel“ (Wächter) soll Konvois künftig maximalen Schutz gewähren, indem sie anfliegende Gefahren erkennt und frühzeitig neutralisiert.

Den „Wächter“ schickt jetzt das deutsche Start-up Alpine Eagle an die Front: Wie das Magazin Defense Express berichtet, sei das „Sentinel Airborne Counter-UAS System“, eine in Deutschland entwickelte Drohnenplattform zum Schutz von Konvois vor Unmanned Aerial Systems, also Angriffs- und FPV-Drohnen (First Person View); laut dem Magazin sei das System bereits in der Ukraine getestet worden.

Ganz nach Selenskyjs Wunsch: Bayern-Drohne kann feindliche Drohnen wahrnehmen und identifizieren

Das in München ansässige Unternehmen bietet das, was die Ukraine wünscht: Neben Geld vor allem reichlich deutsches „Gewusst, wie“. Laut der britischen Tech-Plattform Janes würde das System von Alpine Eagle feindliche Drohnen wahrnehmen und identifizieren. Daraufhin starte eine Sentinel-Abfangjäger-Drohne, um den Angreifer zu neutralisieren. Die Sentinel-Hardwareplattform könne gleichermaßen mit Starr- als auch mit Drehflügler-Drohnen betrieben werden. „Das Unternehmen gab an, im Rahmen seiner Lieferkette mit verschiedenen Drohnen zu arbeiten, konzentriert sich jedoch auf einen Software-First-Ansatz“, schreibt Janes.

„Der Wandel ist sowohl industriell als auch kulturell: Ingenieure und Unternehmer lernen, wie Soldaten zu denken und entwickeln für die Bedingungen auf dem Schlachtfeld.“

Karl Harenbrock, Deutsche Welle

Das heißt, das Unternehmen stehe ausschließlich für die „Entwicklung der Systemleistung, die Sensoren und die Integration“, so Michael Golden gegenüber Janes. Laut dem kaufmännischen Leiter des Münchner Start-ups könne der Käufer somit die Software in bestehende Hardware integrieren, spezielle Anbieter präferieren, oder die Hardware könnte um die Software herum gebaut werden. Golden bezeichnete das alles als „problemlos“.

Auf seiner Website wirbt das Unternehmen mit dem schmissigen Slogan „Die Rückeroberung des Himmels“ und preist die Wächter-Drohne vollmundig an: „Das Sentinel Counter-UAS-System ist ein Luft-Luft-Sensor- und Abfangnetzwerk zur Erkennung, Klassifizierung und zum Abfangen unbemannter Luftfahrzeuge (UAS), darunter kleine Drohnen, Mikro-UAVs und herumfliegende Munition.“ „Sentinel“ soll glänzen in umkämpften Umgebungen, sei hoch automatisiert und benötige für die Steuerung eines Schwarms aus luftgestützten Sensoren lediglich einen Piloten, so die Selbstdarstellung. An dem Produkt hängt neben dem Schicksal der Ukraine noch ein Schwarm von Kapitalgebern.

Alpine Eagle – der Newcomer

„Alpine Eagle wurde 2023 gegründet und ist ein Team von Experten für maschinelles Lernen und Luftfahrtingenieuren, die das weltweit erste luftgestützte System zur Bekämpfung von Drohnen entwickeln. Das Sentinel Counter-UAS-System des Unternehmens erkennt und klassifiziert kleine Drohnen. Die Sentinel-OS-Softwareplattform kann in verschiedene Hardware integriert werden, um militärische und nationale Einrichtungen und Infrastruktur zu schützen. Neben dem HTGF sind führende Investoren wie IQ Capital, General Catalyst und HCVC an Alpine Eagle beteiligt.“

Quelle: High-Tech Gründerfonds (HTGF)

„Die Stationierung von Drohneneinheiten in den ukrainischen Streitkräften, die 2024 begann, hat dazu beigetragen, den chronischen Personalmangel zu beheben“, schreibt Michael Kofman. Den US-amerikanischen Analysten zitiert aktuell United24. Zum einen realisiert die Ukraine offenbar einen hohen Automatisierungsgrad ihrer Armee, zum anderen dezimiert sie damit auch den russischen Bestand an Fahrzeugen und Infanterie. Eine Win-Win-Situation für die deutsch-ukrainische Partnerschaft: Die Verteidiger schießen sich frei von russischen Besatzern, deutsche IT-Youngster bauen sich ihr Business auf.

Kampfansage an Putin: „Drone Line“ soll Kräfte militärischen wie zivilen Ursprungs weiter spezialisieren

Nichts anderes macht eine klassische Rüstungsschmiede wie Rheinmetall oder KNDS – nur mit mehr Ressourcen in einem alten und vielleicht bald überholten Zweig der Rüstungsindustrie. Laut dem Magazin Defense Express soll das Sentinel-System beispielsweise Konvois bewachen und einen klassischen Geleitschutz ersetzen: „Vor der Abfahrt werden luftgestützte Erkennungsdrohnen und eine bestimmte Anzahl von Sentinel-Drohnen mit Abfangraketen gestartet. Diese Drohnen begleiten den Konvoi und übermitteln Echtzeitdaten an einen mitreisenden Bediener. Wird eine Bedrohung erkannt, erteilt dieser einfach einen Befehl zum Abfangen.“

Offensichtlich geht der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zweigleisig vor – durch die Versorgung mit Technik sowie parallel mit der Verschiebung des Fokus‘ von reinen infanteristischen beziehungsweise artilleristischen Kräften hin zu spezialisierten Drohnen-Einheiten. Ohnehin hatte ja die Ukraine als erstes Land Drohnenkräfte als eigenständige Teilstreitkraft in die Armee integriert. Darüber hinaus werde dieser Prozess forciert, wie das ukrainische Verteidigungsministerium angekündigt hat – die „Drone Line“ soll Kräfte militärischen wie zivilen Ursprungs weiter spezialisieren.

„Das Projekt sieht den Aufbau eines Netzwerks spezialisierter Einheiten vor, die mit moderner Ausrüstung, den notwendigen Ressourcen und Spezialisten ausgestattet werden. Sowohl Militärangehörige als auch zivile Fachkräfte sind zur Teilnahme eingeladen“, schreibt das ukrainische Verteidigungsministerium. Wie Michael Kofman allerdings gegenüber United24 einräumt, arbeite auch Russland daran. Unternehmen aus Deutschland sind aktuell eifrig an der Drohnen-Entwicklung in der Ukraine beteiligt: Quantum, Helsing und Stark Defence, beispielsweise.

Ukraine-Krieg: Kommt für deutsche IT-Kompetenz scheinbar wie gerufen

Markus Voss hatte im März geschrieben, die bislang unbekannte deutsche Firma Alpine Eagle werde „von Investoren schon mit 200 Millionen Euro bewertet“, so der Autor des Portals finanzen100.de. Voss: „Nach eigener Beschreibung ist das Unternehmen ,eine neue Art europäischer Technologie-Company‘, die die Zukunft der Verteidigungstechnologie neu definieren werde, um der Nato einen ‚entscheidenden Vorsprung zu geben‘.“

Deshalb ist der Ukraine-Krieg für deutsche IT-Kompetenz auch ein willkommener Anlass zur eigenen Entwicklung. Während sich Rüstungs-Riesen wie Rheinmetall und nationale Beschaffungsämter beziehungsweise Regierungen von einem Panzer zum nächsten quälen, lösen Programmierer von heute die Maschinenbau-Ingenieure von gestern ab. Die Ukraine bietet alles, was in Simulationen kaum oder nur schwer zu darstellbar ist. „Deutsche Unternehmen lernen hier Dinge, die man in Friedenszeiten nie simuliert bekommt und für die es in Deutschland weder Übungsplätze noch Simulationsbedingungen gibt – ein derart mit Störern, Störsendern und Fliegerabwehr bedrängtes Gebiet wie jetzt das Kampfgebiet in der Ukraine“, äußert der österreichische Militäranalyst Gustav C. Gressel gegenüber der Deutschen Welle.

Lehrstunde für die Nato: Ingenieure und Unternehmer lernen, wie Soldaten zu denken

Die Online-Plattform Defense.info schreibt von einer Zeitenwende im militärischen Denken über die gesamte westeuropäische Verteidigungsallianz hinweg. Die Drohnen-Start-ups lieferten nach Meinung des Mediums einen Machbarkeitsnachweis dafür, wie sich die Nato an die Herausforderungen der Kriegsführung des 21. Jahrhunderts anpassen können. „Die Partnerschaft hat gezeigt, dass durch schnelle Innovation, dezentrale Fertigung und Technologietransfer strategische Effekte erzielt werden können, die mit herkömmlichen Ansätzen der Militärhilfe oder Beschaffung bisher nicht möglich waren.“

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Defense.info mahnt gleichzeitig, den ukrainisch-deutschen Weg aufmerksam zu verfolgen und die entsprechenden Lehren daraus zu ziehen, wie die Beschaffung schnell an eine Kriegsrealität angepasst werden können, ohne dass die in „Verzweiflungsanstrengungen“ ende und Innovationen institutionalisiert würden. Sollte der „Wächter“ aus Bayern seinen Dienst wie gewünscht verrichten, hätte das auch wieder Auswirkungen auf den infanteristischen Kampf. Den Soldaten bliebe der angstvolle Blick nach oben erspart.

Der Kampf der verbundenen Waffen, die beispielsweise die Bundeswehr über Jahrzehnte propagiert hat, bekommt in der Ukraine eine neue Dimension. Karl Harenbrock schreibt für die Deutsche Welle, dass in einer „Wächter“-Drohne auch nur steckt, was Militärs an Anforderungen gestellt hatten: „Der Wandel ist sowohl industriell als auch kulturell: Ingenieure und Unternehmer lernen, wie Soldaten zu denken und entwickeln für die Bedingungen auf dem Schlachtfeld.“

Rubriklistenbild: © IMAGO/Viacheslav Madiievskyi

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