Ukraine-Krieg
Experte vor Alaska-Gipfel zurückhaltend: „Für tiefgreifende Veränderungen braucht es eine Niederlage Russlands“
Michael Thumann schildert, wie Putins Politik aus Angst vor Protesten entstand – und warum für echten Wandel eine Niederlage Russlands nötig wäre.
Juneau – US-Präsident Donald Trump und Kremlchef Wladimir Putin wollen sich am kommenden Freitag (15. August) im US-Bundesstaat Alaska treffen und über den Ukraine-Krieg verhandeln – ohne den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Zahlreiche Experten sehen das kritisch, etwa Trumps früherer Sicherheitsberater John Bolton, der dies als „großen Sieg für Putin“ verbucht. Andere Beobachter befürchten, dass Putin mit dem Gespräch nur versuchen könnte, neue US-Sanktionen und Zölle zu vermeiden. Auch Russland-Experte Michael Thumann glaubt nicht, dass der Gipfel einen echten Unterschied macht. Putin müsste den Krieg verlieren, damit es eine wirkliche Änderung gäbe.
Russland habe sich in den vergangenen Jahren sehr verändert, erklärt Thumann im Gespräch mit dem österreichischen Standard: Während es in den 90er-Jahren ein vergleichsweise offenes Land war, mit neugierigen Menschen, die „Westeuropäer mit offenen Armen begrüßt haben“, erinnere ihn das Land jetzt „an die alte Sowjetunion, wo man wahnsinnig vorsichtig war und Angst hatte, sich mit Ausländern zu treffen.“ Putin, seit fast 25 Jahren an der Spitze des russischen Staates, habe „von Anfang an eine Entdemokratisierung vorangetrieben“, die über die Jahre stärker wurde.
Warum der Westen Putin noch immer falsch versteht: Nicht Nato-Osterweiterung war Wendepunkt
Nach Ansicht von Thumann liegt der entscheidende Wendepunkt in Putins Politik nicht in der NATO-Osterweiterung oder im Irakkrieg der USA, sondern in Ereignissen innerhalb Russlands. Als Putin 2012 ins Präsidentenamt zurückkehrte, kam es zu monatelangen Protesten gegen mutmaßlich manipulierte Wahlen. Diese erinnerten den Kremlchef an die arabischen Aufstände und verunsicherten ihn tief, meint der Russland-Experte. In der Folge habe der russische Präsident seinen politischen Kurs verändert – eine Entwicklung, die bis heute anhalte.
Die verbreitete Erzählung, Russland reagiere nur auf westliche Provokationen, hält Thumann für falsch. „Es gibt eine sehr egozentrische Eigenschaft des Westens, dass man Dinge, die in anderen Ländern passieren, immer mit sich selbst in Verbindung bringt“, meint der Experte im Gespräch mit Standard. Putins Handeln erkläre sich vor allem aus seinem Machtstreben, westliche Schritte dienten ihm höchstens als Vorwand. Der russische Präsident sei ein „Karrierenationalist“: Er habe gesehen, dass Nationalismus ein Mitteil sei, um sich Macht zu sichern. Deshalb sei Putin heute auf dem Land bei weniger gebildeten Bevölkerungsschichten „wahnsinnig populär“. Das habe er etwa mit Donald Trump oder Viktor Orbán gemeinsam.
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Russlands Zukunft hängt am Kriegsverlauf: Experte sieht Wandel nur nach Niederlage
Auf die Frage, ob Russland aus dem derzeitigen nationalistischen Trend herausfinden könne, verweist der Experte auf zwei entscheidende Gruppen: zum einen die Gegner des Krieges, zum anderen eine große Zahl von Opportunisten, die sich der jeweils herrschenden Meinung anpassen. Sollte sich die politische Lage ändern, könnten Letztere schnell die Seiten wechseln. „Für tiefgreifende Veränderungen braucht es aber wohl eine Niederlage Russlands in der Ukraine“, meint Thumann.
Wenn Moskau seine Kriegsziele nicht erreicht, würden viele Bürger den Sinn der Opfer infrage stellen. „Dann werden sich viele im Land fragen, wofür sie das alles durchgemacht haben. Wofür so viele Menschen gestorben sind“, hofft Thumann. Erst dann könnte sich das Potenzial für grundlegende Veränderungen entfalten „und die Möglichkeit, es künftig anders zu machen.“ Bislang hält Putin allerdings an seinen Kriegszielen fest und eine militärische Niederlage Moskaus im Ukraine-Krieg ist nicht in Sicht.
Trump und Putin diskutieren über Ukraine – ohne Selenskyj
Doch auch auf diplomatischer Ebene sieht es für Putin momentan nicht ungünstig aus: Wie Trump am vergangenen Freitag (8. August) vor Journalisten im Weißen Haus fast beiläufig erwähnte, denkt der US-Präsident offenbar über einen „Gebietstausch“ (“swapping of territories“) nach. Damit würden die USA Russland für den Angriffskrieg in der Ukraine belohnen. Zuletzt wurden laut Bloomberg und Wall Street Journal Insider-Berichte bekannt, wonach Putin die Front einfrieren könnte, um durch Verhandlungen die Kontrolle über Saporischschja und Cherson zu erreichen. Ebenso könnte er die Ukraine zum Rückzug aus dem Donbass zwingen wollen, hieß es.
Aus Sicht der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) müssten Kiews Truppen damit den stark befestigten Verteidigungsgürtel in Donezk aufgeben, das „würde die russischen Streitkräfte in eine äußerst günstige Position bringen, um ihre Angriffe unter weitaus besseren Bedingungen wiederaufzunehmen“, so die Kriegsexperten. Der ukrainische Präsident hat einer Abtretung von Gebieten an Russland bereits eine Absage erteilt. Zum Gipfel zwischen Putin und Trump ist er allerdings nicht geladen, denn der Kremlchef lehnt Selenskyjs Teilnahme ab – zum jetzigen Zeitpunkt, wie es aus dem Kreml hieß.
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