„Wendepunkt“ für Sicherheit

Mit dem Rücken an der Wand: Trumps Chaos setzt Europa unter Zugzwang – mit weitreichenden Folgen

Der Präsident des Europäischen Rates Antonio Costa (l-r, verdeckt), der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und die Präsidentin der Europäischen Kommission, sprechen miteinander, während sie zu einem EU-Sondergipfel in das Gebäude des Europäischen Rates kommen.
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Der Präsident des Europäischen Rates Antonio Costa (l-r, verdeckt), der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und Ursula von der Leyen während des EU-Sondergipfels.

Bei einem EU-Gipfel zur Verteidigung Europas und der Ukraine wird klar: Die EU muss dringend aufrüsten. Trumps Politik sorgt für Umdenken.

Brüssel/Washington – Keine Geheimdienstinformationen mehr für die Ukraine im Krieg, ein Stopp von Militärhilfen sowie ein öffentlicher Streit mit Wolodymyr Selenskyj: Innerhalb kürzester Zeit ist es dem US-Präsidenten Donald Trump gelungen, die Lage im Ukraine-Krieg trotz globaler Hoffnung auf ein zeitnahes Ende des Konflikts deutlich anzuheizen. Dass die Regierungsarbeit des Republikaners mutmaßlich am besten mit dem Terminus „Chaos“ umschrieben werden kann, spürten die Chefs der EU-Staaten zuletzt immer wieder. Bereits im Vorfeld von Trumps State of the Union war vielerorts die Sorge groß, dass der US-Präsident seine Nation noch stärker nach dem Prinzip „America first“ ausrichten oder gar einen Austritt aus der Nato verkünden könnte.

Letzteres blieb aus – dennoch wächst in Europa die Sorge vor der künftigen Regierungsarbeit Trumps. Nach sechs Wochen formiert sich allmählich die EU neu: Eigene Pläne für die Ukraine oder die Verteidigung werden ausgearbeitet. Fakt ist: Die Regierungschefs stehen vor großen Herausforderungen – allerdings bleibt ihnen auch keine andere Wahl. Am späten Donnerstagabend gab es dann Klarheit: Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union haben grundsätzlich den Weg für eine Wiederaufrüstung Europas frei gemacht. Einen Dämpfer gab es dennoch: Die Regierungschefs haben sich nicht auf eine gemeinsame Position zur Unterstützung der Ukraine einigen können.

Aufrüstung in Europa: EU-Gipfel wegen Trumps Politik

Bereits vor seiner Präsidentschaft machte Donald Trump im vergangenen Jahr klar, dass der Schutz der USA für Nato-Partner künftig viel stärker an Bedingungen geknüpft sein wird. Nicht nur deshalb wurden in den vergangenen Wochen vermehrt Stimmen in der EU laut, die Alternativen zur US-Abhängigkeit ins Gespräch brachten. Zuletzt zeigte auch CDU-Chef Friedrich Merz Interesse an einem europäischen Nuklearschirm. Olaf Scholz (SPD) gab sich deutlich abweisender und verwies in Brüssel beim EU-Gipfel auf die bestehende nukleare Abschreckung der Nato, die auf den Atomwaffen der USA basiert und an der Deutschland beteiligt ist.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Merz hatte zuvor erklärt: „Als Antwort auf den historischen Aufruf des zukünftigen deutschen Kanzlers habe ich beschlossen, die strategische Debatte über den Schutz unserer Verbündeten auf dem europäischen Kontinent durch unsere Abschreckung zu eröffnen.“ Frankreichs Präsident Macron hatte die Idee daraufhin aufgegriffen und weiter ausgeführt. Auch die sondierenden SPD- und Unionsmitglieder hatten zuletzt die Notwendigkeit von nationaler Aufrüstung mit Nachdruck dargelegt. Die Washington Post umschrieb die jüngsten Entwicklungen im Zusammenhang mit der Aufrüstung in Europa als einen „Neuanfang“.

Verteidigung in Europa: EU-Gipfel bringt Aufrüstung als Thema zurück

Dass es nun plötzlich beim Thema Aufrüstung viel Bewegung gibt und die Vertreter der Europäischen Union beim EU-Gipfel in Brüssel auf Lösungen drängen, führt die New York Times darauf zurück, dass Europa unter Zugzwang ist: Im Osten rasselt Russland unaufhörlich mit dem Kriegssäbel und durch den Beginn von Donald Trumps Präsidentschaft schwindet im Westen die Garantie für Unterstützung. „Europa steht vor einer klaren und gegenwärtigen Gefahr“, sagte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen, als sie zusammen mit Wolodymyr Selenskyj die Versammlung betrat, und nannte dies einen „Wendepunkt“.

„Es ist höchste Zeit“, sagte Roberta Metsola, Präsidentin des Europäischen Parlaments. „Wir sind endlich bereit, unseren Worten Taten folgen zu lassen.“ Auch beim Thema Ende des Ukraine-Kriegs sprechen die EU-Staaten über einen eigenen Weg und bemühen sich weiter, dem Land und Präsident Selenskyj weiterzuhelfen. Vor wenigen Wochen hatte Trump mit Russland Gespräche über Frieden im Krieg aufgenommen, ohne Europa oder die Ukraine direkt einzubeziehen. Derweil soll Trumps Zustimmung in den USA sinken.

„Gebt Geld für Verteidigung und Abschreckung aus“: Umdenken in der EU wegen Trump

Wie die New York Times schreibt, könnte mit dem EU-Gipfel in Brüssel auch ein neues Kapitel begonnen haben, das unter anderem die Aufrüstung Europas vorantreibt. „Das Wichtigste ist jetzt, um ganz offen zu sein, Europa wieder aufzurüsten, und ich glaube nicht, dass wir viel Zeit haben“, sagte etwa die Ministerpräsidentin Dänemarks, Mette Frederiksen. „Gebt Geld für Verteidigung und Abschreckung aus.“

„Die Zukunft Europas darf nicht in Washington oder Moskau entschieden werden“, sagte zuletzt auch der französische Präsident Emmanuel Macron. Um sich aus der US-Abhängigkeit zu lösen, hatte die EU-Kommission auch einen Vorschlag vorgelegt, in den kommenden Jahren bis zu 800 Milliarden Euro (860 Milliarden Dollar) zusätzliche Verteidigungsausgaben freizugeben. Diese neue europäische Entschlossenheit könnte zur Gefahr für Trump werden. CNN mutmaßt in einer Analyse, dass die „unerbittlichen Schikanen gegenüber den Freunden Amerikas“ dazu führen könnten, dass die USA auf lange Sicht entmachtet werden könnten. In den kommenden vier Jahren könnte sich die restliche Welt schneller entwickeln und die USA an Bedeutung verlieren.

Atomare Abschreckung der EU: Nur mit großen Investitionen möglich

Fest steht: Wenn Europa seine Abschreckung künftig autark organisieren will, wären vermutlich riesige Investitionen notwendig, weil die britischen und französischen Atomwaffen derzeit nur eine Art nationale Ergänzung zur US-Abschreckung über die Nato waren. Die USA haben Expertenschätzungen zufolge noch etwa 100 Atombomben in Europa stationiert – einige davon sollen auf dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel lagern.

Der Spiegel hatte in diesem Zusammenhang zuletzt berichtet, dass es seit mehr als einem Jahr „einen strukturierten strategischen Dialog“ der Bundesregierung mit Großbritannien und Frankreich unter anderem über nukleare Abschreckung gebe, an dem seit April 2024 die Sicherheitsberater der Staats- und Regierungschefs beteiligt sind. Scholz bestätigte solche Gespräche zwar zuletzt. „Es bleibt aber trotzdem dabei, dass wir uns gemeinsam dem Nato-Konzept verpflichtet fühlen und das ist Ihnen bekannt und das ist auch im Interesse der gemeinsamen Sicherheit in Europa“, fügte er hinzu. 

Sorge um Europas Sicherheit wächst: Aufrüstung als Ausweg?

Durch die jüngsten Eskalationen auf dem internationalen, diplomatischen Parkett scheint das Thema Sicherheit in Europa einen neuen Stellenwert erreicht zu haben. Zu dieser Erkenntnis kommt auch der aktuelle ARD-Deutschlandtrend: Fast drei Viertel der Deutschen (73 Prozent) machen sich sehr große oder große Sorgen um die Sicherheit in Europa. Ob diese Sicherheit allerdings künftig von der EU im Alleingang garantiert werden muss, bleibt unklar.

Nach Einschätzung der Befragten der Umfrage bleibt allerdings die Nato ein wichtiger Garant für Sicherheit. Dem Militär- und Verteidigungsbündnis messen 84 Prozent der Teilnehmenden eine große Wichtigkeit bei, wenn es um die Sicherheit in Europa geht. Zugleich sind allerdings auch drei Viertel der Befragten (75 Prozent) der Meinung, die Nato-Partner könnten sich auf den Schutz der USA gegenwärtig nicht verlassen. (fbu)

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