Zeitenwende?

Bedrohung aus Russland: Putin „baut Potenzial“ für Angriff gegen die Nato auf

Der geplante Wehretat für 2025 erntet scharfe Kritik aus der Bundeswehr. Generalinspekteur Breuer warnt derweil erneut vor einem Angriff Russlands auf Nato-Staaten.

Berlin – Im Bundestag wird über den Wehretat im Bundeshaushalt für das kommende Jahr gestritten. 2025 möchte die Ampel-Koalition unter Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) etwa 52 Milliarden Euro für die Bundeswehr ausgeben, etwa eine Milliarde mehr als 2024.

Carsten Breuer, Generalinspekteur der Bundeswehr, kritisierte das im Interview mit der Süddeutschen Zeitung am Sonntag (7. Juli). Der General begründete seine Kritik, mit der geopolitischen Lage, die Russlands Präsident Wladimir Putin durch den Ukraine-Krieg geschaffen hat.

Bedrohung aus Russland: Putins Angriff auf die Nato – Deutschland muss sich „der Wirklichkeit stellen“

Deutschland und die Bundeswehr müssten sich „der Wirklichkeit stellen“, dass Russland ab 2029 einen Nato-Staat angreifen könnte. Dann würde Deutschland, so Breuer, zur Logistikdrehscheibe werden. Zudem müsste es sich, auch wenn kein Automatismus besteht, gemäß der Beistandsverpflichtung der Nato-Verträge an der Verteidigung des Bündnisgebiets beteiligen.

Man sollte  „ernst nehmen, was Putin in Reden und Schriften geäußert hat“, sagte Breuer. Russland habe auf Kriegswirtschaft umgestellt und rekrutiere immer mehr Soldaten. „Russland baut Potenzial auf“, betonte Breuer. Eine Warnung, die er zuletzt mehrfach äußerte.

Generalinspekteur Carsten Breuer empfiehlt eine Angriffsabwehrlösung im Nato-Verbund.

Russlands Angriff auf die Nato: Putins Kriegswirtschaft kann zur Bedrohung für EU werden

Breuers Sorge vor einem russischen Angriff speise sich aus einer Gefahrenanalyse der Bundeswehr. Die Gefahr eines russischen Angriffs begründete der Generalinspekteur in zwei Schritten: Erstens müsse man Putin beim Wort nehmen, zweitens zeige das russische Handeln, dass dies keine leeren Worte seien: Russland plane den Aufwuchs seines Militärs auf etwa 1,5 Millionen Soldaten.

Das wären, so Breuer, mehr als in der gesamten EU. Ausrüstung für dieses Militär werde ebenfalls bereits produziert. Insgesamt könne Russland inzwischen 1000 bis 1500 Panzer im Jahr produzieren. Das sei in etwa das Potenzial, das gerade in den Depots europäischer Heere stehe.

Experte Masala sieht deutlich höheren Finanzbedarf bei der Bundeswehr

Russlands Aggression werde „nicht an den Grenzen der Ukraine enden“, meinte Breuer. Angesichts all dessen, brauche die Bundeswehr „einen Etat, der weiterwächst“, sagte der General. Mit dem Sondervermögen sei zwar einiges erreicht worden, aber langfristig werde es deutlich mehr Geld brauchen. Beziffern wollte er das nicht. Der Politikwissenschaftler Carlo Masala, von der Universität der Bundeswehr in München, schätzte im Interview mit der Frankfurter Rundschau den Bedarf der Bundeswehr auf drei bis 3,5 Prozent des deutschen Bruttoinlandproduktes. Seit Beginn des Ukraine-Krieges erreicht Deutschland erstmals seit langem das Ziel der Nato, das bei zwei Prozent der Wirtschaftsleistung liegt.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Folgt man Masala, müssten der Verteidigungsetat, inklusive des Sondervermögens von 100 Milliarden Euro, also um mindestens ein Drittel wachsen. Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, André Wüstner, kritisierte die Ampel-Pläne deswegen scharf: Das Parlament müsse nun in den weiteren Haushaltsverhandlungen „massiv nachsteuern“, ansonsten sei es nicht möglich, die Bundeswehr verteidigungsfähig zu machen. Auch Breuer hält die Bundeswehr in ihrem aktuellen Zustand nicht für „kriegstüchtig“. Ihr Dienstherr, Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), forderte ebenfalls deutlich mehr Geld.

Sparkurs der Ampelregierung: Christian Lindner weigert sich Schuldenbremse auszusetzen

Dass die Bundesregierung einen Sparkurs fährt, liegt hauptsächlich daran, dass Finanzminister Christian Lindner (FPD) sich weigert, eine Haushaltsnotlage im Bundestag beschließen zu lassen. Diese würde Ausnahmen von der Schuldenbremse zulassen. Deutsche Staatsanleihen sind gerade mit etwa 3,3 Prozent verzinst und damit zwar teurer als in der Niedrigzinszeit der Coronajahre, im historischen Vergleich kann sich Deutschland aber noch recht günstig Geld an den Finanzmärkten leihen. Die Erklärung einer Notlage zur Unterstützung der Ukraine, oder Aufrüstung der Bundeswehr, könnte zudem Steuergelder frei machen, um etwa in Sozial- und Bildungssysteme oder in die Transformation der Wirtschaft hin zu mehr Klimaschutz zu investieren. (kb mit dpa)

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