Tote Weidetiere

„Man will ja keinen T-Rex auf die Welt loslassen“: Debatte über Wölfe in NRW

Die Rückkehr der Wölfe nach NRW sorgt für unterschiedliche Meinungen. Bauern und Naturschützer sind sich uneinig über die Verantwortung für gerissene Weidetiere.

Wesel – Wenn der Wolf in NRW auf einer Weide ein Schaf tötet, liegt das in vielen Fällen daran, dass der Zaun um die Weide nicht ausreichend ist. Das jedenfalls berichtet der Naturschutzbund (NABU) Bottrop in der aktuellen Ausgabe seines Wolf-Newsletters. „Schadwölfe werden nicht geboren, sie werden erzogen“, heißt es darin. „Erziehungshelfer sind dabei Menschen, die ihre Tiere hinter unzureichenden Zäunen halten.“ Johannes Leuchtenberg ist Vorsitzender der Kreisbauernschaft Wesel und sieht das etwas anders.

Wird der Wolf durch den Menschen zu Tierrissen erzogen?

Bis zu drei Viertel der durch Wölfe gerissenen Schafe und Ziegen seien auf ihren Weiden nicht einmal durch den Mindestschutz, den das Land NRW vorschreibt, geschützt, schreibt der NABU weiter und stützt sich auf Zahlen der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW). Der sieht vor, dass der Zaun, der die Tiere umgibt, mindestens 90 Zentimeter hoch sein soll, empfohlen wird eine Höhe von 1,20 Meter. „Wölfe sind hochintelligent, sie lernen an mangelhaften Zäunen“, schreibt der NABU. Wenn die nicht genug unter Strom stehen oder es keinen Schutz vor Untergrabung durch die Wölfe gebe, werden die Tiere nicht abgehalten, auf eine Weide einzudringen, so die Mitteilung.

Immer wieder reißen Wölfe in NRW Weidetiere. (Symbol)

Wölfe müssten lernen, „dass Weidetiere wehtun“ und das sei in NRW vielerorts nicht der Fall. So schildert der NABU, dass im ausgewiesenen Wolfsgebiet Schermbeck in der Nähe von Wesel sämtliche Tiere, die vom Wolf gerissen wurden, hinter unzureichendem Herdenschutz gelebt haben. „Von Ausnahmen wissen wir nichts.“ Das Land NRW fördert die Errichtung von Herdenschutz für Schaf-, Ziegen- und Gehegewildhalter in ausgewiesenen Wolfsgebieten mit bis zu 100 Prozent. Trotzdem gebe es einige Tierhalter, „die das Thema aussitzen und auf Wolfstötungen warten.“

Wie werden Wölfe nachgewiesen?

Wölfe werden anhand von Haaren, Kot, Blut oder Speichelresten, die sie hinterlassen, durch eine genetische Analyse nachgewiesen. Sind die Proben frisch und umfangreich, lassen sich neben der Bestimmung des Geschlechts auch verwandtschaftliche Beziehungen zu anderen bereits registrierten Tieren feststellen. Alle Proben, die in NRW gefunden werden, analysiert das Senckenberg Forschungsinstitut Gelnhausen mit anderen, bereits existierenden Wolfsspuren aus Deutschland und Europa. Wölfe werden in Deutschland immer wieder gesichtet. Experten gehen davon aus: Der Wolf bleibt für immer.

(Quelle: LANUV)

Johannes Leuchtenberg ist Vorsitzender der Kreisbauernschaft in Wesel. Er sagt: „Das kann ich mir nicht vorstellen.“ Ein gerissenes Tier sei für deren Halterinnen und Halter immer dramatisch. Man baue eine Beziehung zu den Tieren auf, insbesondere, wenn noch kleine Kinder mit im Spiel sind. „Es macht keinen Spaß, darauf zu warten.“

Wölfe seien Gelegenheitsjäger: „Sie nehmen das, was gerade da ist.“ Wenn in einem Wolfsgebiet also keine Wildtiere mehr vorhanden seien, gehen sie zu Weidetieren wie Schafen und Ziegen über. Die üblichen Zäune reichten da oft nicht. Die Wolfsdame Gloria aus Wesel habe diese Zäune immer übersprungen und Weidetiere gerissen. „Ein richtiger Wolfsschutz wären Zäune, wie man sie im Zoo sieht“, sagt er. „Aber das kann sich kein Landwirt leisten.“

Wolf ist zurückgekehrt: „Man will ja auch keinen Tyrannosaurus Rex loslassen“

Er kenne einige Tierhalterinnen und Tierhalter, die mittlerweile aufgegeben haben. Das betreffe zunächst diejenigen, die nur ein paar wenige Tiere auf der Weide halten. „Wenn man ein paar Mal sein eigenes Tier tot gefunden hat, hat man keine Lust mehr.“ Leuchtenberg berichtet von anderen, die ihre Schafe einfach nicht mehr auf die Weide lassen. „Keine Ahnung, wie lange das gut gehen wird.“ Immer wieder werden Wölfe in NRW nachgewiesen – so etwa in der Nähe von Hamm.

  • Im Kreis Wesel gab es in diesem Jahr 24 Wolfssichtungen, davon zehn in Schermbeck, einem ausgewiesenen Wolfsgebiet. Zu dem 957 Quadratkilometer großen Gebiet gehören unter anderem Hünxe, Dinslaken, Voerde, Bottrop und Teile von Recklinghausen.
  • Im Kreis Soest waren es insgesamt vier Wolfssichtungen, davon zwei in Warstein und zwei in Lippetal.
  • In Siegen-Wittgenstein gab ebenfalls vier Sichtungen beziehungsweise Nachweise, alle davon in Bad Berleburg.
  • Im Märkischen Kreis rund um die Kreisstadt Lüdenscheid wurden zwölfmal Wölfe nachgewiesen, davon viermal in Kierspe, sechsmal in Herscheid und zweimal Plettenberg.
  • Wie viele einzelne Tiere jeweils in den Gebieten leben, ist unklar. Der NABU Bottrop geht beispielsweise für Schermbeck von zwei bis vier erwachsenen Wölfen aus.

In Ostdeutschland gebe es bereits Schutzzäune, die Wölfe tatsächlich abhalten. Aber da zeige sich, dass dann andere Tiere ebenfalls nicht durch das Gebiet kommen. „Das ist dann wie in Fort Knox.“ Für Johannes Leuchtenberg stellt die Rückkehr des Wolfes in NRW ein Problem dar. Er spricht von einem reinvasiven Tier. „Der Wolf war 150 Jahre nicht mehr hier“, sagt er. In der Zeit verändere sich vieles. „Man will ja auch jetzt auch keinen Tyrannosaurus Rex auf die Welt loslassen.“ Die Tierhalter seien jedenfalls kaum schuld daran, dass die Wölfe jetzt mehr Schafe und Ziegen töten, findet er. (ebu)

Redaktioneller Hinweis:In einer vorherigen Version des Artikels hieß es, es seien in diesem Jahr 24 Wölfe im Kreis Wesel und weitere Wölfe in anderen Gebieten gesichtet worden. Das ist nicht korrekt. Tatsächlich gab es nur 24 Wolfsnachweise. Wie viele einzelne Tiere es in dem Gebiet tatsächlich gibt, ist nicht genau bekannt.

An anderer Stelle hieß es, der Mindestschutz in NRW verlange Zäune, die 1,20 Meter hoch sind. Das ist nicht korrekt, die Mindesthöhe beträgt 90 Zentimeter.

Ferner hieß es zunächst im Artikel, der NABU Bottrop habe mitgeteilt, bis zu drei Viertel der durch Wölfe gerissenen Schafe und Ziegen hätten auf ihren Weiden nicht einmal den Mindestschutz gehabt. Tatsächlich ist das keine Mitteilung des NABU, vielmehr stützt sich der Verein auf Zahlen der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW).

Im Infokasten wurden überdies Wolfsnachweise im Wolfsgebiet Schermbeck und Orten wie Dinslaken und Voerde separat aufgeführt. Diese Orte gehören aber zum Wolfsgebiet. In der angepassten Version des Artikels wurden die Orte dem übergreifenden Gebiet zugeordnet.

Die Formulierungen wurden entsprechend angepasst. Wir bitten um Entschuldigung.

Rubriklistenbild: © Julian Stratenschulte/dpa

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