1000-Meter-Abstandregel
Windrad-Gegner fühlen sich von NRW-Regierung hintergangen: „Eine Katastrophe für uns“
Anwohner aus Ahlen fühlen sich hintergangen, weil das Land NRW die 1000-Meter-Regel bei Windkraftanlagen kippt. Es regt sich Widerstand.
Hamm/Ahlen – Die Energiewende geht in Deutschland nur schleppend voran. Nordrhein-Westfalen will dem nun etwas entgegensetzen und hat sich dazu entschlossen, den umstrittenen pauschalen 1000-Meter-Mindestabstand von Windenergieanlagen zu Wohnsiedlungen im bevölkerungsreichsten Bundesland abzuschaffen. In Ahlen im Kreis Warendorf regt sich dagegen Widerstand. Anwohner fürchten, dass sie bald Windräder „im Garten“ stehen haben – auch gesundheitliche Ängste treiben sie um.
Anwohner in Ahlen wollen keine Windräder in der Nachbarschaft
Einer von ihnen ist Horst Rias aus der Siedlung Pferdekamp in Ahlen-Gemmerich. Der 83-Jährige sei nach eigenen Angaben herzkrank. Eines der geplanten Windräder würde nur „500 bis 600 Meter“ von seinem Haus entfernt stehen. „Ich habe drei Bypässe und benötige meinen Schlaf – aber durch die Lärmbelästigung werde ich den dann nicht mehr haben“, meint er im Gespräch mit wa.de. Er hat Sorge, dass die Geräusche bis in sein Schlafzimmer dringen – die neueren Anlagen sind allerdings wesentlich leiser als noch die älteren. Dagegen klagen er und seine Nachbarn trotzdem. Darunter auch Bernhard Schöler.
Der sagte unlängst dem WDR: „Wir hatten gehofft, dass die 1000-Meter-Regel Bestand hat. Jetzt haben wir das Theater, weil diese Regelung fällt – das ist eine Katastrophe für uns.“ Von der Regierung rund um Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) fühlt er sich hintergangen. Für den Gesetzentwurf der Regierungsfraktionen von CDU und Grünen votierten in namentlicher Abstimmung 148 von 170 Abgeordneten. Auch die SPD als größte Oppositionsfraktion schloss sich dem Gesetzentwurf an. FDP und AfD stimmten dagegen.
Windkraftanlagen in Nordrhein-Westfalen
Insgesamt wurden in NRW in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres laut Landesregierung 178 Windenergieanlagen genehmigt.
NRW war damit Spitzenreiter im Vergleich der Bundesländer. 45 Anlagen wurden in diesem Zeitraum in Betrieb genommen. Davon ersetzten 13 bestehende, weniger leistungsfähige Anlagen. In der Branche wird dies „Repowering“ genannt. Für diese Erneuerung älterer Windanlagen war die 1000-Meter-Regel bereits früher gekippt worden.
Die 45 neuen Anlagen sind im Schnitt 216 Meter hoch. Die Höhe liegt damit leicht über dem Bundesschnitt von 206 Metern.
Ausbau der Windkraft soll in NRW einen Schub bekommen
Der Wegfall der 1000-Meter-Abstandsregel soll dem Ausbau der Windkraft in NRW einen Schub geben. Das wäre wichtig, um die Folgen des Klimawandels zu bremsen, vor denen unter anderem auch Klimaforscher Prof. Mojib Latif seit Jahren warnt. Laut schwarz-grünem Koalitionsvertrag sollen daher in dieser Legislaturperiode in NRW mindestens 1000 zusätzliche Windkraftanlagen errichtet werden.
Die betroffenen Ahlener hätten gegen dieses Ziel wohl auch nichts auszusetzen, die Umsetzung soll offenbar aber nicht in der Nähe ihrer Wohnhäuser erfolgen. „Was soll ich machen, wenn die Windräder kommen? Ich kann ja nicht einfach mein Haus unter den Arm klemmen und damit nach Bayern fahren. Also muss ich jeden Tag, wenn ich in den Garten gehe, diese Windräder ertragen“, sagte Schöler.
Wegfall der 1000-Meter-Regel laut Experten ein wichtiger Schritt
Experten zufolge könne NRW die Ziele aber tatsächlich nur ohne die 1000-Meter-Abstandsregel erreichen – zuvor hatten sie daher schon den Wegfall der Regel beim sogenannten „Repowering“ befürwortet. „Das ist ein großer Gewinn, um mehr Flächen für Windenergie zu gewinnen“, hatte Dr. Ralf Köpke, Sprecher des Landesverbandes Erneuerbare Energien NRW, bereits im März im Gespräch mit wa.de erklärt.
Der Geschäftsführer des Landesverbandes Erneuerbare Energien (LEE NRW), Christian Mildenberger, begrüßte nun ebenfalls die Abschaffung des 1000-Meter-Mindestabstandes bei neuen Anlagen. Die Regel sei mit einer der entscheidenden Gründe für lahmenden NRW-Windenergieausbau in den zurückliegenden Jahren gewesen. Der Verband sehe bei der Landesregierung „eine Reihe von positiven Signalen“ dafür, dass demnächst „endlich wieder mehr neue Windenergielagen in Betrieb gehen werden“. (maho/dpa)
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