„Pseudosicherheit“ durch Handschuhe

Hygiene-Experte räumt mit Mythos auf: „So ein Handschuh ist nicht steril“

Eine Bäckerei-Kette hat Einweghandschuhe im Verkauf abgeschafft. Wer sich ekelt, sollte wissen, was ein Hygiene-Fachmann davon hält. Er räumt mit einem Mythos auf.

Dortmund – Eine Frau greift mit ihrer Hand in die Auslage und packt sich ein Brötchen, lässt es in die Papiertüte fallen. Sie trägt dabei einen Gummihandschuh, wie man ihn aus Krankenhäusern kennt. Szenen wie diese spielen sich tagtäglich hunderttausendfach ab. Wir haben uns so sehr an diesen Anblick gewöhnt, dass wir ihn kaum noch hinterfragen. Die Einweghandschuhe, sie sollen Hygiene und Sicherheit vermitteln. Aber tun sie das wirklich? Eine Bäckerei-Kette aus Dortmund in Nordrhein-Westfalen hat sich nun jedenfalls von ihnen verabschiedet.

Eine Bäckerei in Dortmund verzichtet auf Handschuhe. (Montage)

„Das ist tatsächlich so ein Punkt, vor allem beim Bäcker, der auch mich selber seit Jahren ein bisschen verwundert“, sagt Dr. med. Frank Hünger, Direktor des Instituts für Krankenhaushygiene und Klinische Mikrobiologie am Klinikum Dortmund, im Gespräch mit wa.de. Den Schritt der Dortmunder Bäckerei „Citybäcker“ kann er daher auch nachvollziehen.

Hygiene ohne Handschuhe: Citybäcker setzt auf neue Methoden

Grundsätzlich ist es so, dass Hände, die man benutzt, kontaminieren. „Je nachdem, was man anfasst, hat man plötzlich da Dinge dran, die man nicht dran haben will und deswegen wäscht man sich nach der Toilette und vorm Essen die Hände – jetzt mal ganz grob und plakativ gesagt“, sagt Dr. Hünger. Wer aber Einweghandschuhe trägt, hält es vielleicht nicht so genau mit der Handhygiene. Das jedenfalls ist eine Beobachtung, die die Bäckerei gemacht hat.

„Ein Handschuh ist nur so lange hygienisch, bis er mit kontaminierten Oberflächen in Berührung kommt, sprich ein ständiger Handschuhwechsel wäre notwendig“, erklärt eine Citybäcker-Sprecherin auf wa.de-Nachfrage. Das Resultat seien enormer Abfall und Kosten. „Des Weiteren verursachen Handschuhe eine ‚Pseudosicherheit‘, heißt man wäscht sich nicht so oft die Hände, da das Gefühl der Verschmutzung fehlt“, erklärt sie. Da es keine lebensmittelrechtlichen Vorschriften zum Tragen von Handschuhen gebe, habe Citybäcker also den Schritt gewagt, auf Handschuhe zu verzichten.

Wie oft reinigen? 15 Stellen im Haus, die gerne vergessen werden

Auf Küchenflächen lagern sich mehr Mikroben als sonst wo.
Die Spüle mit dem Geschirr gehört zu den täglichen Putzstellen.
In einer Toilette leben im Durchschnitt knapp 3.000 Bakterien.
Die Mülleimer im Haus sollten je nach Größe des Haushalts alle paar Tage geleert werden.
Wie oft reinigen? 15 Stellen im Haus, die gerne vergessen werden

Aus hygienischer Sicht ist das tatsächlich überhaupt kein Problem. „So ein Handschuh, der frisch aus der Packung kommt, ist nicht steril“, erklärt Desinfektionsexperte Dr. Hünger. Aber man geht natürlich nicht davon aus, dass irgendein echter Krankheitserreger sich auf diesem Handschuh befindet. Dennoch: „In der Medizin würden wir sagen, dass diese Handschuhe eigentlich nur für den Eigenschutz gedacht sind.“ Besser wäre es, sich gründlich die Hände zu waschen und diese zu desinfizieren, wenn man auf Nummer sicher gehen will.

Das wäre jedenfalls aus hygienischer Sicht der Königsweg. „Wenn ich mir vorher die Hände desinfiziert habe, kann ich davon ausgehen, dass keine Gefahr von diesen Lebensmitteln ausgeht, wenn ich sie in die Brötchentüte packen“, sagt Dr. Hünger. Der Fachmann ergänzt einen Hinweis und lacht: „Aber niemand will noch Reste des Händedesinfektionsmittels an seinem Brötchen haben. Das ist also wenig praktikabel, obwohl es – rein hygienisch – das Beste wäre, was Sie machen könnten.“ Er fasst zusammen: „Also sagen wir, dann nehmen wir, wenn wir nach den Brötchen greifen, eben einen Handschuh. Das kennen wir ja auch von den Selbstbedienungstheken. Da erhalten Sie so einen Einweghandschuh, damit Sie die Brötchen, die Sie nicht selber kaufen, auch nicht kontaminieren. Und das ist sicherlich auch aus meiner Sicht hygienisch erst mal völlig in Ordnung.“ Also doch Handschuhe? Nein. Es geht auch anders.

Bäckerei in Dortmund verzichtet auf Handschuhe – ein mutiger Schritt

Tücher oder Zangen könnten die Handschuhe beispielsweise ersetzen. „Man will vielleicht auch einfach nicht, dass irgendeine fremde Person das angefasst hat, was man sich hinterher in den Mund steckt“, sagt Hygienefachmann Dr. Hünger. Auch hierbei ist natürlich darauf zu achten, dass die Hilfsmittel regelmäßig gereinigt werden. Die Kunden in Dortmund scheinen die Handschuhe jedenfalls nicht zu vermissen.

„Unsere Erfahrung nach knapp zwei Monaten der Umstellung ist sehr positiv“, sagt die Citybäcker-Sprecherin. „Die Mitarbeiter wurden dementsprechend noch mal geschult und wir haben etliche Seifenspender/Desinfektionsspender für die Verkäufer/innen nachgerüstet, um eine einwandfreie Hygiene zu gewährleisten“, heißt es. Das Fazit: „Wir haben mit viel mehr negativem Feedback gerechnet, aber die Kunden reagieren teilweise gar nicht darauf, oder positiv.“ Natürlich gebe es „hin und wieder Kunden, die sich über das Thema ohne Handschuhe beschweren“, aber auch da seien die Verkäuferinnen und Verkäufer sensibilisiert worden, wie man mit diesen Beschwerden umgeht. „Also alles in allem kann man diese Umstellung nur empfehlen“, meint die Sprecherin.

Rubriklistenbild: © Hoffmann / imago / Montage: wa.de

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