Neue Industrie

Phönix aus der Kohle: So kann das Ruhrgebiet zur Spitzenregion in Deutschland werden

Steag-Kraftwerk in Duisburg-Walsum
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Kohlekraftwerk in Duisburg-Walsum: Bald soll hier auf dem Gelände eigener Wasserstoff hergestellt werden. Das Ruhrgebiet könnte bei dem Thema vorne mit dabei sein.

Das Ruhrgebiet scheint abgehängt. Doch jetzt eröffnen sich neue Chancen. Die Region hat einen Vorteil – und daran hat man sogar in Norwegen Interesse.

Oslo/Duisburg – Es soll Leute geben, die wollen im Ruhrgebiet nicht mal tot überm Zaun hängen. So wie Düsseldorfs Ex-OB Dirk Elbers (CDU), der mit eben diesem Bekenntnis vor ein paar Jahren für Empörung gesorgt hatte. Der Ruf des Reviers in NRW ist schlecht und das hat Gründe. Die vereinfachte Zusammenfassung: Einst das industrielle Zugpferd des Landes, befinden sich die Städte tief im Westen seit dem Ende des Bergbaus im Abstieg. Auch Image-Projekte wie „Ruhr2010“ haben daran nicht viel geändert. Gelsenkirchen hat mit 14 Prozent die höchste Arbeitslosenquote Deutschlands, und in Duisburg sieht es nicht viel besser aus. Man kann sagen: Die Region ist ein Sozialfall. Doch das könnte sich ändern: Eine zweite industrielle Revolution bahnt sich an. Und das Ruhrgebiet hat erstmals seit Jahrzehnten eine echte Chance, wie ein Phönix aus der Kohle aufzuerstehen. Daran hat man sogar im Ausland Interesse – denn die Region hat etwas, das andere nicht haben.

Wasserstoff soll Schlüsselrolle bei Dekarbonisierung spielen

Das Zauberwort heißt Wasserstoff. Im Zuge der Dekarbonisierung, also der Reduzierung von CO₂-Emissionen in der Wirtschaft, die in den meisten westlichen Industriestaaten Ziel ist, wird Wasserstoff eine Schlüsselrolle einnehmen. Da sind sich die meisten Experten einig – und auch die Bundesregierung setzt auf Wasserstoff. Im großen Stil produziert werden kann der Energieträger hier bisher noch nicht, man ist auf Importe aus dem Ausland angewiesen. Vorne mit dabei wird neben Westafrika, Australien und Spanien vor allem auch Norwegen sein. Im Januar hatten Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre in Oslo eine Vereinbarung unterzeichnet: Bis 2030 soll eine Pipeline zwischen Deutschland und Norwegen zum Transport von Wasserstoff entstehen.

Wasserstoff-Importe: „Deutschland ist Norwegens wichtigster Partner“

Michael Kern von der Deutsch-Norwegischen Handelskammer AHK in Oslo.

Die jüngsten Pläne und Staatsbesuche haben die Beziehungen zwischen den Ländern stark beeinflusst. „Deutschland ist Norwegens wichtigster Partner in Europa“, sagt Michael Kern, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutsch-Norwegischen Handelskammer AHK. So steht es auch in der Deutschland-Strategie, einem Papier der norwegischen Regierung, in dem es um bilaterale Beziehungen mit europäischen Partnern geht. Traditionell war Norwegen als anglophiles Land stark in Richtung Großbritannien orientiert. Doch nicht zuletzt der Brexit habe dazu geführt, dass die Karten neu gemischt worden seien, so Kern.

Und da kommt das Ruhrgebiet ins Spiel. Denn von dort aus, wo der Wasserstoff ankommt – unter anderem an der Nordseeküste sowie im Seehafen von Rotterdam in den Niederlanden – muss er schnell verteilt werden, also über weitere Pipelines, per Bahn, Lkw oder Schiene. „Da haben Regionen mit guten Ankerpunkten an die Industrie einen Vorteil“, sagt Kern. So wie der Westen von NRW.

Größter Binnenhafen der Welt in Duisburg will zentraler Wasserstoff-Hub werden

Rotterdam hat einen der größten Seehäfen der Welt: Die Zusammenarbeit mit Duisburg will man beim Thema Wasserstoff intensivieren.

Jüngst hatten der Duisburger Hafenbetreiber Duisport und der Rotterdamer Hafen im Rahmen einer gemeinsamen Machbarkeitsstudie betont, dass sie beim Thema Wasserstoff eng zusammenarbeiten wollen. Seit Jahrzehnten sind die Häfen über die Binnenschifffahrt verbunden. Jetzt hat sich der Hafen in Rotterdam der von Duisport mitgegründeten Wasserstoff-Initiative „Hy.Region.Rhein.Ruhr“ angeschlossen. Ein klares Zeichen: Gemeinsam möchten die Häfen eine führende Rolle beim Transport des Energieträgers in Europa spielen. Bis 2027 soll eine Pipeline zwischen dem Ruhrgebiet und Rotterdam entstehen.

Der größte Binnenhafen der Welt in Duisburg bereitet sich schon darauf vor: Auf über 235.000 Quadratmetern entsteht auf der ehemaligen Kohleninsel das Duisburg Gateway Terminal (DGT). Im zweiten Quartal 2024 soll es fertig sein. In dem neuen Hafenabschnitt sollen vornehmlich Wasserstoff und Derivate wie Ammoniak umgeschlagen werden. 125 Millionen Euro kostet das Projekt. „Das ist eine Investition in die Zukunft“, ist sich Alexander Garbar sicher. Er ist Leiter der Unternehmensentwicklung vom Duisburger Hafen.

Tatsächlich hat der Hafen kaum eine andere Wahl, wenn er bestehen will. Seit Jahrzehnten ist er die Energiedrehscheibe der Region, lange ging es aber zum Großteil um Schüttgut wie Kohle. Die spielt jetzt keine große Rolle mehr, wie Garbar mit einem Vergleich deutlich macht: „In Spitzenzeiten, noch vor 15 Jahren, wurden hier 20 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr umgeschlagen. Letztes Jahr waren es gerade mal 700.000 Tonnen.“

Alexander Garbar, Leiter Unternehmensentwicklung bei Duisport, vor den frisch verlegten Gleisen am Gateway Terminal in Duisburg: Hier soll künftig unter anderem Wasserstoff per Schiff, Bahn und Lkw transportiert werden.

Steag-Tochter produziert bald eigenen Wasserstoff in NRW

Derweil will das Unternehmen Iquony, eine Tochter vom Strom-Riesen Steag, in Duisburg-Walsum künftig eigenen grünen Wasserstoff produzieren. Das Ganze ist ein Leuchtturmprojekt, Verkehrsunternehmen gelten als potenzielle Abnehmer. „Duisburg wird in den nächsten Jahren eine Schlüsselrolle beim Thema Wasserstoff einnehmen“, sagte jüngst auch Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link. Man weiß hier, wie dringend ein neuer Wirtschaftszweig in der Region benötigt wird – und hat schon früh mit der Forschung angefangen. An der Universität Duisburg-Essen gibt es seit gut 20 Jahren das Zentrum für Brennstoffzellentechnik (ZBT), hier werden Einsatzmöglichkeiten von Wasserstoff-Technologien getestet. Im Februar hatte Bundeskanzler Olaf Scholz die Einrichtung, die als bundesweit führend gilt, besichtigt.

Auch potenzielle Abnehmer von Wasserstoff gibt es bereits: Thyssenkrupp Steel in Duisburg will künftig mithilfe von Wasserstoff Stahl erzeugen. Eine Alternative hat das Unternehmen auch kaum, wenn es wettbewerbsfähig bleiben will. Das Projekt wird mit zwei Milliarden Euro von Bund und Land gefördert.

Fortschritte bei Wasserstoff und Co.: Studie attestiert Ruhrgebiet Potenzial

Noch weiß niemand, wie rentabel das Wasserstoffgeschäft sein wird. Die Hoffnung im Revier: Wenn sich Wasserstoff durchsetzt, haben sie hier aufgrund der Lage und des Vorsprungs bei schon existierender Infrastruktur und Know-how einen Wettbewerbsvorteil. Dass die Region zumindest jetzt Potenzial hat, zu dem Ergebnis kommt auch eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln zu Immobilienpreisen.

„Wer in der Metropole Ruhr in eine Immobilie investiert, bekommt mehr Wohnfläche für sein Geld als in anderen Ballungsräumen und hat die Chance auf eine überdurchschnittlich hohe Zukunftsrendite“, sagt IW-Direktor Michael Hüther. Sprich: Die Preise werden steigen, weil sich die Region bald so gut entwickelt. Laut Studie stünden die Chancen für einen positiven Strukturbruch gut, dank einer dichten Hochschullandschaft und vor allem Fortschritten bei der Transformation zu einer grünen Industrie sowie einer neuen Ausrichtung auf Zukunftsthemen. (pen)

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