Tagesbrüche
Riesige Löcher in der Straße – warum NRW immer wieder absackt
In NRW entstehen immer wieder Löcher an der Erdoberfläche. Ein Grund dafür ist der Bergbau – er hat Hohlräume unter der Erde hinterlassen.
Arnsberg – Immer wieder kommt in es NRW zu sogenannten Tagesbrüchen. Dann können ganze Straßenteile unvermittelt einstürzen. Im Jahr 2013 waren im November Teile des Hauptbahnhofs in Essen nicht nutzbar, weil darunter alte Bergbaustollen entdeckt wurden. Damit die nicht eines Tages einstürzen, musste die Bergbaubehörde den Bereich sichern. Wochenlang gab es Ausfälle und Verspätung im Bahnverkehr. Peter Hogrebe ist Leiter des Dezernats für Altbergbau bei der Bezirksregierung Arnsberg. „Solche Tagesbrüche hängen oft mit dem Bergbau zusammen“, sagt er.
In NRW kommt es immer wieder zu sogenannten Tagesbrüchen
Wie entstehen also solche Einbrüche an der Oberfläche? Man muss sich die Schichten einer Kohlenlagerstätte wie den Kuchen Bienenstich vorstellen, sagt Hogrebe. Erst kommt eine Schicht Teig, dann die Creme, dann wieder Teig. Der Teig ist Erde oder Gestein. „Die Cremeschicht steht für die Kohle, die unter der Erde liegt.“ Flöze werden diese Ablagerungen genannt.
Durch den Bergbau sind viele dieser Kohleflöze abgebaut worden. Dadurch gibt es Stellen unter der Erde, wo sich lockere, poröse Reste des Gesteins oder sogar ganze Hohlräume befinden. „Die können in sich zusammenfallen und dann bis zur Tagesoberfläche durchbrechen“, erklärt Hogrebe. So entstehen dann Tagesbrüche, die oftmals als Löcher in der Straße sichtbar werden.
Teilweise wurde bis wenige Meter unter der Tagesoberfläche Kohle abgebaut
„Die Kohlenlagerstätte unter dem Ruhrgebiet kann man sich wie ein Kuchenblech vorstellen, und dann sehr viele davon übereinander“, erklärt Hogrebe. „Diese Schichten haben sich dann schräg gestellt, verwölbt oder sind verrutscht. Das hat die geologische Entstehung so vorgegeben.“ Im Süden des Ruhrgebiets liegen die Flöze dicht unter der Tagesoberfläche und tauchen nach Norden ab. Im mittleren und südlichen Ruhrgebiet von Mülheim an der Ruhr über Essen, Bochum und Dortmund lagern die Kohlevorkommen besonders dicht unter der Oberfläche, sagt Hogrebe. Teilweise wurde dort bis wenige Meter unter der Tagesoberfläche Kohle abgebaut. Damit ist dort das Risiko höher, dass solche Hohlräume in sich zusammenfallen und Einbrüche an der Tagesoberfläche erzeugen.
Die Kohlenlagerstätte unter dem Ruhrgebiet kann man sich wie ein Kuchenblech vorstellen, und dann sehr viele davon übereinander.
Im Norden des Ruhrgebiets wurde die Kohle in einer Tiefe von mehr als 1000 Metern abgebaut. In diesem Bereich sorgen stabile Schichten über den Kohlenflözen dafür, dass die Erdoberfläche nicht einbrechen kann. Deswegen kommt es dort auch nicht zu Tagesbrüchen, sondern zu großflächigen Absenkungen. Laut Statistik gibt es im Jahr durchschnittlich 120 Tagesbrüche, sagt Hogrebe. Nur die Hälfte sei dem Bergbau geschuldet. „Manchmal stürzen auch einfach defekte Kanalschächte oder alte ehemalige Keller ein.“
Anzahl der Tagesbrüche in NRW ist gleichbleibend
Im September war ein Wanderweg am Baldeneysee in Essen gesperrt worden, weil es dort einen Tagesbruch gegeben hatte. In der Hattinger Straße in Bochum legten zuletzt gleich zwei Tagesbrüche an einer Straße den Verkehr lahm. Peter Hogrebe sagt aber, die Anzahl der Tagesbrüche sei gleichbleibend. „Die Vorfälle nehmen nicht zu, die Medien berichten nur mehr darüber.“
Spektakuläre Tagesbrüche in NRW
► Im Bochumer Stadtteil Wattenscheid-Höntrop gab es im Januar 2000 zwei 15 Meter tiefe Einbrüche in einem Wohngebiet. Sie wurden auch als der „Krater von Wattenscheid“ bezeichnet.
► Im Jahr 2004 gab es mehrere Tagesbrüche am Rosterberg in Siegen. Da waren alte Hohlräume und Gänge der Grube „Hohe Grethe“ eingestürzt. Weil das Ausmaß so groß war, wurde der Tagesbruch auch unter dem Namen „Siegener Loch“ bekannt. Die Sicherungsarbeiten dauerten mehrere Monate.
► Im November 2013 waren Teile des Hauptbahnhofs in Essen nicht nutzbar, weil darunter alte Bergbaustollen gefunden worden sind. Die Sicherungsarbeiten dauerten mehrere Wochen, der Bahnverkehr war eingeschränkt.
Wie gefährdete Stellen gesichert werden
Damit es langfristig aber weniger solcher Vorfälle gibt, führt die für die Bergbaufolgen zuständige Bezirksregierung Arnsberg regelmäßig Probebohrungen durch. „Wenn wir lockere, nicht stabile Bereiche oder Hohlräume finden, die zu einem Tagesbruch führen können, werden diese mit einem speziellen Material wieder aufgefüllt“, berichtet Hogrebe.
Der Baustoff, der dabei benutzt wird, ist eine Zementsuspension. „Wenn man diese so sieht, glaubt man zuerst nicht, dass sie hart werden kann“, sagt Hogrebe. „Es sieht eher aus wie graues Wasser.“ Tatsächlich fließt der flüssige Zement über Bohrungen in jede Spalte, Fuge oder Hohlraum und verhärtet dann. „So ist die Oberfläche dann gesichert und kann nicht mehr einstürzen.“ Um die Stellen zu finden, wo es noch Hohlräume durch den Bergbau gibt, nutzen die Mitarbeiter von der Bezirksregierung alte Grubenkarten. Mehr als 120.000 lagern im Archiv der Bezirksregierung. „Zum Glück sind die meisten davon mittlerweile digitalisiert.“
An den Stellen, wo keine Karten auf die ehemaligen Schächte und Gruben hinweisen, greift das Team vom Risikomanagement auf geologische Karten zurück. „Wir sehen dann, wo es größere Kohlevorkommen gegeben hat und können anhand dessen einschätzen, wo wir weitere Untersuchungen vornehmen müssen.“ Bis alle Hohlräume unter der Erde im Ruhrgebiet aufgefüllt sind, wird es dauern, sagt Hogrebe. „250 Jahre Bergbau kriegt man nicht in einer Generation wieder aufgefüllt.“ (ebu)
Rubriklistenbild: © Bernd Thissen/dpa


