Neues Rathaus
Mega-Projekt löst Streit in Ahlen aus: „Am Ende ist eine ganze Stadt pleite“
Ahlen plant ein Mega-Projekt: Für den neuen Bürgercampus soll das alte Rathaus abgerissen werden. Eine Protestbewegung erhebt gegen die Stadt schwere Vorwürfe.
Ahlen – Neubauten sorgen immer für Aufsehen. Wenn es sich bei ihnen auch noch um städtische Großprojekte handelt, die letztendlich der Steuerzahler finanziert, ist das Interesse umso größer. In Ahlen im Kreis Warendorf (NRW) sorgt daher auch der geplante Neubau des Bürgercampus für mitunter emotional geführte Debatten. 100 Millionen Euro soll es kosten. Das alte Rathaus müsste dafür weichen. Die Argumente liegen längst auf dem Tisch, der Neubau ist beschlossene Sache. Eine Bürgerinitiative probt sich aber weiter im Widerstand. Sie erhebt schwere Vorwürfe.
Mega-Projekt löst Streit in Ahlen aus: „Am Ende ist eine ganze Stadt pleite“
„Es ist eine dummdreiste Vernebelungsstrategie, die da läuft, und am Ende ist eine ganze Stadt pleite“, sagt Friedrich Löper von den Rathausfreunden Ahlen im Gespräch mit wa.de. Der Pensionär wirkt aufgebracht und gut informiert. Aus seiner Sicht spricht alles gegen den Neubau des Bürgercampus und für eine Sanierung des aus den 1970er-Jahren stammenden und baufälligen Rathauses.
Löper führt zu einem die ökologischen Kosten auf. „120 bis 150 Bäume und Sträucher fallen dem Projekt zum Opfer. Das bedeutet die Zerstörung der grünen Lunge der Innenstadt“, meint er. Entsprechende Ausgleichsflächen hat die Stadt in ihren Planungen allerdings vorgesehen.
Seine größte Sorge aber ist ohnehin der finanzielle Aspekt. „Das Haushaltsloch der Stadt Ahlen wird im kommenden Jahr 20 Millionen Euro betragen. Das Geld fehlt. Damit würde die Stadt Ahlen in die Zwangsverwaltung gehen – um einen Sozialabbau würden wir dann nicht mehr drumherum kommen“, sagt Löper. Er und seine Mitstreiter rechnen damit, dass der Neubau nämlich noch mehr Geld als die angepeilten 100 Millionen Euro verschlingen könnte. „Wir haben die Befürchtung – das haben Architekten, die uns unterstützen, nachgerechnet –, dass wir eine Kostensteigerung auf bis zu 130 oder gar 150 Millionen Euro haben“, erklärt er.
Stadt Ahlen behauptet, ein Neubau des Rathauses sei wirtschaftlicher
Die Stadt Ahlen hält dagegen. „Für den Neubau sprechen tatsächlich die Kosten. Ein Neubau ist wirtschaftlicher, das steht schon seit 2011 fest“, sagt Stadtsprecherin Anika Meierhenrich im Gespräch mit wa.de. Sie zieht einen Vergleich zu Oldtimern. Die Stadt hätte nämlich gerne einen verkehrstauglichen Neuwagen.
„Ein Oldtimer ist schön, aber er garantiert Ihnen nicht, dass Sie damit auch jeden Tag zur Arbeit kommen. In der Wunschvorstellung der Bürgerinitiative kann man den Oldtimer reparieren und erhält einen Neuwagen. Das funktioniert aber nicht in der Realität“, sagt sie. Ihre Sorge: Schließt man beim alten Rathaus die eine Baustelle, würde sich eine andere auftun – zu groß und zu vielfältig sind die Mängel. Dabei trägt die Stadt Ahlen zum Teil selbst die Schuld daran.
„Direkt nach Fertigstellung hat die Stadt Baumängel in der Fassade am Hals gehabt, konnte aber keine Gewährleistung geltend machen, weil die Baufirma Konkurs angemeldet hat nach dem Bauabschluss“, erklärt Friedrich Löper von der Bürgerinitiative. Den Vorsitzenden der Protestbewegung stört aber eine andere Sache noch viel mehr: „Seit 40 Jahren stehen Eimer in dem Rathaus, weil es von den Decken tropft – das ist doch ein Witz. Das Dach ist an mehreren Stellen für Antennen durchbohrt worden, und das hat man nicht richtig abgedichtet.“
Stadt Ahlen soll das Rathaus bewusst „heruntergewirtschaftet“ haben
Die Fassade sei zudem seit vielen Jahren nicht mehr geputzt worden, technische Wartungen seien mangelhaft oder gar nicht durchgeführt worden. „Das ganze Rathaus wurde heruntergewirtschaftet, damit die Stadt einen Grund hat, es abzureißen. Die Instandhaltung wurde über 40 Jahre ausgesetzt“, sagt Löper. Die kleine Kommune kann sich von diesem Vorwurf in der Tat nur schwer freimachen.
„Dass gewisse Sanierungen nicht durchgeführt wurden, kommt in jeder Kommune vor. Das macht es absolut nicht besser, da müssen wir nicht groß diskutieren“, erklärt Stadtsprecherin Meierhenrich. Die Stadt Ahlen möchte sie allerdings auch nicht aus der Verantwortung ziehen: „Mit Sicherheit hätte eher etwas unternommen werden müssen – es gab ja bereits beim Bau erste Mängel. An dem Ding ist ganz, ganz viel schiefgelaufen. Das will man einfach nicht.“
Nun, mit dem geplanten Neubau, soll alles besser werden in Ahlen. „Der Bürgercampus ist ein besonderes Projekt und ein besonderer Gedanke. Es geht um dieses Campus-Konzept. Wir haben alles zusammen auf einem Platz, und alle Gebäude haben mehrere Funktionen“, erläutert Meierhenrich.
Auf dem neuen Bürgercampus in Ahlen soll es weniger Büroräume geben
„Seit 2013, zuletzt im März 2023, hat es regelmäßig Veranstaltungen gegeben, um über die laufenden Planungen rund um das Rathaus zu informieren. Der Bürgerdialog wird fortgesetzt“, erklärt die Stadt. Effizienter soll das neue Gebäude zudem sein. „Das neue Stadthaus wird kleiner als das alte Rathaus. Es sind beispielsweise weniger Büroräume vorgesehen, weil die Verwaltung immer häufiger im Homeoffice tätig ist“, sagt die Stadtsprecherin.
Friedrich Löper möchte davon nichts wissen. Er bleibt dabei, dass die Stadt Ahlen sich mit dem Mega-Projekt ins Unglück stürzt. „Ahlen verfügt doch über ein gutes Rathaus. Ich fordere von niemanden, dass er neben einem Eimer unter einem undichten Dach arbeitet. Aber man könnte es doch einfach reparieren“, sagt er und malt sich eine kleine Chance aus, dass der Bau des Bürgercampus doch noch irgendwie gestoppt wird. Kommen wird es dazu aber wohl nicht.
„Die Finanzierung ist gesichert. Der Bau steht auf sicheren Füßen. Aktuell sieht es sogar danach aus, dass wir unter den 100 Millionen Euro bleiben. Es ist sicher, dass der Bürgercampus jetzt gebaut wird. Der Startschuss ist für den November geplant“, sagt Sprecherin Meierhenrich. Frühestens 2026 soll der Neubau fertig sein. Nicht nur die Verantwortlichen bei der Stadt Ahlen dürften hoffen, dass dieses Mal ein Bau ohne Mängel errichtet wird.