Annexionspläne
Zwei Orte in NRW gehörten einst für 14 Jahre zu den Niederlanden
Nach dem Zweiten Weltkrieg planten die Niederlande, deutsche Gebiete entlang der Grenze zu annektieren. Das Nachbarland konnte letztlich zwei Orte in NRW ergattern.
Selfkant/Elten - Die Niederlande sind ein beliebtes Ausflugsziel und Urlaubsland für Menschen in Nordrhein-Westfalen. Wer in grenznahen Gebieten lebt, ist oft schneller im Nachbarland als im nächstgelegenen Ort auf deutschem Boden. Generell sind Deutschland und die Niederlande eng miteinander verbunden – unter anderem durch die Geschichte. Ein besonderes Beispiel sind dabei die Orte Selfkant und Elten in NRW. Sie gehörten nämlich zwischenzeitlich mal zur Niederlande.
Zwei Orte in NRW gehörten einst zur Niederlande
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Annexionspläne seitens der niederländischen Regierung. Die Grenze sollte verschoben werden – als Wiedergutmachung für die von Deutschland verursachten Kriegsschäden während der fünf Jahre währenden Besatzung der Niederlande. Es gab verschiedene Alternativen, wie die Annexion umgesetzt werden könnte. So besagte etwa ein Plan, in NRW unter anderem die Städte Aachen, Osnabrück, Münster und Köln zu annektieren. Köln hätte dann übrigens den Namen „Keulen“ erhalten.
So weit kam es jedoch nicht, die USA und Großbritannien stellten sich quer. Und auch in den Niederlanden gab es Widerstand gegen die Annexionspläne. Zugeständnisse mussten die Alliierten aber trotzdem machen – und so ergatterten die Niederlande zwei kleine Orte in NRW: Selfkant im Kreis Heinberg und Elten, heute ein Stadtteil von Emmerich.
Annexionspläne 1949: Die Niederlande ergattern zwei Orte in NRW
Es war vor 75 Jahren, am 23. April 1949, als in beiden Orten die rot-weiß-blaue Flagge gehisst wurde. Doch die Annexion hatte von Anfang an etwas Unentschlossenes. So behielten die Einwohner von Selfkant und Elten ihre deutschen Pässe, allerdings mit dem Vermerk „Wird als Niederländer behandelt“.
„Das war so ein Mischstatus“, erläutert der Politologe Tim Terhorst, der über die niederländische Zeit in Elten seine Magisterarbeit geschrieben hat. Der Club Fortuna Elten wurde in den Königlich-Niederländischen Fußballverband eingegliedert, die Straßen bekamen niederländische Namen, Verkehrsschilder und Briefkästen wurden ausgetauscht. Aber gleichzeitig fand der Schulunterricht weiter auf Deutsch statt. Und auch die Zeitungen, die gelesen wurden, waren deutsch.
Vor 75 Jahren gingen Selfkant und Elten wieder nach Deutschland zurück
14 Jahre lang waren die rund 10.000 Menschen in Selfkant und Elten Einwohner des Königreichs der Niederlande. Als die Ausgleichsverhandlungen zwischen Bonn und Den Haag erfolgreich abgeschlossen wurden – die Niederlande bekamen 280 Millionen D-Mark –, fielen Selfkant und Elten im Jahr 1963 wieder an Deutschland zurück.
Und es gibt manch einen Bewohner, der das noch heute bedauert. Wenn es etwa nach Heinrich Cremers (89) gegangen wäre, wäre sein Geburtsorts Selfkant für immer niederländisch geblieben: „Das war eine schöne Zeit, wie wir bei Holland waren. Eine sehr gute Zeit“, erinnert er sich. Und er ist sicher: „Wenn es eine Abstimmung gegeben hätte, wären wir nicht zu Deutschland zurückgegangen.“ Auch er selbst hätte für den Verbleib bei Holland gestimmt. Aber die Bewohner wurden nicht gefragt.
Seit jeher herrscht ein enger Austausch auf vielen Ebenen zwischen Niederländern und Deutschen, vor allem den Menschen in NRW. So gibt es zahlreiche Städtepartnerschaften. Aus einer ist vor über 30 Jahren der beliebte Holland-Markt entstanden. Im Frühjahr 1990 wollte die niederländische Gemeinde Hengelo als Zeichen der offiziellen Eröffnung der Städtepartnerschaft mit Emsdetten einen Holland-Markt organisieren. Was sich zunächst durch Einfuhrbestimmungen schwierig gestaltete, ist heute eine Erfolgsgeschichte. Regelmäßig findet in NRW sonntags ein Holland-Markt statt, der viele Besucher anzieht. (dpa/hde)
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