Experiment
Grundeinkommen rettet Frau aus Münster: 1.200 Euro im Monat geschenkt
Das Bedingungslose Grundeinkommen war nur eine Idee. Ein Pilotprojekt hat sie konkret werden lassen – eine Frau aus Münster erhält jetzt monatlich 1.200 Euro.
Münster/Hamm – Stellen Sie sich vor, jemand legt Ihnen 1.200 Euro vor die Tür. Jeden Monat. Drei Jahre lang. Insgesamt also satte 43.200 Euro. Mit dem Geld dürfen Sie tun und lassen, was immer sie wollen. Ohne Gegenleistung. Ohne Verpflichtungen.
Das ist Idee hinter einem Bedingungslosen Grundeinkommen. Samira Korves (30) aus Münster (NRW) ist eine von 122 Probanden, denen im Rahmen einer Studie genau das widerfahren ist. Für die selbstständige Schwimmlehrerin war es die Rettung aus einer Situation, die ausweglos erschien. Mit wa.de hat sie über den Tag gesprochen, der für sie alles verändert hat. „Ich glaube, so ein Gefühl werde ich nie wieder in meinem Leben empfinden“, sagt sie. Kurz zuvor hatte ihr das Wasser schließlich noch bis zum Hals gestanden.
Samira Korves aus Münster erhält monatlich ein Bedingungsloses Grundeinkommen
Ohne das Grundeinkommen wäre das Leben von Samira Korves gänzlich anders verlaufen. Schlimmer vermutlich. „Zu Corona-Zeiten, als das Geld noch nicht da war, war ich unfassbar gestresst“, sagt die 30-Jährige, die 2019 ihre eigene Schwimmschule gründete – und dann aufgrund des Lockdowns in wirtschaftliche Schieflage geriet. Wie bei einem Burnout habe sie sich damals gefühlt. „Obwohl ich ja gar nicht gearbeitet habe“, sagt sie. Die Tage waren aufgrund der pekuniären Unsicherheiten trist und grau, die Gedanken kreisten. „Von morgens bis abends habe ich nur herumgelegen und mich mehrfach gefragt, was das Leben mit mir vorhat. Ich war in einem Loch und konnte mir nicht vorstellen, dass alles irgendwann wieder gut wird. Das war extrem belastend“, sagt Korves. Dann die Erlösung.
Langzeitstudie soll erforschen, was ein Grundeinkommen bewirken kann
Die junge Frau aus Münster wurde als Probandin für das Pilotprojekt Grundeinkommen ausgewählt, einer Langzeitstudie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin, der Wirtschaftsuniversität Wien und des Vereins Mein Grundeinkommen. In der Studie wird untersucht, was sich für Menschen verändert, wenn sie über drei Jahre ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten:
- Die Studie umfasst insgesamt 1.500 TeilnehmerInnen, davon 122 in der Grundeinkommensgruppe und 1.380 weitere in der Vergleichsgruppe, die kein Grundeinkommen erhalten.
- An die Grundeinkommensgruppe werden monatlich 1.200 Euro – steuerfrei – überwiesen.
- Die Probanden füllen alle sechs Monate Online-Fragebögen aus und werden auch medizinisch begleitet – zur Analyse des Stresslevels werden beispielsweise Haarproben ausgewertet.
- Die Vergleichsgruppe erhält während der Studie eine Aufwandsentschädigung und hat die Chance, in die Grundeinkommensgruppe nachzurücken.
- Die Studie geht über drei Jahre und wird finanziert von rund 150.000 privaten Auftraggebern.
„Im April 2021 habe ich erfahren, dass ich das Grundeinkommen bekomme. Das war für mich eine Riesen-Rettung. Ich hatte mir zu diesem Zeitpunkt ja schon Geld leihen müssen, weil einfach nichts reinkam“, erzählt Korves. Das Gefühl? „Ich war plötzlich total befreit“, sagt sie. Doch nicht nur für sie allein war und ist das Bedingungslose Grundeinkommen ein Glücksgriff. Es ermöglichte ihr auch, Arbeitsplätze zu schaffen.
Auf einmal war sie wieder obenauf. Sorgen gehörten der Vergangenheit an. „Am Anfang“, sagt Korves, „habe ich nicht über das Ende des Bedingungslosen Grundeinkommens nachgedacht. Jetzt mache ich mir auch keine Gedanken darüber, dass ich es nach drei Jahren nicht mehr erhalte – weil ich es nicht mehr brauche.“ Für sie war das Grundeinkommen – ganz anders etwa als das Bürgergeld – ein Rettungsring in stürmischen Zeiten.
Bundesweites Grundeinkommen? Wohl eher nicht
Anfangs war Korves noch skeptisch und gegen ein Grundeinkommen. „Meine Meinung hat sich geändert“, sagt sie heute. Mittlerweile sei sie dafür – glaube aber nicht daran, dass es einmal bundesweit kommt. Nicht nur wegen der Finanzierung, die noch ein weiteres Problem ist, für das es keine Lösung gibt. Zu hoch seien aus ihrer Sicht die bürokratischen Hürden.
„Es wäre Schwachsinn, so viel Geld rauszupumpen für Leute, die es nicht brauchen. Und für die, die es brauchen, reicht es am Ende auch nicht. Wenn man es anpassen will, wäre der Aufwand aber zu groß“, meint Korves und zieht einen Vergleich zu den Corona-Hilfen. „Auch da war das mit den Anträgen doch viel zu kompliziert“, sagt sie. Eine Wunschvorstellung sei ein Bedinungsloses Grundeinkommen dennoch – und die Studie soll eben abklären, ob es nicht doch irgendwie umsetzbar ist.
„Es kann Potenziale entfalten, wenn die finanzielle Sicherheit da ist“, glaubt Korves. So wie bei ihr. 13 Mitarbeiter beschäftigt sie mittlerweile, die Kurse in Münster und Osnabrück sind ausgebucht. Die Schwimmlehrerin hält ihren Kopf längst schon wieder selbstständig über Wasser – das Grundeinkommen aber hat ihr den nötigen Auftrieb verschafft.