Israel-Krieg
Rakete der Hamas schlägt neben dem Hotel ein – Paar aus NRW sitzt in Tel Aviv fest
Nach dem Angriff der Hamas sitzen viele Touristen fest. Den Raketenangriff erlebt ein Pärchen aus NRW im Schutzraum des Hotels. In Israel herrscht Krieg.
Hamm/Tel Aviv – Die Restaurants und Bars hatten am Freitag geöffnet in Tel Aviv, Touristen und Einheimische schlenderten gemeinsam durch die Straßen, saßen auf den Plätzen. Am Abend zuvor war die Welt noch in Ordnung. „Tel Aviv ist eine lebensfrohe Stadt, die Menschen unternehmen viel draußen – es war alles wie immer“, sagt Giulia Marchese. Wenig später bricht die Hölle über die Stadt am Mittelmeer herein. „Es hört sich an, als würde die Welt untergehen“, erzählt Giulia Marchese im Gespräch mit wa.de. Die Studentin aus NRW erlebt den Krieg in Israel selbst vor Ort in Tel Aviv.
Urlaub in Tel Aviv wird nach Hamas-Angriff auf Israel zum Albtraum
Sie und ihr Lebensgefährte Andreas Metzner gehören zu den Hunderten Touristen aus Deutschland, die seit dem Angriff der Hamas in Israel festsitzen. Das Paar aus NRW hatte sich auf den Urlaub gefreut, wollte mal abschalten. Stattdessen entwickelt sich der Trip in den Nahen Osten mit seinen traumhaften Küstenstädten zu einem Albtraum.
Am 7. Oktober startete die radikal-islamistische Hamas einen menschenverachtenden Angriff auf Israels Zivilbevölkerung, macht dabei auch nicht vor Kindern und alten, wehrlosen Menschen Halt. Das Ziel der Gruppierung ist die Zerstörung Israels und die Errichtung eines islamischen Staates Palästina. Seit 1987 existiert sie, gründete sich kurz nach der Intifada – den sogenannten Aufständen gegen Israel. Hamas ist die Abkürzung der arabischen Bezeichnung für „Islamische Widerstandsbewegung“. Das Wort selbst bedeutet „Eifer“ oder „Kampfgeist“. Derart barbarisch wie zurzeit ist die Organisation dabei allerdings noch nie vorgegangen.
Giulia Marchese und Andreas Metzner bekommen die Angriffe in ihrem Hotelbezirk in Tel Aviv hautnah mit. „Samstagmorgen bin ich aufgewacht, weil mein Handy in einer Tour geklingelt hat. Unser Hotel hat mir mehrere SMS geschickt: mit Verhaltenstipps bei Raketenangriffen und Informationen zu den Schutzräumen“, erzählt die Studentin aus Köln am Montag.
Hotelpersonal will Gäste in Tel Aviv nach Hamas-Angriff beruhigen
Die Mitarbeiter des Hotels hätten noch versucht, die Gäste zu beruhigen. „Die kennen schließlich Raketenangriffe und waren sehr gut vorbereitet“, sagt Marchese. Irgendwann kippte die Stimmung aber. „Da wurde auch denen klar, dass es dieses Mal eine Situation ist, die sie nicht einschätzen können. Das hat uns schon ziemlich beunruhigt“, meint die 28-Jährige.
In Tel Aviv, so schildert die gebürtige Dortmunderin ihre Eindrücke, sei die Lage relativ lange ruhig geblieben. Auf Videos in den Sozialen Netzwerken ist zu sehen, wie die israelische Luftabwehr „Iron Dome“ zahlreiche Geschosse vom Himmel holt, nur die wenigsten scheinen ihr Ziel in der Küstenstadt zu erreichen. Am Samstagabend gegen 21 Uhr erreicht das Sirenengeheul aber auch den Hotelkomplex der beiden Touristen aus NRW, gemeinsam mit den anderen Gästen suchen sie einen Schutzraum auf. Die Zeit dort muss einer psychischen Tortur gleichkommen.
Rakete schlägt 500 Meter neben Hotel in Tel Aviv ein
Circa 500 Meter neben dem Hotel der beiden findet schließlich eine Hamas-Rakete ihr Ziel. Die Detonation: ohrenbetäubend. „Es war so laut, so heftig – alles hat gebebt. Man kann sich dieses Gefühl nicht vorstellen“, sagt Marchese. Sie wirkt gefasst und abgeklärt, versucht irgendwie, das alles zu realisieren. Die Situation draußen könne man in solchen Momenten überhaupt nicht mehr einschätzen, sagt sie. „Es hört sich an, als würde die Welt untergehen. Zehn Minuten nach dem letzten Sirenensignal darf man den Schutzraum wieder verlassen – dieser Zeitraum fühlt sich aber unfassbar lang an“, sagt sie.
Hintergründe zum Nahostkonflikt
Der Konflikt zwischen den Kriegsparteien im Nahen Osten ist viele Jahrzehnte alt und sehr komplex – der Hamas geht es um die Zerstörung Israels, wie auch die Frankfurter Rundschau berichtet. Der Konflikt wird im Grunde seit der Gründung Israels im Jahr 1948 mal mehr und mal weniger offen ausgetragen, Friedensverhandlungen dürften durch den Großangriff der Hamas nun in weite Ferne gerückt sein.
Seinen Ursprung hat der Nahostkonflikt in der Gründung des jüdischen Nationalstaates im damals britischen Mandatsgebiet Palästina. Bereits direkt zu Beginn des in seiner heutigen Form jungen Staates ist es zu einer kriegerischen Auseinandersetzung gekommen. Kurz nachdem der erste Ministerpräsident Israels, David Ben-Gurion, die Unabhängigkeit ausrief, griffen Syrien, Irak, der Libanon, Ägypten und Jordanien den neu gegründeten Staat an, dessen Existenzrecht sie nicht anerkennen wollten. Israel gelang es dabei, sein Staatsgebiet zu vergrößern, infolge des Krieges wurden über 700.000 Araber aus Palästina vertrieben und leben teils heute noch in Flüchtlingslagern. Die Zahl der Flüchtlinge ist Schätzungen zufolge mittlerweile auf fünf Millionen Menschen angewachsen.
Israel eroberte 1967 im Sechstagekrieg unter anderem das Westjordanland und Ost-Jerusalem. Diese Gebiete beanspruchen die Palästinenser aber für einen unabhängigen Staat Palästina für sich. Israel antwortet mit einer zum Teil strikten Siedlungspolitik. Immer wieder flammte der Konflikt in der Vergangenheit daher auf. Nun hat er durch die Angriffe der Hamas eine neue Stufe der Eskalation erreicht.
Paar aus NRW sitzt in Tel Aviv fest: „Versuchen, irgendwie aus Israel herauszukommen“
„Es sind praktisch normale Hotelzimmer mit verstärkten Fenstern und Wänden. Man hat nicht den Eindruck, dass man in einem Bunker hockt und fühlt sich relativ sicher“, sagt sie. Im Schutzraum selbst habe Marchese keine große Angst verspürt, ein Gefühl von Panik sei bei den Explosionsgeräuschen aber schon aufgekommen. Freunde und Familie würden sich zudem große Sorgen machen „und versuchen irgendwie von Deutschland aus Flüge für uns zu organisieren“, sagt Marchese. Sie und Metzner hoffen, dass sie bald dem Krieg entfliehen können.
„Aktuell versuchen wir, irgendwie aus Israel herauszukommen. Sonntag und Montag waren kaum Flüge zu ergattern, auch jetzt ist die Lage noch schwierig. Wir hoffen, dass wir irgendwie wegkommen und es irgendwie zumindest bis Europa schaffen“, sagt sie. Dort herrscht Frieden und die Menschen leben in Sicherheit – das wünschen sich auch die vielen Unschuldigen im Nahen Osten.

