Interview

Polizei reagiert: Kriminelle Clans im Ruhrgebiet ändern Strategie

Essen gilt als Hochburg sogenannter Clan-Kriminalität im Ruhrgebiet. Der neue Polizeichef Andreas Stüve erklärt, was er dagegen unternehmen will.

Essen – Andreas Stüve soll durchgreifen. Es ist alles andere als ein Zufall, dass Stüve seit Januar 2023 der neue Polizeichef in Essen ist – der Ruhrgebietsmetropole, die immer noch als Hochburg sogenannter Clan-Kriminalität gilt. Stüve war der erklärte Favorit von NRW-Innenminister Herbert Reul für die Position: „Andreas Stüve ist ein Pragmatiker, der die Maschen krimineller Clan-Mitglieder genauestens kennt. Seine Erfahrung kann uns helfen, weitere dicke Fische zu fangen“, so der Innenminister zum Antritt des neuen Polizeichefs.

Zuletzt hatte der 53-Jährige die Zentral- und Ansprechstelle für die Verfolgung Organisierter Straftaten (ZeOS) in Nordrhein-Westfalen bei der Staatsanwaltschaft Düsseldorf geleitet. Seit Jahren versucht die Stadt, die Clan-Kriminalität einzudämmen. Jetzt kommen neue Phänomene: Laut aktuellen Statistiken werden immer häufiger Straftaten von sehr jungen Menschen begangen. Auch viele der Randalierer in der Silvesternacht in Essen, NRW und ganz Deutschland waren fast noch Kinder. Wie er das bewertet, und wie er für mehr Sicherheit sorgen will, erklärt Andreas Stüve im Interview.

Die Statistiken zeigen: Es gibt immer mehr sehr junge Straftäter. Manche sind noch Kinder. Woran liegt das? 
Die Ursachen sind vielfältig, den einen Grund dafür zu nennen, fällt mir schwer. Aber wir nehmen das Phänomen sehr deutlich und mit Sorge wahr. 
NRW-Innenminister Herbert Reul sagt, dass es mit Corona zusammenhängen könnte. Die Pandemie-Zeit habe die Kinder verändert. Ist da was dran? 
Das mag schon sein, dass die Erfahrungen aus der Zeit manche Jugendliche und Kinder negativ beeinflusst hat. Es ist aber auch nicht Aufgabe der Polizei, das zu beurteilen. 
Zu den Aufgaben gehört aber, dem Phänomen entgegenzuwirken. Wie passiert das?
Ein wichtiger Hebel ist das Haus des Jugendrechts, das in Essen schon etabliert ist. Das bauen wir weiter aus. Die Ermittlungsgruppe Jugend des Polizeipräsidiums Essen, die Jugendabteilung der Staatsanwaltschaft Essen sowie die Jugendgerichtshilfe und Sozialarbeiter wirken gemeinsam und behördenübergreifend unter einem Dach. Das hilft einerseits, Ermittlungsverfahren etwa gegen jugendliche Intensivtäter zu beschleunigen, andererseits aber auch vor allem bei der Prävention. 
Andreas Stüve (im Bild rechts) bei der Amtseinführung mit NRW-Innenminister Herbert Reul (Mitte) und seinem Vorgänger Frank Richter (im Bild links).

Angriffe auf Einsatzkräfte: „In dieser Massivität ist das neu“

Bei den Silvesterkrawallen in Essen und anderen Städten fiel auf, dass teils sehr junge Menschen aus großen Gruppen heraus Einsatzkräfte attackiert haben. Ist das ein neues Phänomen? 
In dieser Massivität ist das neu, ja. Was mich wirklich fassungslos macht, ist, dass es nicht nur Angriffe auf Polizisten gab. Sondern auch auf Rettungskräfte, auf Feuerwehrleute. Ich habe da überhaupt kein Verständnis für. 
Schon im letzten Jahr hat es solche Krawalle gegeben, aber bislang nur wenige Urteile. Woran liegt das?  
Wenn Straftaten aus großen Gruppen heraus begangen werden, ist es schwieriger, einzelne Täter herauszugreifen und gegen sie zu ermitteln, weil sie in der Masse verschwinden. Aber wir entwickeln bereits Strategien, diese Anonymität auszuhebeln.
Wie sehen die aus? 
Dazu möchte ich aus taktischen Gründen nichts zu sagen. 

Clan-Kriminalität in NRW

► Wenn die Rede von kriminellen Clans ist, sind meist bestimmte Mitglieder von Großfamilien mit türkisch-arabischen Wurzeln gemeint. In Deutschland gehören nach Schätzungen des Bundeskriminalamts (BKA) rund 200.0000 Menschen zu solchen Großfamilien. Die meisten von ihnen sind nicht kriminell. Einige wenige aber haben sich zu Gruppierungen zusammengeschlossen, die Straftaten im Bereich der organisierten Kriminalität begehen.

► Viele gehören den sogenannten Mhallami an, einer arabischstämmigen Volksgruppe. Ihre Vorfahren wurden nach dem Ersten Weltkrieg aus der Türkei vertrieben, kamen dann in den Libanon. Als dort Bürgerkrieg ausbrach (1975 bis 1990), flohen viele der Familien nach Deutschland.

► Als Geflüchtete wurden sie in verschiedenen Bundesländer untergebracht, vor allem nach Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bremen und Berlin. Als Staatenlose erhielten sie den Duldungsstatus. Menschen mit Duldungsstatus haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer: Eine selbständige Tätigkeit ist ihnen untersagt, eine Beschäftigung als Arbeitnehmer nur auf Antrag möglich. Experten sehen in der Perspektivlosigkeit einen Grund dafür, dass kriminelle Netzwerke innerhalb der Familien gebildet haben.

► Die kriminellen Clan-Mitglieder begehen schwere Straftaten, wie Menschenhandel, Betrug, Erpressung und Raub.

Clan-Kriminalität: „Protzerei mit Autos ist zurückgegangen“

Essen gilt nach wie vor als Hochburg bei der sogenannten Clan-Kriminalität. Wie wollen Sie das ändern? 
Der Aktionsplan Clan, den wir in Essen seit einigen Jahren verfolgen, zeigt schon erste Erfolge. Die Strategie ist, kriminelle Clans immer wieder bei ihren Aktivitäten zu stören, etwa durch ständige Kontrollen. Das ist allerdings nicht im Sprint zu erreichen. Die kriminellen Mitglieder der Clans hatten jahrzehntelang Zeit, sich zu etablieren. Wir sehen aber schon jetzt: Tumultlagen sind zurückgegangen, die Straftaten auf offener Straße gehen zurück.
Klingt so, als wären die Clans einfach vorsichtiger geworden. Haben Sie das Gefühl, dass sich die kriminellen Mitglieder der Clans anpassen und neue Strategien entwickeln?    
Das ist sicherlich so. Die Clans fangen an, ihre Aktivitäten aus der Öffentlichkeit nach innen zu verlagern. Die Protzerei mit auffälligen großen Autos zum Beispiel ist zurückgegangen. Und das ist eine Reaktion auf unsere Arbeit. Aber wir als Polizei passen unsere Strategie ebenfalls an. Das gehört dazu.
Es gibt den Vorwurf, dass durch den Clan-Begriff eine ganze Bevölkerungsgruppe permanent unter Generalverdacht gestellt wird, nur weil sie einen bestimmten Namen trägt. Was sagen Sie dazu? 
 Ich möchte nochmal betonen, dass der überwiegende Teil der Menschen, die zu den Familien gehören, rechtschaffene Bürgerinnen und Bürger sind. Nur einige Mitglieder sind kriminell. Über bestimmte Namen sprechen wir als Polizei nicht, eben auch, um einen Generalverdacht zu vermeiden. Aber der Begriff Clan-Kriminalität hat sich etabliert, damit kann man schnell ins Gespräch kommen, auch im Ausland. Wenn wir mit Kollegen über “clanbased crime” reden, weiß jeder, was gemeint ist.

Rubriklistenbild: © Ina Fassbender/dpa

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