Organisierte Kriminalität
Völlig unterschätzt: So ziehen Frauen die Strippen bei kriminellen Clans
Die Polizei nimmt fast ausschließlich Männer in den Fokus, wenn es um Clankriminalität geht. Ein fataler Fehler, sagt eine Expertin.
Düsseldorf – Klischees beim Thema Clankriminalität sind offenbar weit verbreitet in der Polizeiarbeit – und das ist zunehmend ein Problem. Zu diesem Ergebnis jedenfalls kommt eine Studie der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Demnach haben Sicherheitsbehörden in zahlreichen europäischen Ländern bei ihren Ermittlungen im Clan-Milieu vornehmlich Männer im Fokus. Und das ist ein großer Fehler, sagt Mara Garavini Seisselberg, Beraterin für Strafjustiz bei der OSZE.
Kriminelle Clans: „Frauen spielen eine bedeutende Rolle“
Es seien keineswegs nur Männer vom Typus Türsteher, die bei Clans oder anderen kriminellen Organisationen wie der Mafia das Sagen hätten. „Strafverfolgungsbehörden nehmen Frauen meist nur als Opfer wahr, dabei spielen sie eine bedeutende aktive Rolle in der Clankriminalität“, sagt sie im Gespräch mit Ippen.Media am Rande eines Kongresses zum Thema Clankriminalität im NRW-Innenministerium in Düsseldorf.
Häufig gerieten sie über Beziehungen zu kriminellen Männern in die Clan-Kreise, persönliche Armut und geringe Aufstiegsmöglichkeiten begünstigten das oft. Im Clan ziehen Frauen dann die Strippen. „Es gibt zahlreiche Beispiele von Frauen, die kriminelle Geschäfte leiten und in der Geldwäsche führend aktiv sind.“ Auch würden sie Gewalttaten anordnen und auch selbst Gewalt anwenden. Und es gebe Tendenzen, dass Frauen als Influencerinnen bei Social Media auftreten: Dort würden sie den kriminellen Lifestyle – dicke Autos, teurer Schmuck, Glamour – propagieren.
Clankriminalität
► Wenn die Rede von kriminellen Clans ist, sind in Deutschland meist bestimmte Mitglieder von Großfamilien mit türkisch-arabischen Wurzeln gemeint. In Deutschland gehören nach Schätzungen des Bundeskriminalamts (BKA) rund 200.000 Menschen zu solchen Großfamilien. Die meisten von ihnen sind nicht kriminell. Einige wenige aber haben sich zu Gruppierungen zusammengeschlossen, die Straftaten im Bereich der organisierten Kriminalität begehen.
► Viele gehören den sogenannten Mhallami an, einer arabischstämmigen Volksgruppe, manche entstammen anderen Volksgruppen. Ihre Vorfahren wurden nach dem Ersten Weltkrieg aus der Türkei vertrieben, kamen dann in den Libanon. Als dort Bürgerkrieg ausbrach (1975 bis 1990), flohen viele der Familien nach Deutschland. Oft wird in dem Zusammenhang auch von „Libanesen-Clans“ gesprochen.
► Als Geflüchtete wurden sie in verschiedenen Bundesländer untergebracht, vor allem nach Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bremen und Berlin. Als Staatenlose erhielten sie den Duldungsstatus. Menschen mit Duldungsstatus haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer: Eine selbständige Tätigkeit ist ihnen untersagt, eine Beschäftigung als Arbeitnehmer nur auf Antrag möglich. Experten sehen in der Perspektivlosigkeit einen Grund dafür, dass sich kriminelle Netzwerke innerhalb der Familien gebildet haben.
► Die kriminellen Clan-Mitglieder begehen schwere Straftaten, wie Menschenhandel, Betrug, Erpressung und Raub.
► Der Begriff Clankriminalität meint zum Beispiel auch Gruppen wie die Mafia, etwa die vor allem in Italien aktive Ndrangheta, oder kriminelle Familienstrukturen mit rumänischen oder albanischen Wurzeln.
Frauen geben Clan-Kodex an die nächste Generation weiter
Vor allem bei der Tradition der Clan-Ideologie spielen sie eine zentrale Rolle, erklärt die Expertin: „Kriminelle Clans funktionieren vor allem auch wegen eines strikten Schweigekodizes und eines speziellen Ehrbegriffs. Frauen sind in den Strukturen häufig für die Erziehung zuständig und geben das an die nächsten Generationen weiter.“ Heißt: Niemand darf andere kriminelle Mitglieder verpfeifen. Das erschwert die Ermittlungsarbeit der Polizei immer wieder massiv.
Wichtiger Hebel beim Kampf gegen kriminelle Clans: „Frauen in den Blick nehmen“
Frauen in der Polizeiarbeit stärker in den Blick zu nehmen, würde den Kampf gegen Clankriminalität entscheidend voranbringen, so Garavini Seisselberg. „Die Frauen sind nahezu unsichtbar. Einerseits bleiben sie straffrei, andererseits kann man ihnen keine Aussteigerangebote machen, solange man sie nicht identifiziert.“ Dabei seien vor allem Insider-Informationen von Frauen, die die kriminellen Strukturen umfassend kennen, extrem wertvoll. „Zudem zeigt unsere Studie, dass Frauen erheblichen Einfluss auf andere kriminelle Mitglieder spielen und sie überzeugen können, aus den Strukturen auszusteigen.“
In NRW hatten gewaltsame Ausschreitungen im Clan-Milieu zuletzt für Aufsehen gesorgt, dutzende Männer waren in Castrop-Rauxel und Essen mit Eisenstangen und anderen Waffen aufeinander losgegangen. Das hatte auch eine neue Diskussion über mögliche Abschiebungen losgetreten. Unterdessen fährt das Bundesland seit einigen Jahren eine medienwirksame sogenannte Null-Toleranz-Strategie und gilt in anderen Ländern als Vorbild. (pen)
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