Tempo-Überwachung
Immer mehr Blitzer-Anhänger in NRW: Hohe Kosten – noch höhere Einnahmen
Blitzer-Anhänger sind grau, gepanzert - und Autofahrer mögen sie nicht. Immer mehr Städte und Kreise setzen auf die Radarfallen. Die Kosten sind hoch, die Einnahmen noch höher.
Hamm - Städte und Kreise rüsten im Namen der Verkehrssicherheit auf. An den Straßen von Nordrhein-Westfalen stehen immer mehr Blitzer-Anhänger. Der Kampf gegen Raser ist zugleich ein Kampf gegen das Loch im Haushalt. Denn die modernen Super-Blitzer sind zwar teuer in der Anschaffung, spülen jedoch Millionen Euro in die klammen Kassen.
Boom der Blitzer-Anhänger in NRW: Hohe Kosten, hohe Einnahmen
Anfang 2023 veröffentlichte die Landesregierung eine Übersicht über alle Blitzer, die in NRW-Kommunen eingesetzt werden. Die 16-seitige Liste ist voll mit Begriffen wie Enforcement Trailer, Traffistar S350, Poliscan FM1, Semistation und dergleichen mehr. Was nach Science Fiction klingt, ist längst Realität an deutschen Straßenrändern.
Hinter den Begriffen stecken semistationäre Geschwindigkeitsmessanlagen, wie es im Amtsdeutsch heißt, oder, kürzer, „Blitzer-Anhänger“. Und gerne auch mal spontan „Scheißding“, wenn man als Autofahrer von einem der unscheinbaren, gepanzerten Radarfallen erwischt wurde. Denn egal, welches Fabrikat, welcher Name und welcher Grau-Ton: Sie alle schießen rechtlich verwertbare Fotos, sobald ein zu schnelles Auto an ihnen vorbei fährt. Und das kann teuer werden. Wütende Attacken auf Blitzer-Anhänger sind daher keine Seltenheit.
Blitzer-Anhänger in NRW: Enforcement Trailer und Traffistar
Auf den Straßen von NRW kommen vor allem zwei verschiedene Modelle der als Anhänger getarnten Blitzer zum Einsatz:
- Traffistar S350 der Firma Jenoptik
- Enforcement Trailer der Firma Vitronic
Die Blitzer-Anhänger haben große Vorteile gegenüber herkömmlichen Radarfallen. „Die Geschwindigkeitsmessungen unter Verwendung der Semistation erfordern im Messbetrieb keinen Personaleinsatz. Zudem können Messungen im 24/7-Rhythmus durchgeführt werden“, schreibt die Stadt Paderborn auf Nachfrage von wa.de. Andere Kommunen äußern sich ähnlich. Vor allem die Kontroll-Lücke nachts und an Wochenenden wird durch den Einsatz der Anhänger kleiner.
In Hamm, wo drei Enforcement Trailer im Einsatz sind, heißt es zu den Vorteilen: „Wir können über längere Zeiträume und mit weniger Personaleinsatz Geschwindigkeitskontrollen vornehmen. Die Anhänger sind pro Jahr durchschnittlich 320 bis 350 Tage im Einsatz.“ Mit Videos von einem dieser Blitzer hat eine Hammerin einen Tiktok-Hit gelandet. Anders als die stationären Starenkästen der alten Schule lässt sich der Kamera-Anhänger umparken, sobald sich sein Standort bei Autofahrern herumgesprochen hat.
Blitzer-Anhänger in NRW: Städte und Kreise rüsten am Straßenrand auf
Die Liste der Landesregierung von Anfang 2023 ist längst nicht mehr aktuell, denn Blitzer-Anhänger erfreuen sich wachsender Beliebtheit in Rathäusern und Kreishäusern. Seither hat etwa der Kreis Höxter zwei „Enforcement Trailer“ in den Testbetrieb aufgenommen, der Kreis Unna hat zu dem einen existierenden Blitzer-Anhänger zwei weitere gemietet, Duisburg, Gladbeck und der Kreis Soest jeweils einen.
Münster hat gleich richtig zugeschlagen und zwei Blitzer-Anhänger gekauft. Auch die Stadt Paderborn ist seit 2023 Eigentümerin eines Messanhängers.
Lüdenscheid ist eine NRW-Hochburg der Blitzer-Anhänger
Eine nordrhein-westfälische Hochburg der Blitzer-Anhänger ist das vergleichsweise kleine Lüdenscheid im Sauerland. In der 70.000-Einwohner-Stadt sind seit 2022 vier gemietete Enforcement-Trailer im Einsatz. Die Ursache für die hohe Blitzer-Dichte liegt im Trauerspiel um die marode A45-Talbrücke Rahmede, denn seit deren plötzlicher Sperrung Ende 2021 donnert der Durchgangsverkehr auch durch Wohngebiete.
Welche Arten von Blitzern gibt es? So unterschiedlich sehen die Kontrollgeräte aus




Auf etlichen Kilometern der Umleitungsstrecke wurde Tempo 30 eingeführt, über dessen Einhaltung allein zwei der vier Blitzer-Anhänger wachen. „Viele Anwohner, insbesondere entlang und neben der A45-Umleitung, bitten beim Ordnungsamt darum, die Blitzer aus Sicherheitsgründen an ihren Straßen aufzustellen. Diesen Bitten kommen wir nach“, heißt es seitens der Stadt. Die Blitzer-Anhänger haben zwar ein Kennzeichen, jedoch weder Ortssiegel noch Tüv-Plakette, was zu Fragen führt. Im restlichen Märkischen Kreis sind übrigens noch zwei weitere – gekaufte – Blitzer-Anhänger im Einsatz.
Blitzer-Anhänger in NRW: Kosten für Miete oder Kauf sind schnell wieder reingeholt
Die Kosten sind nicht ohne. Zwischen 8000 und 10.000 Euro beträgt die Monatsmiete für einen Blitzer-Anhänger. Wer ihn kaufen möchte, muss je nach Ausstattung und Modell 170.000 bis 280.000 Euro auf den Tisch legen. Das Geld ist jedoch schnell wieder reingeholt. In Lüdenscheid haben sich die Einnahmen aus Bußgeldverstößen von 2021 (rund 300.000 Euro) auf 2022 (etwa 1,05 Millionen Euro) mehr als verdreifacht. Das liegt sicher am stark erhöhten Verkehrsaufkommen durch die Brückensperrung und auch an dem deutlich strengeren Bußgeldkatalog – aber auch an den Blitzern.
In Hamm wurden im Jahr 2022 mehr als 53.100 Verstöße durch den Enforcement Trailer geahndet. In diesem Jahr sind es bis zum 15. Dezember bereits mehr als 61.300 Verstöße, was „Einnahmen von rund drei Millionen Euro entspricht“, wie die Stadt schreibt. Im Kreis Warendorf etwa wurde 2023 bislang jeder dritte der „durch den Kreis ermittelten Geschwindigkeitsverstöße ... durch die SemiStationen festgestellt“, teilte eine Sprecherin auf Anfrage von wa.de mit.
Münster hat 2022 aus der Geschwindigkeitsüberwachung Verfahren mit einer Gesamtsumme von 2,86 Millionen Euro eingeleitet. Für 2023 wurden im Haushalt zusätzlich 936.000 Euro eingeplant. Die Tendenz ist klar: Blitzer-Anhänger zahlen sich aus.
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