Lichtspielhaus unter der Erde

Erotikfilme im Luftschutzbunker: Besonderes Kino in NRW ist heute ein Lost Place

In einem verlassenen Bunker in Düsseldorf wurden in den 1950er Jahren Kinofilme gezeigt. Neben den großen Hits lockten auch schlüpfrige Titel Besucher an.

Düsseldorf - „Durch diese hohle Gasse müsst ihr kommen. Es führt kein anderer Weg zur Kurbelkiste“. Mit diesen Worten wurden die Besucher des Kinos Kurbelkiste in Düsseldorf (NRW) in den 1950er und 1960er Jahren empfangen. Die Sätze prangten in altmodischer Schrift über den Köpfen der Leute, die in Vorfreude auf den anstehenden Film erst einmal einen langen Tunnel entlang gehen mussten. Und auch, wenn in dem Gang links und rechts spärlich bekleidete Frauen von Filmplakaten zu den Vorbeigehenden schauten: Dass hier etwas anders war als in anderen Lichtspielhäusern, war der Umgebung anzusehen. Denn der Zuschauersaal und die Leinwand waren in einem Luftschutzbunker untergebracht.

Erotikfilme im Luftschutzbunker: Besonderes Kino in NRW ist heute ein Lost Place

Der ehemalige Luftschutzbunker unter dem Carlsplatz in Düsseldorf ist im Jahr 2024 ein verlassener Ort, ein Lost Place. Es herrscht strengstes Betretungsverbot. Zwar gab es immer wieder Überlegungen, den Ort auf die eine oder andere Weise wieder nutzbar zu machen, doch konkrete Pläne gibt es bislang nicht. So oder so: Die Zeiten, in denen hier große Kinohits und erotische Eskapaden erlebt werden konnten, kommen ohnehin nicht wieder.

Eine Eintrittskarte für das Bunker-Kino Kurbelkiste in Düsseldorf.

Autorin Sabine Lenk hat in ihrem Buch „Vom Tanzsaal zum Filmtheater – Eine Kinogeschichte Düsseldorfs“ die Entstehung und den Untergang der Kurbelkiste skizziert. So wurde der Bunker selbst im Jahr 1942 gebaut. Vier Jahre später, am 2. November 1946, beantragte Fotograf Alex Labs beim Bauaufsichtsamt eine Genehmigung, in dem Bunker ein Kino einzurichten. Bis die ersten Filme in dem Schutzraum liefen, sollten aber noch einige Jahre verstreichen. Vieles lief nicht nach Plan. Beispielsweise mussten Sprengungen durchgeführt werden, um Notausgänge in die zwei Meter dicke Außenwand bauen zu können. Diese Sprengungen wiederum sorgten allerdings für Schäden an einigen Häusern, die am Rand des Carlsplatzes standen.

Mit dem Film „Schwarz auf Weiß“ fand Ende 1949 schließlich die erste Vorstellung in dem unterirdischen Kino statt. Alex Labs nutzte die Räumlichkeiten gleichzeitig auch noch für Marionetten- und Puppenspiele. Auch von „Gesangs- und deklamatorischen Vorstellungen“ ist die Rede. Den Namen „Kurbelkiste“ bekam das Kino allerdings erst 1950. Im Mai dieses Jahres übernahm das Ehepaar Rosel und Bernd Königsfeld den Betrieb des Theaters. Und die sollten knapp 20 Jahre die Gesichter der Kurbelkiste sein.

Kurbelkiste: Das Bunker-Kino in Düsseldorf ist heute ein Lost Place

In dem Bunker konnten laut des Magazins „Die Filmwoche“ Kinohits wie „Reigen“ und „Der Dritte Mann“ erlebt werden. Auch Kinder- und Jugendfilme standen immer wieder auf dem Programm. Aber auch Filme für ein erwachsenes Publikum, in denen Frauen mit Vorliebe ihre Kleidung ablegten und sich nächtlichen Aktivitäten hingaben, flimmerten in den Abendvorstellungen über die Leinwand. Damit hob man sich auch abseits des originellen Etablissements von anderen Kinos ab.

Der Bunker als Ort der Filmkunst und schlüpfrigen Unterhaltung machte es den Betreibern allerdings nicht immer einfach. Die Lage sorgte dafür, dass ortsfremde Menschen das Kino schnell übersahen. Auch erteilten die Behörden immer nur Spielerlaubnisse für ein halbes oder ein ganzes Jahr. Denn die für Kinos geltenden Sicherheitsvorschriften konnten für die speziellen Räumlichkeiten nur teilweise angewandt werden.

Im Jahr 1962 kamen seitens des Bauaufsichtsamts Überlegungen zustande, den Bunker für den „zivilen Luftschutz“ seiner ursprünglichen Bestimmung zurückzuführen. Auch mehrere Baumängel und Sicherheitsrisiken wurden attestiert. Rosel Henrichs-Königsfeld konnte sich jedoch noch mehrere Jahre erfolgreich wehren. Ehe die besondere Kinogeschichte schließlich tatsächlich zu Ende ging.

Bunker-Kino im schlechten Zustand: 1968 fiel die letzte Klappe

Ein historisches Datum ist dabei der 31. Oktober 1968. Um 20.15 Uhr fand an diesem Tag die allerletzte Vorstellung in der Kurbelkiste statt. Gezeigt wurde der britische Film „Sie lebten wie im Paradies“ aus dem Jahr 1961. Dann fiel die letzte Klappe für den Lichtspielbunker. Bernd Königsfeld gab dafür vor allem den schlechten Zustand des Kinos an. Geld für die Reparaturkosten hat er nach eigener Aussage nicht mehr aufbringen können. Die Düsseldorfer Zeitung hatte darüber hinaus in einem Artikel noch eine andere Vermutung genannt: Die oft im Bunker-Kino gezeigten Erotik-Streifen waren nichts Besonderes mehr, sogenannte Aufklärungsfilme wurden zu dieser Zeit in sehr vielen Lichtspielhäusern gezeigt.

Mit seinen 115 Plätzen galt das Bunkerkino zu seiner Zeit auch als kleinstes Kino der Bundesrepublik. Mittlerweile sind noch wesentlich kleinere Kinosäle bekannt. So besitzt der kleinste Saal in NRW gerade einmal 24 Plätze – und ist ebenfalls in einer außergewöhnlichen Location beheimatet. Ein weiterer spannender verlassener Ort wiederum ist die Fabrik Lammert in Bad Oeynhausen. Sie stellte früher Süßwaren und Schokolade her. Doch das verlassene Gebäude hat auch eine bittere Vergangenheit.

Rubriklistenbild: © IMAGO / Zoonar

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