Gescheiterte Abschiebung

Versagen der Behörden? Wie es zum Anschlag von Solingen kommen konnte

Solingen dürfe sich nicht wiederholen, sagt NRW-Integrationsministerin Paul. Wie die Abschiebung des Verdächtigen scheitern konnte, werde derzeit mit „Dringlichkeit“ durchleuchtet.

Solingen - Der mutmaßliche Täter des Messerangriffs von Solingen mit drei Toten und mehreren Verletzten hätte eigentlich in Bulgarien sein sollen. Doch dazu kam es nicht. Zu der gescheiterten Abschiebung äußerte sich NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU): „Wir müssen schauen, ob alles richtig gelaufen ist. Wenn etwas schiefgelaufen ist, muss das klar benannt werden“, sagte der CDU-Politiker bei einem Statement in Solingen. Im Landtag findet auf Oppositionsantrag am Donnerstag eine Sondersitzung von Innen- und Integrationsausschuss statt.

Erklären soll sich dann unter anderem die zuständige NRW-Integrationsministerin Josefine Paul (Grüne). Auf Anfrage von wa.de nach den Gründen für die gescheiterte Abschiebung des heute 26-jährigen Syrers teilte Paul mit: „Wir durchleuchten aktuell die Hintergründe zum Verfahren und zur gescheiterten Rückführung mit aller gebotenen Dringlichkeit und notwendiger Gründlichkeit und Konsequenz.“ Ein Rückführungsprozess – insbesondere die Rücküberstellungen über das sogenannte Dublin-III-Verfahren – sei ein äußerst komplexer Vorgang, an dem unterschiedliche Ebenen und Behörden beteiligt seien. „Dieser Vorgang muss grundsätzlich auf den Prüfstand gestellt werden“, so Paul. Solingen dürfe sich nicht wiederholen.

Versagen der Behörden? Wie es zum Anschlag von Solingen kommen konnte

Der Tatverdächtige von Solingen hat sich 2023 wohl gezielt seiner Überstellung nach Bulgarien entzogen – und kam damit durch. Der Syrer kam demnach am 25. Dezember 2022 nach Deutschland. Für sein Asylverfahren zuständig war nach den Dublin-Regeln aber Bulgarien, weil er dort erstmals europäischen Boden betreten hatte. Bulgarien habe dieser Rückführung zugestimmt, sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit in Berlin. Die Sechs-Monats-Frist für die Abschiebung lief demnach am 20. August 2023 ab.

Josefine Paul (Grüne), NRW-Ministerin für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration.

Ein erster Versuch, den Mann nach Bulgarien zurückzuschicken, scheiterte am 3. Juni 2023, die Behörden trafen ihn in seiner Unterkunft in Paderborn nicht an. Eigentlich müssten dann weitere Versuche folgen. Die Ausländerbehörde müsste versuchen, festzustellen, ob jemand möglicherweise untergetaucht ist. Auch ein Haftbefehl könnte ausgestellt werden.

Wenn offiziell festgestellt ist, dass jemand untergetaucht ist, kann die normalerweise sechsmonatige Frist für eine Dublin-Überstellung – also eine Abschiebung in ein anderes, zuständiges europäisches Land – um weitere zwölf Monate verlängert werden. Dies geschah im Fall des Syrers aber nicht. 

Täter auf der Flucht, Spezialeinheiten in der Stadt: Die Bilder aus Solingen nach dem Anschlag

Schockierende Tat am Freitagabend (23. August) in Solingen. Gegen 21.45 Uhr zog ein Mann auf dem Stadtfest plötzlich ein Messer und stach wahllos auf Gäste ein. Er tötete drei Menschen und verletzte acht weitere schwer.
Nach dem Messerangriff auf dem Stadtfest löste direkt Großalarm in Solingen aus. Die Polizei war mit schwer ausgerüsteten Einsatzkräften vor Ort, ein Helikopter kreiste über die Stadt.
Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul machte sich zeitnah ein Bild der Lage in Solingen.
Notärzte kümmern sich um die Verletzten am Stadtfest. Der Angreifer habe gezielt auf den Hals der Opfer eingestochen, teilte die Polizei noch in der Nacht mit. Den Messerangriff bewerten die Behörden deshalb als Anschlag.
Täter auf der Flucht, Spezialeinheiten in der Stadt: Die Bilder aus Solingen nach dem Anschlag

Vier Tage nach Ablauf der Abschiebefrist am 20. August 2023 trat der Mann wieder in Erscheinung. Dies deute darauf hin, dass er gut über die Fristen und seine Rechte informiert gewesen sei, hieß es. Später wechselte er von der Flüchtlingsunterkunft in Paderborn nach Solingen und genoss dort subsidiären Schutz.

Aus Sicht von SPD-Fraktionschef Jochen Ott muss NRW seinen grundsätzlichen Umgang mit Sicherheit und Migration hinterfragen. In allen anderen Bundesländern liege die Verantwortung für Migration und Abschiebung beim Innenministerium. „Nur NRW wählt einen Sonderweg“, kritisierte Ott.

Nach dem Anschlag von Solingen forderte CDU-Chef Friedrich Merz einen Aufnahmestopp für Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan. Das sei „rechtsstaatlich zum Glück unmöglich“, sagt Grünen-Politikerin Lamya Kaddor.

Rubriklistenbild: © Thomas Banneyer/dpa

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare