Stromausfälle in Bönen

Defektes Sicherungsgerät löste „Blackout“ aus: Weitere Stromausfälle geben Rätsel auf

Die Stromausfälle in Bönen treffen vor allem Altenbögge. Bereits fünfmal fiel der Strom nach dem großen „Blackout“ im September erneut aus. Der GSW-Strom-Chef erklärt, was die Ursache war, und wo es hakt.

Bönen – Strom kommt aus der Steckdose. Viel mehr muss man nicht wissen, oder? Seit dem 6. September hat das Thema Stromversorgung in der Gemeinde eine ungeahnte Aktualität bekommen. Denn da kam der Strom plötzlich nicht mehr selbstverständlich aus der Steckdose. Nichts ging mehr. Kein Licht, keine Heizung, kein Fernseher, kein Telefon, kein PC, kein Ofen, die Gefriertruhe taute leise vor sich hin. Denn irgendwie hängt alles am Strom, selbst der Wecker. Das haben die Bönener an diesem ersten, historischen „Blackout“-Wochenende über 24 Stunden auf die harte Tour lernen müssen.

Das ist die Ursache für den Netzschaden: Jürgen Braucks vor dem Sicherungsgerät, das die anhaltende Überspannung nicht registriert und abgeschaltet hat. So kam es zu dem anhaltenden Netzschaden.

Eine bisher unbekannte Dimension

Kurze Ausfälle, für eine Stunde, von denen ein paar Hausanschlüsse betroffen sind, weil ein Bagger ein Kabel durchtrennt hat, das haben die Bönener schon häufiger erlebt, seit die Gemeinde (nicht nur) dank Glasfaserverlegung eine einzige Baustelle ist. Aber weit über 700 Anschlüsse, Tankstellen, Altenwohnheime, die 24 Stunden ohne Strom sind, das ist etwas ganz Anderes. Das war eine bis dahin völlig unbekannte Dimension für den Stromversorger der Gemeinde, die Gemeinschaftsstadtwerke Kamen, Bönen, Bergkamen, räumt auch Jürgen Braucks ein, und vieles sei immer noch nicht geklärt. Der Leiter der Stromversorgung bei den GSW ist seit 30 Jahren im Unternehmen. „Aber so etwas gab es noch nie“, versichert er.

Das Umspannwerk Bönen ist der Knotenpunkt im Netz, der Strom von einer Spannungsebene zur nächsten umwandelt, um ihn über weite Strecken zu transportieren und dann zu den Verbrauchern zu leiten.

Wenn es beim einmaligen Blackout geblieben wäre, dann hätten die GSW-Techniker den Schaden repariert und der Vorfall wäre bald vergessen gewesen. Das Teuflische, das bis heute die Techniker umtreibt, sind die immer wieder auftretenden Stromausfälle. Inzwischen ist das Gebiet eingeschränkt auf den Ortsteil Altenbögge, vor allem im Wohngebiet rund um die Straße Auf dem Holtfeld. Immer wieder fällt hier der Strom aus. Bereits fünfmal im Abstand von Wochen nach dem großen Ausfall im September. Betroffen sind rund 400 Anschlüsse. Auch wenn die Ausfälle kürzer sind, die Anwohner sind genervt und fragen sich, wann hört das auf? „Man wartet schon förmlich darauf, dass wieder mal das Licht ausgeht“, berichtet ein älterer Mann, der an der Dürerstraße wohnt.

So etwas gab es noch nie.

Jürgen Braucks, Leiter der Stromversorgung und seit 30 Jahren bei den GSW

Wir treffen Jürgen Braucks im Bönener Umspannwerk an der Industriestraße und dürfen einen Blick in die Schaltzentrale werfen – exakt da, wo der entscheidende Fehler passierte, der nicht nur für den großen „Knall“ verantwortlich ist, sondern das, was dann folgte. „Im Umspannwerk kommt der Strom mit 110 000 Volt Hochspannung über Freileitungen an, wird auf zwei Transformatoren verteilt und auf 10 000 Volt im Mittelspannungsnetz heruntergesetzt, bevor er in der Schaltanlage auf das Gemeindegebiet und Kamen-Heeren verteilt wird“, erläutert Jürgen Braucks die Außenanlage. Dann gehen wir hinein in das Herz des Umspannwerks, die Schaltzentrale. Hier läuft alles zusammen, die einzelnen Sicherungsgeräte reihen sich aneinander und tragen Straßennamen mit der Hausnummer, wo die Trafostation steht, die den Strom erneut umwandelt in 230 Volt Niederspannung für die Haushalte.

Ein Relais löst den großen Knall aus

„Alles, was hier passiert, sehen wir auch in der Leitstelle in Kamen und können bei einem Fehler sofort losfahren, um den Abschnitt zu prüfen“, sagt Jürgen Braucks. „Bevor wir mit der Ortung und Reparatur beginnen, können wir die Strecke umschalten und haben sehr schnell alle Kunden wieder mit Strom versorgt.“ Jedenfalls im Normalfall. Aber seit dem 6. September ist nichts mehr normal. „Wenn ein Fehler im Kabel gemeldet wird, schaltet das Relais in der Schaltzentrale sofort ab, um die Leitung vor zu hohen Strömen zu schützen.“ So hätte es auch am 6. September sein sollen. „Aber ein Gerät fiel aus, das den Fehler nicht erkannt hat“, berichtet Jürgen Braucks. „Der Fehlerstrom konnte fast zwei Minuten fließen und hat die Kabel überlastet.“ Für den Laien hört sich das nicht sehr spektakulär an, aber es reichte, um ein 14 Kilometer langes Stromnetz nachhaltig zu schädigen.

Wie viele Stellen im Netz konkret betroffen waren bzw. noch sind, ist nach wie vor nicht ganz geklärt. Dafür muss nach und nach das gesamte Stromnetz der Gemeinde geprüft und repariert werden – überall, wo Fehler im Netz auftraten. 2,5 Kilometer des Netzes sind bereits überprüft und erneuert, 11,5 Kilometer liegen noch vor den Technikern. Das werde genau geprüft, erklärt Jürgen Braucks, denn jeder laufende Meter Kabelgraben kostet über 200 Euro. „Wir haben Kabel überprüft, die arbeiteten einen Monat lang einwandfrei, dann fielen sie erneut aus, so wie in der Blankstraße“, schildert Braucks das Dilemma in Bönen, das zusätzlich Kopfzerbrechen bereitet.

Alterungsprozess der Kabel noch beschleunigt

„In der Zechenstraße hatten wir ein Kabel, das einen geringen Querschnitt hatte. Das war absolut ausreichend für den normalen Netzbetrieb, aber durch die Überlast musste es plötzlich die zehnfache Last tragen. Es wurde heiß und verschmorte regelrecht. Der Alterungsprozess der Kabel wurde durch diesen Fehler extrem beschleunigt.“ Wo Schäden auftreten und wo in der Kommune ohnehin Tiefbauarbeiten stattfinden, werden Kabel erneuert. Die sind mittlerweile teilweise dreimal so dick wie früher, um die Stromlast in den nächsten 50 Jahren aufnehmen zu können. „Wir sind da ständig in Bewegung und erneuern sechs bis neun Kilometer im Mittelspannungsnetz pro Jahr.“

Inzwischen habe man sich mit Experten von anderen Versorgern beraten, aber auch dort kennt man vergleichbare Fehlerhäufungen im Netz bisher nicht. Die Tatsache, dass in Bönen immer wieder der Strom ausfällt, treibt mittlerweile auch seltsame Blüten. Da geistern absurde Theorien durch die Social-Media-Kanäle, dass zu wenig Strom verfügbar sei und zu Ausfällen führt. „Das ist natürlich Unsinn“, sagt Jürgen Braucks deutlich. „Die Versorgung mit Strom ist gesichert.“

Massive Spätschäden durch den Bergbau?

Was Braucks und seine Kollegen beunruhigt, ist der Zustand einiger Kabel, die jetzt bei der Überprüfung des Netzes gefunden wurden. Sie weisen massive Schäden auf, die nicht von Tiefbauarbeiten stammen können, möglicherweise aber durch den Bergbau verursacht wurden, so die Vermutung. Zum Beweis hat er ein Kabelstück mitgebracht, das aus den 1960er Jahren stammt und noch mit Blei ummantelt ist. „Hier sieht man deutlich die Beschädigungen. Wo tiefe Einkerbungen sind, haben möglicherweise Bodenbewegungen über viele Jahre stetig auf die Kabel eingewirkt“, erklärt Braucks das Phänomen. „Da fallen dann plötzlich Leitungen aus, die geprüft wurden und vorher noch störungsfrei funktioniert haben.“

Verdächtige Einkerbungen weist dieses ältere, von Blei ummantelte Stromkabel auf. Jürgen Braucks vermutet, dass Bodensenkungen als Auswirkungen des Bergbaus stetig auf das Kabel eingewirkt und es beschädigt haben.

Deshalb lasse sich so schwer vorhersagen, ob betroffene Anlieger noch mit weiteren Ausfällen rechnen müssen. Ausschließen könne er es letztlich nicht, bis das gesamte Netz überprüft worden ist, räumt Braucks ein. „Wir arbeiten mit Hochdruck an dem Problem, das hat absoluten Vorrang. Nicht nur die verfügbaren Techniker waren im September in Bönen rund um die Uhr im Einsatz, wir haben auch alle anderen aus dem Urlaub und Wochenende zurückgeholt, um in Schichten arbeiten zu können, denn 10000 Volt verzeihen keinen Fehler.“

 Wenn wir Bönen hören, sagen wir nur noch: Bitte nicht schon wieder!

Jürgen Braucks über den Alarmwert, den Meldungen aus Bönen derzeit haben

Auch jetzt noch ist die Straße Auf dem Holtfeld eine Dauerbaustelle, an der die Mitarbeiter des Tiefbauunternehmens und die GSW-Techniker immer wieder Fehler beheben müssen. Kein Wunder, dass in der GSW-Zentrale „Bönen“ mittlerweile ein Alarmcode ist. „Wenn wir Bönen hören, sagen wir nur noch: Bitte nicht schon wieder!“ Denn auch die Techniker sind es mittlerweile leid, am Wochenende oder nachts immer wieder nach Bönen gerufen zu werden. „Sie stehen natürlich auch unter immensem Druck“, sagt Braucks. Dennoch: „Wenn wir Stromausfall gemeldet bekommen, setzen wir uns sofort in Bewegung, um den Fehler schnellstmöglich zu beheben“, versichert Braucks.

Was er und seine Kollegen sich zu Weihnachten gewünscht haben, dürfte klar sein: Keine weiteren Stromausfälle mehr in Bönen! Bleibt abzuwarten, ob es klappt.

Rubriklistenbild: © Robert Szkudlarek

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