Freiwilliger Notdienstzirkel im Kreis Unna:

Haustierärzte am Limit: Notdienste werden überrannt

Auch bei Hunden, Katzen und Co. ist mal schnelle Hilfe erforderlich. An den Wochenenden und Feiertagen müssen ihre Halter im Kreis Unna jedoch oft lange Fahrten in Kauf nehmen.
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Auch bei Hunden, Katzen und Co. ist mal schnelle Hilfe erforderlich. An den Wochenenden und Feiertagen müssen ihre Halter im Kreis Unna jedoch oft lange Fahrten in Kauf nehmen.

Häusliche Notfälle mit Haustieren lassen sich nicht planen. Durch den zunehmenden Druck und immer mehr Patienten gelangen die Tierärzte im Kreis Unna jedoch zunehmend an ihre Grenzen.

Bönen/Kreis Unna – Ein Notfall lässt sich nicht planen. Und auch Hunde, Katzen, Meerschweinchen und Co. können sich am Wochenende verletzen oder schwer erkranken. Dann ist schnelle Hilfe gefragt. Die leisten 14 Haustierpraxen im Kreis Unna freiwillig als Notdienstzirkel. Mit ihrem Engagement stoßen sie jedoch mehr und mehr an ihre Belastungsgrenzen.

Früher war es üblich, dass ein Tierarzt rund um die Uhr für seine Patienten zur Verfügung stand – sogar nachts, an Feiertagen und am Wochenende. Auf Dauer lässt sich ein solcher Einsatz allerdings kaum mit dem Familienleben oder der dringend benötigten Erholungsphase in Einklang bringen. Er geht an die Substanz.

Das hat auch der Bönener Tierarzt Dr. Ralf Thormann feststellen müssen. Er hat inzwischen die Reißleine gezogen – um der eigenen und der Gesundheit seiner Mitarbeiter Willen. „Ich habe das immer hier in Bönen gemacht. Die Leute sind aber von überall zu mir in die Praxis gekommen, aus Arnsberg, aus Soest, aus der ganzen Umgebung“, schildert er. Vor zwei Jahren habe er sich dann rausgenommen, und aus personellen Gründen könne er vorerst keinen Notdienst mehr anbieten.

Tierarzt Dr. Ralf Thormann aus Bönen hat die Reißleine gezogen. Er bietet vorerst keine Notdienste an Feiertagen und Wochenenden an.

Den übernehmen derweil einige Kollegen im Kreis. Um sich gegenseitig zu entlasten, haben sich vor rund 30 Jahren einige Haustierpraxen im Kreis Unna zusammengetan und einen Notdienstzirkel gegründet. Reihum übernehmen sie an den Wochenenden die Bereitschaft. Zurzeit sind 14 Praxen mit an Bord, doch die kommen inzwischen immer mehr ans Limit, wie Dr. Silke Meermann berichtet. Sie appelliert daher an die Besitzer, ihre tierischen Lieblinge wirklich nur zum Notdienst zu bringen, wenn es unbedingt erforderlich ist.

Meermann ist eine von drei Tierärztinnen in der Tierarztpraxis am Schlagbaum in Bergkamen. Regelmäßig übernimmt sie Notdienste an den Wochenenden, wenn ihre Praxis an der Reihe ist. Geöffnet wird diese jeweils morgens um 8 Uhr, erreichbar sind die Veterinäre den ganzen Tag und die ganze Nacht über. „Ich versuche, hier zu schlafen“, erzählt sie.

Weite Wege in die Tierklinik

Das können aber nicht alle Praxen leisten. „Die Erreichbarkeit ist unterschiedlich. Durch die Arbeitsschutzgesetze ist es fast unmöglich, Personal entsprechend einzusetzen.“ Gerade kleine Praxen mit nur einem Tierarzt könnten schließlich nicht am Wochenende 48 Stunden lang durcharbeiten und am Montag dann ganz normal die Sprechstunde starten. Viele wären gleichwohl nachts zumindest telefonisch zu erreichen und würden die Besitzer medizinisch beraten. Dringende Notfälle würden sie an eine Tierklinik verweisen.

Das bedeutet weite Wege: Die nächstgelegenen Kliniken, die Notdienste anbieten, sind in Recklinghausen, Neandertal oder Bielefeld. Die Klinik in Ahlen ist dagegen samstags und sonntags seit geraumer Zeit geschlossen.

Überhaupt ist die Notversorgung in den vergangenen Jahren „dünner“ geworden, wie Meermann schildert. „Durch das ’Kliniksterben’ und den Umstand, dass es in Dortmund und Hamm keine organisierten Notdienste gibt, werden wir zunehmend von Notfällen überrannt.“ Die kämen somit keineswegs nur aus dem Kreis Unna, sondern aus der ganzen Umgebung. „Der Frust ist da relativ groß, auch, weil viel Patienten aus Praxen zu uns kommen, in denen es kein Notdienst gibt.“

Dr. Silke Meermann gehört mit ihrer Praxis in Bergkamen zum freiwilligen Notdienstzirkel der Haustierärzte im Kreis Unna.

Teils würden sie und ihre Kollegen dabei mit solch schwerwiegenden Fällen konfrontiert, die sie als Haustierärzte gar nicht versorgen könnten. In ihren Praxen fehlen dafür die erforderlichen Geräte und das Personal. Ähnlich wie die Humanmediziner spezialisieren sich nämlich die Tierärzte, nicht jeder ist zum Beispiel ein Fachchirurg. „Das, was wir unter der Woche tagsüber nicht können, können wir auch am Wochenende nicht.“

Ebenso können sie keine Großtiere behandeln oder Hausbesuche machen. „Der haustierärztliche Notdienst zielt vor allem darauf ab, akute Erkrankungen, Verletzungen und Schmerzzustände zu behandeln, die am Wochenende oder Feiertag aufgetreten sind und deren Behandlung nicht bis zum nächsten Werktag warten kann“, fasst Silke Meermann zusammen. Das könnten zum Beispiel akute Atembeschwerden, Erbrechen, Durchfall, starke Schmerzen, Lahmheit oder Verletzungen sein.

Hemmschwelle gesunken

Doch nicht immer nehmen es Herrchen und Frauchen mit dem „Notfall“ so genau. „Ich hatte schon nachts Anrufe, bei denen mir die Besitzer erzählt haben, dass sie gerade von einer Party kämen und nun festgestellt hätten, dass ihr Hund ein ‘Fletschauge’ hat.“ Dass eine Bindehautentzündung vielleicht bis zum nächsten Tag warten könnte, wollten die Anrufer nicht hören. „Da wollten sie lieber ausschlafen.“ Und das sei kein Einzelfall gewesen. „Ich glaube, die Hemmschwelle der Anrufer ist gesunken. Vor 20 Jahren wäre so etwas nicht passiert“, sagt Silke Meermann. Der Notdienst dient ausschließlich der Erst- und Notfallversorgung von Tieren, macht sie deutlich. Chronische Fälle, also Probleme, die seit längerer Zeit bestehen, hätten darin ebenfalls nichts zu suchen.

Das ist im Notdienst anderes als in der regulären Sprechstunde

Im Notdienst ist immer eine telefonische Anmeldung bei der jeweiligen Praxis erforderlich, da nicht alle Praxen rund um die Uhr besetzt sind. Die Behandlungen im Notdienst sind grundsätzlich teurer als die während der regulären Sprechzeiten. Tierärzte sind verpflichtet, nach der Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) abzurechnen. Innerhalb der Notdienstzeiten wird eine pauschale Notdienstgebühr von 59,50 Euro (brutto) fällig. Zusätzlich muss für tierärztliche Leistungen mindestens der zweifache Satz, es kann bis zum vierfachen Satz abgerechnet werden. Was als Notdienstzeit gilt, ist ebenfalls durch die GOT geregelt. Eine Zahlung auf Rechnung oder Ratenzahlung ist im Notdienst grundsätzlich nicht möglich, sondern es muss per EC-Karte oder bar bezahlt werden.

Wie viele Patienten an den Wochenenden behandelt werden, sei indes völlig unterschiedlich. „Als ich Anfang des Monats abends meinen Dienst angetreten habe, hat meine Kollegin mir erzählt, dass sie ab morgens Fall an Fall behandelt hätte. Bis zum Abend hat sie nicht gesessen und gegessen.“

An anderen Tagen sei es hingegen ruhig – so ruhig, dass sich der Dienst finanziell kaum lohne. Das Personal müsste ja dennoch bezahlt werden. „Das ist ein Teil des Problems: Die Dienste sind schlecht planbar.“ Manchmal müssten sich Kollegen im Hintergrund bereit halten, um gegebenenfalls miteinzuspringen zu können, manchmal gebe es kaum etwas zu tun. Hinzu kommt der Fachkräftemangel: Es gibt wenig junge Tierärzte, weil die Studienplätze begrenzt sind. Abhilfe sei also in Kürze nicht zu erwarten.

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