Andreas Brümmer entschärft Blindgänger
Bergkamen - Vier Mal gab es im vergangenen Jahr Bombenalarm in Bergkamen – Altlasten aus den Weltkriegen waren per Zufall gefunden oder gezielt gesucht worden. Hunderte Anwohner mussten im Umkreis der Fundstelle ihre Häuser verlassen, damit die Blindgänger entschärft werden konnten. Einer der Männer, die sich dieser Aufgabe regelmäßig stellen, ist Andreas Brümmer. Anfang Dezember sicherte der Rünther die Bombe am Eichenplatz. Ohne Frage ein Bergkamener des Jahres.
Brümmers offizielle Berufsbezeichnung lautet „Fachtechnisches Aufsichtspersonal in der Kampfmittelbeseitigung“. „Umgangssprachlich sagt man aber Feuerwerker“, erklärt Brümmer, „oder Truppführer. Das rührt noch daher, dass früher ein ganzer Trupp mit Schaufel und Hacke anrückte und eine Bombe freilegte. Heute nutzen wir Bagger, aber die Bezeichnung ist geblieben.“
Seit 15 Jahren übt Brümmer seinen lebensgefährlichen Job aus, seit vier Jahren bei der Bezirksregierung Arnsberg. Besonders bewusst lebe er deshalb aber nicht, meint er. „Man macht sich keine großen Gedanken. Man geht morgens aus dem Haus und lebt ganz normal.“ Einen Grund dafür sieht Brümmer in seiner guten Ausbildung. „Da lernt man die Gefahren kennen und wie man sie einschätzen kann. Die Erfahrung kommt dazu. Wir bereiten uns ja vor. In der Regel gehen wir kein Risiko ein – oder halten es so klein wie möglich.“ Nur wenige Menschen dürfen Bomben überhaupt entschärfen – die, die im staatlichen Dienst stehen. „Feuerwerker der Vertragsfirmen, die für uns arbeiten, dürfen suchen, bergen, freilegen, identifizieren und verwahren, aber dann kommen wir ins Spiel.“
Erste Erfahrungen mit Munition bei der Bundeswehr gesammelt
Die Befugnisse der Mitarbeiter von Privatfirmen kennt Brümmer genau, war er ursprünglich doch selbst einer. Doch schnell hatte er das Ziel, in den staatlichen Dienst zu kommen. „Man möchte dann einfach alles machen“, gibt er zu, dass ihm das Abrücken, wenn es richtig spannend wurde, missfiel. Über Rheinland-Pfalz kam er dann nach NRW zur Bezirksregierung Arnsberg.
Schon immer damit geliebäugelt
Dass es überhaupt so weit kam, ist jedoch einem Zufall zu verdanke. „Ich hatte immer mit diesem Job geliebäugelt“, gibt Brümmer zu. „Doch ich wusste nicht, wie man das wird.“ Also ging der aus Niedersachsen stammende Brümmer zur Bundeswehr und verpflichtete sich für acht Jahre bei der Luftwaffe. „Dort hatte ich das erste Mal mit Munition zu tun“, erinnert er sich. Doch es war dann ein Fernsehbericht, durch den er erfuhr, dass es im zivilen Bereich eine Sprengschule in Dresden gibt.
Jede Bombe liegt anders
Weil seine beruflichen Möglichkeiten bei der Bundeswehr ohnehin ausgeschöpft waren, verließ er die Truppe und ließ sich sieben Jahre lang in Sachen Sprengstoff ausbilden. „Irgendwann ist es dann ganz still“, sagt Andreas Brümmer über den Augenblick, wenn es für ihn richtig zur Sache geht. „Man merkt sofort, wenn doch noch jemand da ist“, sagt der 50-Jährige und meint damit Menschen, die sich dem Evakuierungsbefehl widersetzen. Wenn die von der Polizei abgeholt wurden, ist er mit seinen Kollegen allein. „Ein Schema F gibt es bei der Entschärfung nicht“, sagt Brümmer. „Jede Bombe liegt anders, die Herangehensweise ist anders, das Umfeld ist anders.“ Und jede Bombe, jede Granate und jedes Artilleriegeschoss sei auch in einem anderen Zustand. „Bei der einen stimmt noch die Farbe und die Beschriftung ist noch lesbar und trotzdem dauert es ewig, andere sind völlig verwittert und trotzdem geht alles ganz schnell.“
Hinzu kommt, dass es nicht nur unterschiedliche Sprengkörper gibt, sondern auch die Zünder stets anders sind. „Es gibt Dinge, die fassen auch wir nicht mehr an“, sagt Brümmer. Dazu zählen 8,8-cm-Flak Sprenggranaten. Genutzt wurden die einst von der deutschen Flug-Abwehr. „Die haben eine Zeitzündung und Aufschlagzündung“, nennt Brümmer die Crux. „Blindgänger mit diesen Zündern sind nicht handhabungs- und nicht transportfähig. Die werden an Ort und Stelle gesprengt“, erklärt Brümmer. „Wenn die Uhr anläuft, kommt die Granate zu Wirkung. Das Risiko wäre einfach zu groß.“ Der Begriff „kontrollierte Sprengung“ sei aber irreführend, sagt Brümmer. „Kontrolliert ist nur der Zeitpunkt der Sprengung, alles andere ist ungewiss: Splitterflug, Hitzewelle. Ich kenne die Zusammensetzung des Sprengstoffs ja nicht.“ Denn zu Anfang des Zweiten Weltkriegs wurde hochwertigerer und teurerer Sprengstoff verwendet als gegen Ende des Krieges.“
Hilfreiche Ortskenntnisse
Geschichtswissen und Kenntnisse über die Kriegsabläufe vor Ort sind für Brümmer und seine Kollegen vom Kampfmittelräumdienst daher hilfreich. Doch: „Die Zeitzeugen sterben aus.“ Zwar wollen viele noch etwas loswerden und melden sich jetzt, doch bis in die 70er-Jahre hinein wurde nicht dokumentiert, welche Blindgänger bereits beseitigt wurden. Auch Erben melden sich, wenn im Nachlass Kriegsmunition war. „Auf Anhieb kann auch ich nicht feststellen, was noch funktionsfähig ist“, gibt Brümmer zu. Alles unter 50 Kilogramm wird jedoch abtransportiert und vernichtet. „Alles, was schwerer ist, muss entschärft oder gesprengt werden.“ Und dann ist Andreas Brümmer aus Rünthe oft der Mann der Stunde.