Psychische Gesundheit
Psychische Erkrankungen: Häufige Diagnosen und sinnlose Befunde?
Die Diagnose einer psychischen Erkrankung kann für Betroffene eine große Erleichterung sein. Falsche Diagnose bergen allerdings Risiken.
Die Diagnosen von psychischen Krankheiten bei Jugendlichen und Erwachsenen nehmen laut dem Statistischen Bundesamt seit Jahren zu. Eine Diagnose wie Depressionen oder ADHS kann für Betroffene Erleichterung bringen. Immerhin ist es für viele Patienten ein langer Weg, bis ihre Symptome erkannt und behandelt werden. Eine falsche Diagnose und die Pathologisierung von Symptomen wie Konzentrationsproblemen, Traurigkeit und Krisen können aber auch zu Überdiagnosen – mit schwerwiegenden Folgen für Betroffene – führen.
Überdiagnosen in allen medizinischen Bereichen
Eine Überdiagnose ist laut dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) eine Diagnose, die sich ohne eine Untersuchung nie bemerkbar gemacht und wahrscheinlich auch keine Beschwerden ausgelöst hätte. Grundsätzlich sind den Experten zu Folge Überdiagnosen in allen medizinischen Bereichen und vor allem bei Früherkennungsuntersuchungen möglich. Gerade im Bereich der psychischen Gesundheit kann eine voreilige oder falsche Diagnose allerdings zu Problemen führen.
Psychische Krankheiten werden häufig übersehen – das gilt vor allem für Depressionen. Manchmal aber eben auch zu häufig oder falsch diagnostiziert. Denn psychische Erkrankungen sind besonders anfällig für Fehldiagnosen. Während sich körperliche Krankheiten objektiv testen und messen lassen, sind viele Psychologen und Psychiater auf den persönlichen Eindruck angewiesen. Knochenbrüche oder Diabetes etwa lassen sich anhand von Röntgenbildern und Blutzuckerspiegel erkennen, psychische Diagnosen basieren dagegen vor allem durch Beobachten und Zuhören.
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Suche nach der richtigen Diagnose: Auch mit Katalogen kommt es noch zu Fehleinschätzungen
Wenn Psychologen eine voreilige Diagnose stellen, kann das für Patienten schwerwiegende Folgen haben. Eine „psychische Überdiagnose“ kann den Betroffenen signalisieren, dass sie ihre Schwierigkeiten nicht selbst bewältigen können. Psychische Krankheiten beeinträchtigen zudem nicht nur stark das eigene Leben, sondern auch das der Angehörigen. Auch die Diagnose selbst kann die Menschen krank machen, weil sie psychische Belastung und oft überflüssige Behandlungen nach sich ziehen.
In psychiatrischen Diagnosemanuals haben Psychologen und Psychiater Vorschriften entwickelt, wie Symptome und Antworten zu spezifischen Fragen von Patienten einzuordnen sind. Die abgeleiteten Diagnosen sind in Handbüchern wie dem Diagnosehandbuch der Weltgesundheitsorganisation ICD oder DSM nachzulesen und werden regelmäßig aktualisiert. Doch auch mithilfe dieser Kataloge kann es noch zu Fehldiagnosen kommen.
Psychiatrische Diagnosen lassen sich schwer voneinander abgrenzen
Schuld an den hohen Fehlerraten ist auch, dass viele psychische Krankheiten gleichzeitig auftreten und Symptome sich verschiedenen Krankheiten zuordnen lassen können. Symptome wie Unruhe, Erschöpfung, Antriebslosigkeit und Schlafstörungen können beispielsweise bei einer Depression sowie einem Burn-out auftreten. Die Abgrenzung zwischen den beiden Diagnosen fällt daher häufig schwer, wie die Berliner Morgenpost erklärt. Ein weiteres Problem sehen Experten zudem darin, wie Ärzte und Psychologen ihre Diagnosen stellen. Das psychiatrische Diagnosehandbuch DSM behandle normale Reaktionen als psychisch krank, berichtet das Wissenschaftsmagazin Das Gehirn. Die Gefahr bestehe, immer mehr normale Menschen zu psychisch Kranken zu machen.
Führt Social Media zu falschen Selbstdiagnosen?
„Dass mentale Gesundheit als Teil unserer Gesundheit viel mehr im Fokus ist, ist eine gute Entwicklung“, erklärt Frank Jacobi, Professor an der Psychologischen Hochschule Berlin gegenüber dem SWR. Viele Menschen würden sich mit den Grundlagen der Seele besser auskennen und könnten die Psyche besser lesen. Die zunehmende Verbreitung psychotherapeutischer Begriffe im Alltag habe laut der Welt allerdings auch Risiken. Die Popularisierung von Psychotherapie und die zunehmende Nutzung psychologischer Begriffe in Sozialen Medien könne dazu führen, dass normale menschliche Erfahrungen pathologisiert werden. Die Folge seien unnötige Therapien und höhere Ausgaben für das Gesundheitssystem.
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