Unsere Serie: Was braucht Uentrop?
Wie schlimm ist der Ärztemangel? Auf der Suche nach Medizinern für Uentrop
Nachdem auch die letzte Ärztin im Uentroper Dorf ihre Praxis geschlossen hat, sorgen sich viele um die Zukunft der medizinischen Versorgung. Besteht ein Ärztemangel? Wenn ja: Was kann man dagegen tun? Diskutieren Sie mit! (Formular im Artikel)
Uentrop – Die Sorge war groß, als Dr. Brigitte Pipprich im Frühjahr 2020 ihre Arztpraxis schloss. Seitdem gibt es im Uentroper Dorf keine hausärztliche Versorgung mehr. Zum Herbst verließ mit der Zahnärztin Magdalena Niewiadomski auch die letzte praktizierende Medizinerin den Stadtteil. Das heizte die Diskussion um die allgemeine Versorgung in der Stadt an, speziell im Bezirk Uentrop. Wie gesund die Menschen im Hammer Osten sind, ist statistisch nicht erfasst. Die Ärztedichte wird zum Gradmesser: Wo keine Ärzte sind, können kranke Menschen nur schwer gesund werden und bleiben. Wie ist die Situation im Stadtbezirk Uentrop? Um die „Gesundheit“ geht es im vierten Teil unserer Serie „Was braucht Uentrop?“
| Stadtteil | Uentrop |
| Einwohner | 27.118 (Stand: 31.12.2020) |
| Allgemeinmediziner | 9 |
| Einwohner pro Hausarzt | 3013 |
Ärztemangel in Uentrop: Medizinisches Versorgungszentrum könne helfen
Dass die Ärzte im Uentroper Dorf keine Nachfolger fanden, ist dem Ärztemangel geschuldet. Aus dem politischen Lager kamen mehrere Vorstöße und Forderungen nach einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ). Darin arbeiten mehrere Ärzte unter einem Dach. Sie können von Ärzten oder zum Beispiel von Krankenhäusern, gemeinnützigen Trägern und Kommunen gegründet werden. Ihre Struktur kommt einer wachsenden Zahl von Medizinern entgegen, die lieber angestellt als selbstständig sein wollen.
Wo werden Ärzte gebraucht? Während die CDU einen Standort im Uentroper Dorf noch nicht aufgegeben hat, favorisiert die SPD ein MVZ in zentraler Lage im oder im Umfeld des Maxicenters, wo das Stadtentwicklungskonzept „Neue Mitte“ geplant ist. Der Ärztemangel ist aber ein stadtweites Thema. Und so soll es gesamtstädtisch angegangen werden.
Städtische Arbeitsgruppe sollte Ärztemangel angehen - dann kam Corona
Mitte Februar 2020 und damit noch vor dem ersten Corona-Lockdown und der Kommunalwahl beschloss die große CDU-SPD-Koalition in der Stadt die Gründung einer Arbeitsgruppe. Dabei sollte bei einer Datenerhebung ein Fokus auf die Sozialräume gelegt werden. Das ist mehr als ein Jahr her. Was ist bisher passiert? Die Antwort: Nicht viel, im Grunde ist man so weit wie vor einem Jahr.
Die Stadt Hamm will in der Arbeitsgruppe gemeinsam mit der Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe, der Hammer Ärzteschaft und -kammer die Versorgungs- und gegebenenfalls die Bedarfslage in der medizinischen Versorgung in Hamm und eventuell in den einzelnen Stadtbezirken und -teilen erheben. Sie sollen Ideen und Maßnahmen entwickeln, mit den Ärzte nach Hamm geholt werden können. „Zu diesem Zweck finden regelmäßig Besprechungen und Konferenzen statt“, sagt Stadtsprecher Lukas Huster auf Anfrage.
Coronakrise wirkt sich aus: Kapazitäten werden für Pandemie gebraucht
Doch weit sind die Teilnehmer offenbar nicht gekommen. Grund sei die Corona-Pandemie und seien „insbesondere die seit Ende November hohen Inzidenzen, Infektionszahlen und das steigende Impf-Tempo“, sagt der Stadtsprecher. Sie nähmen auf allen Seiten die Kapazitäten in weitem Umfang in Anspruch. „Deshalb ist es schwierig abzuschätzen, wann wir erste Erkenntnisse beziehungsweise Projekte bekanntgeben können“, sagt er.
So weit verständlich: Die Corona-Pandemie ist höhere Gewalt. Aber ein MVZ entsteht nicht von heute auf morgen. Wie dringend sind die Planungen für den Bezirk Uentrop? Das ist schwer zu sagen. Im Fall der hausärztlichen Versorgung werden so genannte Mittelbereiche erfasst. Im Hammer Fall ist das die gesamte Stadt. Eine kleinräumigere Betrachtung, etwa auf Bezirksebene, sieht die Bedarfsplanungs-Richtlinie des Bundes nicht vor.
Viele Ärzte kommen bald ins Rentenalter
In Hamm gibt es laut Kassenärztlicher Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) statistisch derzeit 92,75 Hausärzte. Der Versorgungsgrad beträgt (Stand November 2020) 94,7 Prozent. Handlungsbedarf besteht dadurch zunächst nicht. Ein 100-prozentiger Versorgungsgrad bedeutet, dass eine Niederlassungssperre für Ärzte greift. Eine Unterversorgung gilt bei Hausärzten ab 75, bei Fachärzten und Psychotherapeuten bei 50 Prozent und eine Überversorgung ab 110 Prozent.
Wichtig ist es, die Altersstruktur der Ärzte im Auge zu behalten. In Hamm sind 36 Prozent der Hausärzte älter als 60 Jahre – in ganz Westfalen-Lippe rund 40 Prozent. Sie verabschieden sich in absehbarer Zeit in den Ruhestand.
So viele Ärzte gibt es in Uentrop
Die Online-Ärzte-Suche der KVWL zeigt für den Stadtbezirk Uentrop neun Hausärzte an und zwei weitere in Dolberg, wo die Familienpraxis Kühne zur Aufnahme von Uentroper Patienten vor einem Jahr personell aufstockte. Ausgehend von der Mitte in Werries liegen die Praxen unmittelbar bis zu rund drei Kilometer entfernt. Bei einer Quote von 2000 Patienten pro Hausarzt und rund 27.000 Einwohnern wäre das rechnerisch zu wenig. Wer noch einen Kilometer weiter sucht, kommt auf 20 Ärzte.
Die Anzahl reicht, aber sie sagt nichts über die jeweilige Auslastung der Praxen aus oder über die Frage, ob ein Arzt noch Patienten aufnimmt. Die Zahl sagt auch wenig über die Erreichbarkeit. Wer nur eingeschränkt Mobilität ist, hätte oft gern einen Hausarzt in der Nähe.
Einige Versorgungslücken schließen sich ohne Zutun - andere nicht
Bei den Fachärzten müssen in der Regel etwas weitere Wege in Kauf genommen werden. Die Online-Ärzte-Suche der KVWL weist im Stadtbezirk Uentrop auf einen Augenarzt hin, einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt, zwei Ärzte im Bereich Frauenheilkunde und Geburtshilfe, fünf Kinder- und Jugendmediziner sowie Psychotherapeuten.
Mit Magdalena Niewiadomski hat das Uentroper Dorf im vergangenen Herbst sowohl die letzte Zahnärztin als auch die letzte Arztpraxis verloren. Laut Kassenzahnärztlicher Vereinigung Westfalen-Lippe gibt es im Stadtbezirk noch zwölf Zahnärzte. Dazu gehören drei Kieferorthopäden. Davon gab es vor acht Jahren noch keinen im Hammer Osten.
Das zeigt: Manche Versorgungslücke schließt sich auch ohne ein Zutun von außen. Das wird aber angesichts des Ärztemangels in den anderen Bereichen wohl kaum gelingen.
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Mehr zum Thema lesen Sie in der Print-Ausgabe des Westfälischen Anzeigers vom 13. Mai. Der nächste Schwerpunkt unserer Serie „Was braucht Uentrop?“ erscheint am 27. Mai im Print und Online. Dann geht es um das Thema „Einzelhandel“. Sie wollen mehr von unserer Serie lesen? Dann ist vielleicht unser Abo-Angebot zur Serie „Was braucht mein Bezirk?“ etwas für Sie!