WA.de-Serie "Mut zu Hamm" (Teil 22)
Cornelia Helm (59): Hammer sind offen, bodenständig, handfest und ehrlich
Hamm - Die Geschichte von Cornelia Helm passt zum 30-Jährigen des Mauerfalls. Ohne dieses historische Ereignis hätte sie sicherlich nie den Weg zu den Stadtwerken Hamm gefunden, deren Sprecherin sie ist, und den "Mut zu Hamm".
Wäre die Mauer nicht gefallen und die DDR nicht untergegangen – wer weiß, vielleicht wäre Cornelia Helm heute Professorin an einer Hochschule im Osten. Stattdessen erklärt sie als Pressesprecherin der Stadtwerke den Hammern so ziemlich alles, was die Stadtwerke tun, spricht etwa über Freibäder, Strom, Busse und vieles mehr. WA-Redakteurin Constanze Juckenack hat die 59-Jährige für unsere Serie „Mut zu Hamm“ gesprochen.
Woher stammen Sie?
Cornelia Helm: Ich bin in Schönebeck aufgewachsen. Das liegt in Sachsen-Anhalt. Heute ist das ein ruhiges Städtchen mit rund 30 000 Einwohnern, direkt an der Elbe. Nach der Wende ist eine wunderschöne Uferpromenade entstanden, mit Cafés und Restaurants. Ich besuche einmal im Jahr meine Verwandten dort.
Fühlen Sie sich dort zu Hause?
Helm: Ich finde es sehr schwer, einen Ort „Zu Hause“ zu nennen. Das gibt es für mich so nicht. Ich bin viel umgezogen, mit 18 Jahren nach dem Abitur zum Studium aus Schönebeck nach Potsdam gegangen, gelebt habe ich außerdem in Berlin, Hamm, Bergkamen und Kamen. Und jetzt bin ich wieder in Hamm.
Was haben Sie gearbeitet, bevor sie hierher kamen?
Helm: Ich war mal für drei Jahre Lehrerin für Englisch und Russisch, in Berlin nach dem Studium. Dann bin ich wieder an die Pädagogische Hochschule in Potsdam gegangen, wo ich meine Dissertation geschrieben habe.
Sie haben keinen Doktortitel, oder? Kam der Mauerfall dazwischen?
Helm: Ja. Ich hatte die Dissertation im Frühjahr 1989 fertig geschrieben. Zwei positive Gutachten dafür lagen vor, ich wartete auf ein drittes und den Termin für die mündliche Verteidigung. Das war eigentlich eine Formsache, im Sommer sollte ich beides haben. Doch es passierte nichts. Dann fiel die Mauer und im Herbst 1989 wurde unter anderem die Akademie der Pädagogischen Wissenschaften in Berlin aufgelöst, ohne dass ich meine Arbeit verteidigt hätte.
Können Sie sich erklären, wieso der Termin nicht zustande kam?
Helm: Dazu muss ich etwas ausholen. Meine Mutter stammt aus Hamm, sie war als Kind nach Sachsen-Anhalt, damals „Mitteldeutschland“, umgezogen, weil mein Großvater während des Zweiten Weltkrieges dorthin versetzt wurde. Der Kontakt zu den Verwandten in Hamm blieb bestehen. Als mein Großcousin im August 1989 geheiratet hat, durfte ich zur Hochzeit nach Hamm reisen. Ich habe danach ein paar Mal mit meinen Cousins telefoniert. Die rieten mir, über Ungarn in den Westen zu kommen – ich wollte aber nicht, zum einen, weil ich einen Sohn habe, er war damals drei Jahre alt. Die Arbeit war aber auch ein Grund. Ich denke, dass der Termin zur Verteidigung vielleicht wegen dieser Telefonate nicht mehr zustande kam.
Sie wurden abgehört.
Helm: Das nehme ich an. Ich habe später Nachforschungen angestellt. Es gab eine Registriernummer für mich in Potsdam. Aber dort wurden viele Akten zerstört, auch meine war nicht mehr auffindbar.
Wie lange hatten Sie an der Dissertation gearbeitet?
Helm: Drei Jahre.
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Sind Sie wegen der Probleme damit im Frühjahr 1990 nach Hamm umgezogen?
Helm: Das hat sicher auch eine Rolle gespielt. Positiv interpretiert hat mir der gesellschaftliche Umbruch ganz neue Perspektiven eröffnet. Zudem gab es durch meine Mutter eine sehr positive Bindung zu Hamm. Aber es gab auch noch weitere Enttäuschungen und Rückschläge, vor allem einen Brand in dem Haus, in dem wir damals wohnten. Der Schornstein bei Nachbarn hatte gebrannt, unsere Wohnung war durch das Feuer und das Löschwasser zerstört. Wir konnten ein paar Sachen aus der Wohnung holen, aber nicht mehr dort leben. Eine neue Wohnung gab es nicht. Ich habe bei Freunden auf einer Campingliege übernachtet, mein Sohn war bei meinen Eltern in Schönebeck. Da habe ich ein Angebot meines Onkels angenommen, zu ihm und der Familie nach Hamm zu kommen.
Nach der Wende fühlten viele Menschen im Osten bei aller Euphorie eine große Unsicherheit. Bei Ihnen kamen die Rückschläge dazu. Wie haben Sie das verkraftet?
Helm: Ach, diese Unsicherheit betraf ja wirklich alle. Ich bin eher pragmatisch, ein Mensch, der Situationen anpackt und nach Lösungen sucht.
Wie haben Sie sich in Hamm eingefunden?
Helm: Die Familie meiner Mutter hat mich toll aufgenommen und auch unterstützt, bis ich in eine eigene Wohnung in Heessen gezogen bin. Überhaupt hätte ich ohne meine Familie und neue Freunde vieles nicht schaffen können. Meine Studienabschlüsse für das Lehramt wurden hier nicht anerkannt. Um einen Lebensunterhalt für mich und meinen Sohn zu verdienen, habe ich alle möglichen Jobs gemacht. Ich habe Handbücher und Bedienungsanleitungen ins Russische übersetzt, an der Volkshochschule Englisch unterrichtet, am Schloss Heessen als Nachhilfelehrerin gearbeitet ... aber als berufstätige alleinerziehende Mutter hatte ich es in der Tat nicht leicht.
Inwiefern?
Helm: Generell wurden berufstätige Mütter damals mit großer Skepsis betrachtet, das war man seit Jahrzehnten anders gewöhnt. Außerdem gab es keine vernünftige Kinderbetreuung. Der Kindergarten meines Sohnes war von 8 bis 12 Uhr und 14 bis 16 Uhr geöffnet. Dazwischen musste man sein Kind abholen. Ich hatte das Glück, dass mein Sohn oft mit zu Freunden gehen konnten. Aber manche Jobs konnte ich deshalb nicht annehmen. Mir wurde mal eine Stelle in einer Behörde angeboten. Man musste Punkt 8 Uhr dort sein – aber der Kindergarten öffnete ja erst um 8 Uhr, ich musste noch zur Arbeit fahren und konnte nie rechtzeitig dort sein. Nach einer Woche habe ich wieder aufgehört. Zum Glück gibt es heute Gleitzeit.
Wie sind Sie an Ihren heutigen Job gekommen?
Helm: Meine Mutter hatte irgendwann eine Annonce im Stadtanzeiger gesehen, dass man in Lünen eine Fortbildung zur Marketingfachkauffrau machen konnte, Vollzeit, für drei Jahre. Sie meinte, dass das passt. Ich war erst skeptisch, habe das aber gemacht. Danach konnte ich den Bereich Öffentlichkeitsarbeit bei den Stadtwerken in Kamen etablieren und bin so in Kontakt zu den Stadtwerken Hamm gekommen, wohin ich dann gewechselt bin. Damals wohnte ich in Kamen. Als mein Sohn ausgezogen war, bin ich wieder nach Hamm gezogen. Das ist vier Jahre her.
Welchen Eindruck haben Sie von den Menschen hier?
Helm: Sie sind offen, bodenständig, handfest und ehrlich. Die Hammer nehmen andere so an, wie sie sind. Sie sagen einem aber auch, was sie denken. Ein bisschen wie in Berlin, wo die Leute ja die bekannte „Schnauze“ haben, sehr direkt sind. Ich schätze das sehr.
Was läuft aus beruflicher Sicht gut?
Helm: Ich bin seit fast 20 Jahren bei den Stadtwerken. Die Energiewirtschaft befindet sich in einem ständigen Wandel, denken Sie nur an Energiewende und Klimaschutz. Mein Job verändert sich ständig und bietet immer wieder neue Herausforderungen. Das macht mir unheimlich viel Spaß. Außerdem habe ich erlebt, dass die Stadtwerke ein toller Arbeitgeber sind – sie haben mir zum Beispiel ermöglicht, berufsbegleitend einen Abschluss als Betriebswirtin zu erlangen. Es war ein großer Glücksfall für mich, hier neu anzufangen.