Für das "Tüt-Ei" ist nach 23 Jahren Schluss
Hamm-Mitte - Nach 23 Jahren und fast zwei Monaten geht am Freitagabend auf der Südstraße eine Ära zu Ende: Das „Tüt-Ei“ stellt seinen Betrieb ein, Betreiber Horst Brinkrolf zieht sich ins Privatleben zurück.
„Ich will mehr Zeit für die Familie haben“, sagt das Meilen-Urgestein. Was an dieser Stelle nachfolgt, ist noch nicht spruchreif. Die Verhandlungen gingen aber in Richtung Gastronomie, so Brinkrolf.
Am Freitagabend erwartet er viele (ehemalige) Stammgäste zum Abschied. „Ich bin sicher, es wird hart und es wird Tränen geben“, sagt Brinkrolf. Zwei Gäste, die eine besondere Geschichte mit dem „Tüt-Ei“ verbinden, waren bereits am Mittwoch da: Thorsten Slojewski und seine Frau Nicole Nattkemper wurden 1995 am 15. Dezember bei einer Weihnachtsfeier ein Paar – und sind es immer noch.
In Erinnerung an den ersten Kuss an diesem Abend wollte Slojewski sich einen Barhocker sichern, einen der Hocker, auf denen er und seine Frau so viele Stunden an der Südstraße verbrachten. Weil Brinkrolf für den Hocker ein Geldangebot ausschlug, entschloss sich das Paar stattdessen, 200 Euro an die WA-Aktion „Menschen in Not“ zu spenden. Auch wenn sie heute nicht mehr so oft „auf der Rolle“ seien, bedauert Slojewski die Schließung des Traditionsbetriebs.
Meilen-Kultkneipe „Tüt-Ei“ schließt am 23. Dezember
Für Horst Brinkrolf war es nach insgesamt 36 Jahren in der Gastronomie Zeit, einen Schnitt zu machen. Morgen wird für ihn das erste Weihnachtsfest sein, bei dem er nicht hinter dem Tresen steht. „Das gleiche gilt für das kommende Silvester und Ostern“, sagt er. Die klassischen Familienfeste wird er jetzt mit Frau und Kindern verbringen – denjenigen, die ihm in all den Jahren den Rücken freigehalten haben. „Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt Brinkrolf.
In den gut 23 Jahren habe sich auf der Südstraße vieles verändert. „Früher ging die Woche dienstags los mit der Single-Party, mittwochs weiter mit dem Meilentag, donnerstags mit Karaoke, und der Freitag und Samstag waren Selbstläufer“, erinnert sich Brinkrolf. Geblieben sind heute Freitag und Samstag. Das macht acht bis zehn Öffnungstage pro Monat. Eine knappe Kalkulation...
Das Publikum habe sich verändert über die Jahre und die Ausgehgewohnheiten auch. Früher seien zur Single-Party viele Bundeswehrsoldaten gekommen und Karaoke war Neuland. Viele von den ehemaligen Stammkunden aus der „goldenen Zeit“ hätten ihm Grüße geschickt, als er die Schließung in den sozialen Netzwerken publik machte. Aus ganz Deutschland. Das mache ihn stolz, sagt Brinkrolf, stolz diesen Laden geführt zu haben.
Was wird, werde die Zukunft zeigen, meint Brinkrolf. Sowohl für das „Tüt-Ei“, die Südstraße und für ihn selbst. Er glaubt, dass die Clubs künftig stärker auf ihr Publikum achten sollten. Auch im Umfeld der Meile müsse man besser die Augen aufhalten. Ansonsten würde man Gäste verschrecken und zum Beispiel studentisches Klientel gar nicht erreichen. Dass Brinkrolf selbst noch einmal in der Gastronomie einsteigt, will er zumindest nicht ausschließen. „Vielleicht juckt es irgendwann wieder. Man sieht sich immer zweimal im Leben“, sagt er.