Schlangen und Schlager: 80 Jahre Zentralhallen Hamm
Hamm - Gut 175 000 Gäste kommen im Jahr in die Zentralhallen – sie jubeln Schlagerstars zu, suchen Autoteile, bestaunen Reptilien oder informieren sich über die Jobs der Zukunft. Angefangen hat alles vor 80 Jahren mit dem Viehhandel,
Die „beste Band der Welt“ war schon da. Im März 2001 standen „Die Ärzte“ in den Zentralhallen auf der Bühne. 4200 Fans zeigten sich enorm textsicher und feierten die Berliner Formation. Pubertierende Punks waren genauso dabei wie Eltern, die mit den Ärzten aufgewachsen waren und nun ihre Kinder ins Konzert begleiteten. Die Zentralhallen waren an jenem Abend der Mittelpunkt eines kleinen Pop-Universums. Dass die Halle sonst anderen Zwecken dient, fiel nur Farin Urlaub auf. „Es rieche doch etwas nach Tier“, bemerkte der „Ärzte“-Sänger. Es hat niemanden gestört.
Und tatsächlich, der Ursprung der Hallen im Hammer Süden liegt im Viehhandel. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte die Landwirtschaftskammer in Hamm Versteigerungen unter freiem Himmel durchgeführt. Die Stadt erwarb 1927 das Gelände der insolventen Felix Drobig AG, einem Draht- und Seilwerk an der Fritz-Reuter-Straße und richtete dort Versteigerungshallen ein. Ab 1929 fanden dort sämtliche Zuchtviehversteigerungen statt, auch die Auktionen in Bielefeld, Dortmund, Gütersloh und Paderborn wurden nach Hamm-Süden verlegt. Treibende Kraft im Viehhandel war die 1925 von Ökonomierat Heinrich Peitzmeier in Hamm gegründete Westfälische Herdbuchgesellschaft. Sie kaufte der klammen Stadt die Hallen vor 80 Jahren ab; am 27. Juli 1939 gingen sie ins Eigentum der Versteigerungshallen GmbH über.
„Zentralhallen“ heißen der Komplex und die Betreibergesellschaft seit 1949. Die Herdbuchgesellschaft ging 1993 in der Rinder-Union West auf. Die Münsteraner sind Hauptgesellschafter am Ökonomierat-Peitzmeier-Platz, die Rinder-Auktionen finden nach wie vor im Monatsrhythmus statt. 2018 wechselten hier 2 500 Tiere den Besitzer. Von großen zu kleinen Tieren Vom Viehhandel können die Zentralhallen allerdings nicht leben. Messen, Konzerte und Kongresse gehören seit Jahren zum Repertoire. Wahlkämpfe und Wettkämpfe fanden hier statt – nicht nur legendäre Boxnächte, sondern auch der von unserer Zeitung initiierte Musikervergleich „Hamms beste Band“.
Neben großen kommen inzwischen auch kleine Tiere ins Haus. Die „Terraristika“, eine der weltgrößten Reptilienmessen, bringt quartalsweise Fans aus aller Welt nach Hamm. Die Schau ist umstritten, Tierschützer protestieren regelmäßig. Aber vor den Toren der Zentralhallen bilden sich sprichwörtlich Schlangen. Geschäftsführer Dr. Alexander Tillmann und sein Team haben solche Nischen gesucht, gefunden und entwickelt. Die Schlagernacht hat sich zum Dauerbrenner entwickelt, Bildungsmesse und ImBau sind kontinuierlich gewachsen. Als privatwirtschaftliches Unternehmen müssen die Zentralhallen ohne Unterstützung aus öffentlichen Kassen auskommen und sind dabei in einem umkämpften Markt tätig. Allein in Hamm gibt es mit Alfred-Fischer-Halle, Kurhaus, Maximilianpark und Westpress-Arena vierfache Konkurrenz.
Einige Veranstaltungen hat Tillmann an die Mitbewerber verloren, und die Lücken mit neuen Ideen gefüllt. Mehr als 200 Tage im Jahr Programm In die Hallen selbst haben die Gesellschafter immer wieder investiert. Nach Kriegszerstörungen wurde die Arena neu gebaut, 2007 umfassend saniert. Die Sparkasse leiht ihr heute den Namen, doch die meisten Hammer sprechen liebevoll vom „Bullendom“. Dem Wiederaufbau folgten das Verwaltungsgebäude (1952), das Foyer (1976) und die Veranstaltungshalle (1999). Heute gibt es fünf Veranstaltungsflächen, an 212 Tagen im Jahr ist dort Programm.