Auch schwere Verläufe
RS-Virus grassiert in Hamm: Erheblich mehr Kinder infiziert als üblich
Mit Corona allein ist es im Hammer Infektionsherbst nicht getan. Unter Kleinkindern und Säuglingen geht seit Wochen das so genannte RS-Virus um und bringt das Personal der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin bis an die Belastungsgrenze oder darüber hinaus.
Hamm – Von den 125 Betten des Hauses sind ständig 20 bis 25 mit kleinen RS-Patienten belegt. Gegen RS-Viren gibt es keinen Impfstoff und auch (noch) keine Medikamente. Schwerste Luftnot bis hin zu einer RS-Lungenentzündung sind die gravierendsten Folgen – bei milden Verläufen bleibt es bei Schnupfen, Husten und Heiserkeit. Immerhin: Tödliche Verläufe sind extrem selten, wie Prof. Dr. Wolfgang Kamin, Klinikdirektor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Ev. Krankenhaus Hamm und Ärztlicher Direktor, erklärt.
Eigentlich ist das RS-Virus ein typisches Wintervirus. „Aber im vergangenen Winter hatten wir nicht einen einzigen Fall. Übrigens auch keinen Fall von Influenza“, sagt der Chef der Hammer Kinderklinik. Ursache dafür sei gewesen, dass Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten und Masken getragen wurden. Jetzt jedoch schlage die Stunde des Virus um so heftiger. „Es handelt sich um ein Nachholinfektionsgeschehen“, sagt Kamin.
RS-Virus grassiert in Hamm: Hohe Fallzahlen seit drei Monaten
Seit Anfang August seien die Fallzahlen konstant hoch. Einige Kinderkliniken in der Region hätten bereits kapituliert und würden keine Patienten mehr aufnehmen. „Wir haben aktuell Anfragen zum Beispiel aus Coesfeld oder Gelsenkirchen. Wir sind eine der Kliniken, die überhaupt noch versorgen“, so Kamin.
In einem normalen Jahr gebe es 80 bis 150 RS-Virus-Behandlungen in seinem Haus. Seit August dieses Jahres seien bereits rund 200 kleine RS-Patienten an der Werler Straße behandelt worden. „350 bis 400 Fälle werden es wohl bis zum Frühjahr werden“, sagt Kamin, etwa drei- bis viermal so viele wie üblich also. Die Belastungssituation für das Personal in seinem Haus sei enorm. Anders als in früheren Jahren zeigten nun auch drei- und vierjährige Kinder schwere Verläufe.
RS-Virus grassiert in Hamm: Corona trifft Kleinkinder bisher kaum
Mit Sorge blickt Kamin auch auf die kommenden Wochen. Die Grippe-Welle werde in Kürze anrollen – auch das werde Ärzte und Pfleger in der Kinderklinik zunehmend belasten. Covid-Erkrankungen sind bei Kleinkindern hingegen weniger das Problem. Über den gesamten Pandemie-Zeitraum seien in der Hammer Klinik 185 Kinder versorgt worden, sagt Kamin.
Mit Blick auf das RS-Virus könnte sich im kommenden Frühjahr etwas tun: Ein Medikament sei kurz vor der Erprobungsphase. Auch die Hammer Kinderklinik könnte für eine Studie zur Wirksamkeit in Betracht kommen. Chefarzt Kamin ist Mitglied der Arzneimittelkommission des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM).