Fusion wegen Fachkräftemangel

Mehr Stellen als Bewerber: Firmen in Hamm suchen Azubis

Azubi am Schweißgerät: Klemens Fuchs ist im dritten Lehrjahr beim Metallbauer Mohs.
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Die Firma MOHS GmbH hat mehrere Stellen für Azubis frei. Derzeit fehlen so viele Fachkräfte, dass die Firma sich mit einem anderen Unternehmen zusammengeschlossen hat.

Wer eine Lehre machen will, hat bessere Chancen denn je. Erstmals gibt es in Hamm mehr unbesetzte Ausbildungsstellen als unversorgte Bewerber.

Hamm – Wer eine Lehre machen will, hat bessere Chancen denn je. Zum ersten Mal seit Jahren gibt es in Hamm auf dem Ausbildungsmarkt mehr unbesetzte Stellen als Bewerber, sagt Thomas Helm, Chef der Arbeitsagentur. Im März suchten gut 500 Hammer eine Ausbildungsstelle. 630 Lehrstellen waren unbesetzt.

Das ist neu. „Wir haben sonst immer deutlich mehr Bewerber gehabt als Ausbildungsplätze“, sagt Helm. Im März 2020 und auch im Vorjahresmonat gab es in Hamm mehr unversorgte Bewerber als Ausbildungsstellen. Dass Angebot und Nachfrage auf dem Hammer Ausbildungsmarkt nicht zusammenpassen, ist laut Arbeitsagentur der Pandemie geschuldet.

Corona verhindert Angebote zur Berufsorientierung

Keine Schule, keine Praktika, keine Messen: Viele klassische Angebote der Studien- und Berufsorientierung fanden während der Pandemie nicht statt. „Die Jugendlichen hatten in den letzten zwei Jahren eine andere Schulzeit als alle anderen Jahrgänge zuvor“, erklärt Helm. So ein Prozess der Berufswahl dauere normalerweise zwei Jahre. Er beginne in Klassenstufe 8, gehe meist weiter mit einem Betriebspraktikum in Klasse 9 und sei erst am Ende der zehnten Klasse abgeschlossen. Durch die Pandemie ist diese Orientierungszeit verloren gegangen.

Die Unternehmen stellt das vor große Herausforderungen. Beispiel Mohs GmbH im Gewerbegebiet Klutestraße im Hammer Süden: In dem Stahl- und Metallbaubetrieb bleiben Lehrstellen teils über ein Jahr unbesetzt. „Wir laufen in einen gigantischen Facharbeitermangel auf allen Ebenen“, sagt Geschäftsführer Wilhelm Mohs.

Jugendlichen fehlt Plan von sich

Der Nachwuchs- und Fachkräftemangel in Handwerk, Handel und Industrie gefährde den Wirtschaftsstandort NRW, heißt es in einem gemeinsamen Papier des Westdeutschen Handwerkskammertages (WHKT) und der Industrie- und Handelskammern (IHK) NRW.

Vielen Jugendlichen fällt es derzeit schwer, sich für eine Lehrstelle zu entscheiden, sagt Helm. Ihnen fehle eine Vorstellung von den Berufen, aber auch ein Plan von sich selbst. Wer bin ich? Wo stehe ich? Fragen, die für viele in der „Generation Corona“ offen sind. Einen Beruf zu wählen, setze voraus, dass man die eigenen Stärken und Fähigkeiten kennt, sagt der Chef der Hammer Arbeitsagentur.

Beratungen lange nur telefonisch möglich

Das, was man beim Landesprogramm „Kein Abschluss ohne Anschluss“ zur Berufsorientierung geplant hatte, wurde wegen Corona nicht umgesetzt. Die Arbeitsagentur beriet lange telefonisch statt persönlich. Es sei schwierig, für Orientierung zu sorgen, wenn man sich nicht in die Augen sehen könne: „Ich glaube, dass viele Beratungsgespräche am Ende auch ein Aneinander-Vorbei waren“, sagt Helm. Um sich nicht langfristig festlegen zu müssen, machten viele Jugendliche nun lieber ein Freiwilliges Soziales Jahr statt einer Ausbildung.

Die Jugendlichen sind wählerischer geworden.

Thomas Helm Chef Arbeitsagentur

Als Reaktion auf den Fachkräftemangel geht man bei Mohs ab Mai neue Wege. Die Firma schließt sich mit der ebenfalls in diesem Gewerk tätigen Thomas Lüke Bauschlosserei zusammen. „Diesen Schritt gehen wir, um die wenigen zur Verfügung stehenden Facharbeiter effektiver einsetzen zu können und für neue Mitarbeiter attraktiver zu werden“, sagt Felix Lüke. Er wird sich gemeinsam mit Wilhelm Mohs die Geschäftsführung der neuen Firma teilen.

Corona nur als i-Tüpfelchen

Zur Zeit hat das Unternehmen drei Auszubildende, zwei im Handwerk, eine junge Frau arbeitet im kaufmännischen Bereich. Es gebe Bedarf für zwei weitere Azubis. Der Mangel an qualifizierten Bewerbern bestehe jedoch nicht erst seit Corona, sagt Lüke. „Corona war da höchstens ein Tropfen auf dem heißen Stein“, so Lüke. Das Können der Auszubildenden entspreche oftmals nicht den Anforderungen. Das war schon vor der Pandemie mit dem Online-Unterricht so. Von fünf Azubis hätte es am Ende nur ein einziger zur Abschlussprüfung geschafft.

Außerdem hätten viele junge Menschen keine Lust auf eine Ausbildung. „Es fehlt die Bereitschaft, mal eine Woche für ein Praktikum zu opfern und was spannendes Neues auszuprobieren“, sagt Mohs. Auch während der Ausbildung fehlte vielen Engagement und Disziplin. Einige Azubis kämen zu spät, andere kämen gar nicht – ohne sich abzumelden. Die Ansprüche der Jugend hätten sich verändert.

Jugendliche haben sich verändert

Das sieht auch Arbeitsagentur-Chef Helm. „Die Jugendlichen sind wählerischer geworden.“ Die meisten jungen Menschen ziehen eine Ausbildung nicht erst in Erwägung. Daran trügen die Jugendlichen keine Schuld, vielmehr müsse sich die Berufsorientierung an den Schulen verbessern. „Im Gymnasium werden die Schüler aufs Studium getrimmt“, sagt Helm. Die Ausbildung sei nur selten Thema.

Wir laufen in einen gigantischen Facharbeitermangel auf allen Ebenen.

Wilhelm Mohs Geschäftsführer Mohs GmbH

Im Handwerk ist der Fachkräftebedarf groß. „Wir können nach wie vor Leute gebrauchen, besonders im Bereich der energetischen Gebäudesanierung“, sagt Tobias Schmidt, Leiter der Ausbildungsberatung der Handwerkskammer in Dortmund. Eine warme Heizung im Winter wolle auch jeder haben. Die Lehrstellenbörse der Kammer sei nach wie vor gut gefüllt. 64 freie Ausbildungsplätze im Handwerk gebe es noch für dieses Jahr in Hamm. Viele Unternehmen stellen auch Studienabbrecher ein.

Jugendlichen doch noch für Ausbildung gewinnen

„Wir geben jetzt alle Gas, um die Jugendlichen nach den Abi-Prüfungen wieder einzufangen und so noch an der Bewerberschraube zu drehen“, sagt Helm. Vielleicht überdenke der ein oder andere ja seine Entscheidung, so die Hoffnung. Noch seien die Jugendlichen für den Ausbildungsmarkt 2022 nicht verloren.

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