Ladendiebe und Kleinstdealer...
Clan-Kriminalität in Hamm? Zweifel sind angebracht!
Hamm – Ladendiebe und Kleinstdealer, die zufällig einen anrüchigen Namen tragen: Das sind die Hammer Clankriminellen.
„Clankriminalität“. Allein schon der Begriff elektrisiert die Menschen hierzulande. Jeder zweite „Tatort"-Krimi handelt davon, und als NRW-Innenminister Herbert Reul Mitte Mai in Düsseldorf den bundesweit ersten Lagebericht zum Phänomen der kriminellen Großfamilien in Nordrhein-Westfalen vorstellte, sprang der Funke vollends an den Stammtischen über.
Clan-Verstrickungen gibt’s überall, selbst in den Kreisen Warendorf und Unna – das war die zentrale Aussage des Ministers. Wenn diese Verstrickungen aber die Qualität haben, wie sie in Hamm festzustellen ist, dann ist es längst nicht an der Zeit zu sagen „Gute Nacht, Marie...“.
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Gewalt- oder gar Kapitaldelikte fehlen
Es hat ein bisschen gedauert, um die Zahlen des Ministers genauer zu ergründen. 86 Straftaten, für die 69 Tatverdächtige in Frage kommen, hatte der Minister in seinem Lagebild für Hamm erwähnt. Die Hammer Polizei und die auch für Hamm zuständige Abteilung für organisierte Kriminalität des Polizeipräsidiums Dortmund haben diese Taten auf WA-Anfrage ein wenig genauer unter die Lupe genommen.
Hier nun das Ergebnis: Vom Fahrraddiebstahl bis zum Kleinstdealer taucht alles in der Liste auf. Gewalt- oder gar Kapitaldelikte fehlen jedoch. Letzteres hatte Reul aber relativ pauschal in den Raum gestellt. „Clan-Kriminalität ist keine Kleinkriminalität“, waren seine Worte gewesen. Das Gegenteil ist in Hamm der Fall!
Windiger Menschenraub-Verdacht
26 der 86 Hammer Taten aus der Studie des Minister betreffen das Jahr 2018. Die häufigsten Delikte waren: viermal BTM-Verstöße, dreimal einfache Körperverletzung, dreimal Ladendiebstahl, je zweimal Sachbeschädigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Tatsächlich findet sich auch ein Fall von „Wucher“ – der betraf eine Abzocke nach einem Stromausfall, als ein Monteur aus Gelsenkirchen nach Hamm kam und eine gesalzene Rechnung präsentierte.
Und auch ein Fall von erpresserischem Menschenraub ist aufgeführt. Dieser spielt aber gar nicht in Hamm, sondern in Syrien – eine verworrene Geschichte um einen Mann aus Hamm, der angeblich zu Unrecht inhaftiert wurde. Ob es dieses Geschehen überhaupt gegeben hat, ist für die Polizei bis heute unklar geblieben.
"Wir haben keine Clanstrukturen"
„Wir haben in Hamm keine Clankriminalität, und wir haben auch keine Clanstrukturen“, sagt Polizeisprecher Christopher Grauwinkel nach der Analyse der Fälle aus dem Clan-Lagebild und wiederholt damit das, was er und Polizeipräsident Erich Sievert in den vergangenen Jahren stets auf WA-Anfragen erklärt hatten.
Denselben oder einen ähnlichen Nachnamen
Zu bedenken ist ferner, dass die Tatverdächtigen aus dem Lagebild lediglich denselben oder einen ähnlichen Nachnamen tragen wie ihn „echte“ Clans beispielsweise in Essen besitzen. Dort, und auch in anderen Ruhrgebietsmetropolen, wird es die (schwer-)kriminellen Familien tatsächlich auch geben. Das Lagebild ist – auch das erklärt Minister Reul – zunächst nur ein Ansatz, um tiefer in die Ermittlungen zu den Strukturen einzusteigen.
Unter allen 47 Polizeibehörden des Landes landet Hamm in der Lageberichts-Statistik auf Rang 41 – also so ziemlich am Ende der als möglicherweise infiltriert anzusehenden Regionen.
CDU Hamm ruft Apokalypse aus
Demzufolge hätte auch die hiesige CDU besser zuwarten sollen, als gleich am Tag nach der Lagebild-Präsentation für Hamm die Apokalypse auszurufen. „Das hohe Maß an Straftaten und die große Zahl an Tatverdächtigen, die der Clankriminalität auch in Hamm zuzuordnen sind, ist schon erschreckend“, hatte sich CDU-Kreisvorsitzender Arnd Hilwig in einer Presseerklärung zitieren lassen. „Viel zu lange konnten die organisierten Clans den dubiosen Geschäften nachgehen.“