Schwangerschaftsberatung schlägt Alarm
Keine Abtreibungen in Hamm mehr möglich
HAMM - Seit Kurzem haben Frauen keine Möglichkeit mehr, einen Schwangerschaftsabbruch in einer Praxis in Hamm durchführen zu lassen. Die Arbeiterwohlfahrt (Awo) schlägt vor diesem Hintergrund Alarm.
Von Francina Herder
Der einzige örtliche Gynäkologe, der bislang Abtreibungen vorgenommen hatte, ist jetzt in den Ruhestand gegangen und hat seine Praxis geschlossen. „Frauen werden in dieser physisch und psychisch belastenden Situation zusätzlich mit der Problematik von langen Anfahrtswegen und Fahrtkosten konfrontiert“, sagt Claudia Keeve, Beraterin für Schwangerschaftskonflite der Awo, alarmiert.
Sie mache sich dabei vor allem Sorgen um minderjährige Schwangere oder Leistungsbezieherinnen, die nicht mobil sind und die notwendigen Fahrten in andere Städte nicht finanzieren können.
Schon wie bisher nur eine einzige Praxis in der Stadt zu haben, sei zu wenig gewesen. Rund 300 Beratungsgespräche zum Thema Schwangerschaftsabbruch führt allein die Awo in Hamm jährlich durch. „Natürlich hat sich nicht jede dieser Frauen für einen Abbruch entschieden“, so Keeve. Dennoch schätzt die Schwangerschaftsberaterin, dass die Anzahl der Eingriffe für einen Arzt allein nicht zu bewältigen sei.
„Die Frauen hatten außerdem gar keine Alternative vor Ort, das war für einige nicht einfach“, so Keeve. Viele Betroffene hätten den Schwangerschaftsabbruch in einer anderen Stadt vornehmen lassen, „auch um in ihrem Wohnort nicht erkannt zu werden.“
Diese Wahlmöglichkeit bestehe für Frauen seit diesem Monat erst gar nicht mehr. Für einen Eingriff müssten sie jetzt beispielsweise nach Dortmund oder Münster.
Insgesamt 21 niedergelassene Gynäkologen gibt es in Hamm. „Nach der Bedarfsplanung ist diese Anzahl ausreichend“, sagt Christopher Schneider, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL).
Wie viele Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, in einem Gebiet notwendig sind, wird von der Bedarfsplanung hingegen nicht berücksichtigt. „Das ist die persönliche Entscheidung des Arztes“, so Schneider.
Die fachliche Kompetenz zur Durchführung eines solchen Eingriffs besitzt jeder Frauenarzt. „Will ein Frauenarzt jedoch operative Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, muss er auch die Räumlichkeiten dazu haben und gewisse Kriterien erfüllen“, sagt der Pressesprecher.
Eben das wird laut Schwangerschaftsberaterin Keeve auch von den Ärzten immer wieder in der Diskussion um Schwangerschaftsabbrüche angeführt: „Viele sagen, die operativen Möglichkeiten bereitzustellen, sei zu teuer.“
Doch Abtreibungen seien generell ein heikles Thema – auch für Gynäkologen. Auch der Hammer Arzt, der in seiner Praxis bisher Abtreibungen durchführte, möchte seinen Namen in Verbindung mit diesem Thema nicht in der Zeitung lesen.
„Die Bereitschaft der Ärzte, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen, ist gering“, sagt Keeve. Die älteren Ärzte, die Abtreibungen vornehmen, gingen langsam in den Ruhestand, doch es seien nur wenige der nachkommenden Gynäkologen dazu bereit.
„Die Alten haben noch das Elend vor 1968 erlebt, als der Schwangerschaftsabbruch unter Strafe stand und die Verhütungsmittel nicht so gut waren“, wagt die Schwangerschaftsberaterin einen Erklärungsversuch. Heute herrsche hingegen Unverständnis, wenn eine Frau trotz Pille und zahlreicher anderer Verhütungsmöglichkeiten schwanger würde, so Keeve.
„Man kann keinen Arzt dazu verpflichten“, stellt Keeve klar. Dennoch versucht sie, Kontakt zu den Gynäkologen in Hamm aufzunehmen. In der vergangenen Woche hat Keeve ein Schreiben an die Praxen verschickt, in dem sie auf die neue Situation aufmerksam macht und um Meinungen und Ideen für Lösungsvorschläge bittet. „Ich bin gespannt, ob und wie sich die Ärzte darauf zurückmelden“, sagt die Sozialarbeiterin.