Neues Zeitalter
Jubiläum: Vor 175 Jahren hielt der erste Zug im Hammer Bahnhof
Am 15. Mai 1847 begann für Hamm ein neues Zeitalter. Der erste Zug der Köln-Mindener Eisenbahn hielt im Hammer Bahnhof. Die westfälische Kleinstadt wurde innerhalb weniger Jahre zum Bahnknotenpunkt.
Hamm – Unternehmerischer Pioniergeist, der allgemeine Wunsch nach wirtschaftlicher Entwicklung und persönliches Gewinnstreben – diese Mischung führte letztlich zum Eisenbahnbau in der heimischen Region. Dass sich dieses Streben schließlich in einem Bahnanschluss für die Stadt Hamm konkretisierte, war allerdings zunächst alles andere als klar. Allen voran war es der Unternehmer Friedrich Harkort, der schon in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts die Vision eines Eisenbahnnetzes im rheinisch-westfälischen Raum hatte. „Durch die rasche und wohlfeile Fortschaffung der Güter wird der Wohlstand eines Landes bedeutend vermehrt“, schrieb Harkort 1825 in einem Aufsatz.
1828 wurden erste Pläne für die Rhein-Weser-Schiene geschmiedet. Doch sie scheiterten zunächst unter anderem an regionalen Rivalitäten und an einer eher abwartenden Haltung des preußischen Staates. Friedrich Harkort geißelte 1835 denn auch verbittert die „unüberwindliche deutsche Schlafmützigkeit“. Und der Kölner Bankier und Eisenbahnbefürworter Ludolf Camphausen kritisierte die „noble Passivität der Behörden“.
Vorarbeiten zur Rhein-Weser-Eisenbahn ab 1841
Dann aber erzeugte der zunehmende Eisenbahnbau in den anderen deutschen Staaten und anderswo in Europa den notwendigen Handlungsdruck. 40 000 Taler, vom preußischen König angewiesen, waren schließlich genug Geld, um 1841 die Vorarbeiten zur Rhein-Weser-Eisenbahn beginnen zu können. Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass die Bahnlinie Köln-Deutz und Minden verbinden und bei Bielefeld den Teutoburger Wald überwinden sollte – viel mehr aber nicht.
Nicht zuletzt dem Aachener Kaufmann David Hansemann ist es zu verdanken, dass es mit der Bahn in Hamm etwas wurde. Mit seinem Gespür für technische Machbarkeit und mit einer realistischen Vorstellung von den Kosten, gepaart mit Durchsetzungsfähigkeit gegenüber provinziellen Interessen trieb er die Sache voran. 1843 war die Ostrheinische Eisenbahngesellschaft gegründet, die sich kurz darauf in Köln-Mindener Eisenbahngesellschaft umbenannte. Deren Aktien gingen gut, Kapital war deshalb in ausreichendem Maße vorhanden. Im Frühjahr 1844 nahm die Gesellschaft in Köln ihre Arbeit auf. Im August 1844 begann von Deutz ausgehend der Bau der Bahn. Auch da war noch immer nicht im Detail klar, wo die Trasse im mittleren Westfalen verlaufen würde. Das Interesse an einer Bahnanbindung war in den in Frage kommenden Städten und Gemeinden enorm, das Ringen um einen Schienenanschluss bekam Züge eines Intrigen-Krimis. Hansemann spielte die Städte kalt gegeneinander aus, wie sich einem Aufsatz von Wilfried Reinighaus aus dem Jahr 1997 entnehmen lässt.
Hamm hatte stärkere Eisenbahn-Lobby als Soest
Soest wurde beispielsweise gedrängt, sämtliche Kosten für den Grunderwerb zu übernehmen, sonst würde die Strecke über Hamm verlaufen. Der Soester Magistrat erklärte sich derart erpresst zur Kostenübernahme bereit. Dabei hatte Hansemann schon 1841 einen Vorvertrag mit Hamm geschlossen. Und Hamm hatte die stärkere Lobby, weil sich die Strecke hier näher an der Provinzialhauptstadt Münster befinden würde.
Namhafte Industrielle aus dem südöstlichen Westfalen versuchten zwar noch die Linienführung über Soest und Lippstadt zu erreichen, bezeichneten dazu gar eine von Minden weiterführende Verbindung nach Berlin durch das Königreich Hannover als „undeutsch“, weil Hannover eng mit Großbritannien verbunden war. Allein, die nationalistische Karte stach nicht. Am 9. März 1845 verfügte das preußische Finanzministerium endgültig, die Bahn von Dortmund über Kamen nach Hamm zu bauen.
1846 Stichbahn von Hamm nach Münster
Zu diesem Zeitpunkt war auch schon beabsichtigt, dass die Thüringisch-Hessische Bahn über Soest nach Hamm geführt und dort an die Köln-Mindener Eisenbahn angeschlossen werden sollte. Am 4. März 1846 wurde die Stichbahn von Hamm nach Münster genehmigt. Damit war der Eisenbahnknotenpunkt Hamm gewissermaßen amtlich gezeugt.
Am 15. Mai 1847 erreichte der erste planmäßige Zug Hamm. Bereits am 15. Oktober 1847 fuhren Züge durchgängig bis Minden. 1879 wurde die Köln-Mindener Eisenbahn verstaatlicht. 1886 wurde die Gesellschaft aufgelöst. Die Zeit der Königlich Preußischen Staatseisenbahnen begann.
Was davon noch übrig ist
Viel steht nicht mehr aus der Anfangszeit der Eisenbahn an Rhein und Ruhr. Ein paar Relikte der Köln-Mindener Eisenbahn sind aber erhalten. Da wäre zunächst der Bahnhof Kamen, der heute noch so aussieht wie zu seiner Eröffnung 1847. Nicht weit entfernt führt eine Brücke aus jenen Tagen heute noch die Züge auf der Strecke Dortmund – Hamm über das Flüsschen Seseke. Und auch in der Hammer Eisenbahnbrücke über die Lippe steckt im Kern noch das Bauwerk der Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft.
Am östlichen Ende der damaligen Strecke ist der Bahnhof Minden noch weitgehend original erhalten. Die Station war damals bewusst nicht in Stadtnähe errichtet worden, sondern war Teil einer preußischen Festung. In Minden grenzten die preußischen Westprovinzen damals an das Königreich Hannover.
Das Wagenmaterial der Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft ist ebenso vollständig verschwunden wie der ursprüngliche Bahnhof in Hamm. Das Gebäude in Form einer Burg wurde 1923 abgerissen, als der Platz für neue Bahnsteige gebraucht wurde. Das heutige Empfangsgebäude wurde 1920 eröffnet. jf
