Zukunft der Innenstadt
Raumplaner lobt das in Hamm Erreichte - Interview
HAMM - Mit Blick auf die anhaltende und intensiv geführte Debatte über die Zukunft der Hammer Innenstadt lobt der renommierte Raumplaner David R. Froessler das Erreichte. Im WA-Interview begründet er umfassend seine Meinung, analysiert und wagt Prognosen.
Die Innenstadt soll „Fit für die Zukunft“ gemacht werden. Das ist zumindest der Titel eines Workshops, im dem am Sonntag ab 10 Uhr im Heinrich-von-Kleist-Forum ergründet werden soll, woran die City krankt, und wie sie gesunden kann. Moderieren wird die öffentliche Veranstaltung David R. Froessler, Geschäftsführer des Düsseldorfer Planungsbüros „Urbano“, das sich besonders mit Stadtentwicklungsfragen beschäftigt. Ein „Urbano“-Projekt ist auch die Innovationsagentur Stadtumbau Nordrhein-Westfalen, an der die Stadt Hamm seit 2005 beteiligt ist.
WA-Redakteur Frank Osiewacz sprach mit Froessler über die Chancen der Innenstadtbelebung. Das hier dargestellte Interview bietet im Gegensatz zur aus Platzgründen gekürzten Version in der WA-Printausgabe vom Samstag alle Fragen und die vollständigen Antworten von Froessler.
Herr Froessler, es ist ein wenig so, als ziehe Hamm mit dem Workshop nun die Reißleine was die Zukunft der Innenstadt und der umliegenden Quartiere angeht. Ganz ehrlich: Wie ernst ist die Lage in Hamm?
David R. Froessler: Ganz ehrlich? Ich bin – aus der sicherlich entspannteren und distanzierteren Sicht des Außenstehenden heraus - immer wieder erstaunt, wenn ich in Hamm bin und Gespräche über die Innenstadtentwicklung führe, wie wenig hier oft die Gesamtheit der in den letzten Jahren verfolgten Strategie im Zusammenhang gesehen wird und wie wenig Beachtung und Stolz die dabei erzielten außergewöhnlichen Erfolge und Verbesserungen für den Gesamtstandort Innenstadt finden.
Ich will die vielen Herausforderungen und die anspruchsvollen Aufgaben, vor denen wir hier nach wie vor stehen, sicherlich nicht verharmlosen oder ignorieren. Aber erinnern wir uns doch einmal, wie man die Stadt Hamm noch vor wenigen Jahren erlebt hat, wenn man mit dem Zug hier ankam und
aus dem Bahnhofsgebäude trat. Ich kenne wirklich nur sehr sehr wenige Städte, die so massiv, so konzentriert und so unübersehbar von großflächigen Leerständen betroffen waren wie die Stadt Hamm. In zahlreichen Städten haben wir die mittlerweile schon legendäre leer stehende Hertie-Immobilie, daneben aber fast immer nur vereinzelten kleinteiligen Leerstand, der bei weitem nicht diese negative Ausstrahlungswirkung hat wie die großen und massiven Kaufhausimmobilien, von denen es in Hamm ja wirklich außergewöhnlich viele gab. Das konnte niemand übersehen oder ignorieren – das hat die Stadt ganz unübersehbar als eine Stadt im Niedergang gebrandmarkt.
Für mich als leidenschaftlichen Liebhaber von Städten und Stadtleben war das unglaublich frustrierend und entmutigend, weil ich mir beim besten Willen nicht hätte vorstellen können, dass man all diese Brachen auf absehbare Zeit loswerden kann – und ich hätte mir das erst recht nicht in einer so außergewöhnlichen und herausragenden Qualität vorstellen können, wie dies heute etwa mit dem Heinrich-von-Kleist-Forum und seinem Umfeld Wirklichkeit und prägend für die Innenstadt Hamms geworden ist.
Das heißt, man hat hier in den letzten Jahren nicht die Hände in den Schoß gelegt und untätig dem Niedergang zugesehen, so dass man jetzt aufwachen und die Reißleine ziehen müsste, wie Sie es ausgedrückt haben. Man hat im Gegenteil das einzig Richtige getan, indem man zunächst einmal mit Nachdruck, mit viel Durchhaltevermögen und mit hohen Qualitätsansprüchen daran gearbeitet hat, dass diese großen Brachen verschwinden und mit ihnen die ungeheuer negative Ausstrahlung, die sie auf den gesamten Standort Innenstadt hatten.
Dies ist in Hamm wie in kaum einer anderen Stadt in Nordrhein-Westfalen gelungen. Und gerade aktuell ist in diesem Kampf ja wieder ein wichtiger Sieg zu verzeichnen, indem nun auch das letzte große leer stehende Kaufhaus – die ehemalige C&A-Immobilie – verschwindet. Und dies nicht für irgendeine beliebige Nachnutzung, sondern für eine Neunutzung, die schon lange als Defizit des Standortes Hamm Innenstadt und seiner Entwicklungschancen erkannt war: Ein neues Hotel in zentraler Lage.
Mit diesen aus meiner Sicht ungeheuer erfolgreichen Großprojekten ist doch erst die Grundlage geschaffen worden, dass die Hammer Innenstadt wieder eine Zukunft als attraktiver Standort hat, für den sich sowohl Investoren wie auch Arbeitgeber und auch Besucher und Konsumenten interessieren. Zu diesem strategischen Vorgehen der letzten Jahre gab es aus meiner Sicht keinerlei Alternative. Und es war in jeder Hinsicht erfolgreicher als man das hätte erwarten können und als entsprechende Strategien in vielen anderen Städten dies waren.
Darum ist mein Fazit heute: Wir müssen nicht panisch irgendeine Reißleine ziehen, sondern wir sollten zunächst erleichtert und stolz sein auf das, was hier alles erreicht wurde und uns jetzt mit Selbstbewusstsein und Zuversicht der nächsten Phase des Entwicklungsprozesses in der Hammer Innenstadt zuwenden. Das heißt, uns auf der Basis dieser Erfolge und der damit verbunden Aufwertungseffekte und Entwicklungschancen nun den Aufgaben und den Teilräumen zuwenden, die jetzt als nächster strategischer Schritt angegangen werden müssen: Das bedeutet zugleich, nun den Fokus von den großmaßstäblichen Projekten der vergangenem Jahre im Bahnhofsumfeld wechseln auf den Gesamtraum der Innenstadt und auf eine große Vielzahl von Einzelthemen, Aufgaben und Aspekten einer erfolgreichen Innenstadtentwicklung.
Diesen strategischen Wechsel, den Übergang in eine neue Phase der Innenstadtentwicklung, wollen wir mit der Veranstaltung am kommenden Sonntag ja vollziehen und auf breiter Basis in der gesamten Stadtgesellschaft verankern. Dieser Wechsel wäre so aus meiner Sicht zu keinem früheren Zeitpunkt möglich oder sinnvoll gewesen. Jetzt aber ist es Zeit dafür und jetzt können wir dafür auch all die positiven Effekte nutzen, die durch die erfolgreichen Großprojekte der letzten Jahre erreicht wurden.
Es ist ein altes Thema: Wir haben das Allee-Center einerseits als Magneten und andererseits als Damoklesschwert, das über der restlichen Innenstadt hängt. Nur dass diese sich wie Damaokles nicht zurückziehen kann, sondern weiter machen muss. Wie ist das Geschäftsleben in der Ost-, West- und vor allem der Bahnhofstraße zu retten?
Froessler: Ich wäre sehr sehr vorsichtig und auch besorgt, wenn mir irgendjemand weismachen wollte, das sei eine einfache Aufgabe oder er habe dafür vielleicht sogar eine Patentlösung. Die gibt es nicht und es wird auch hier darum gehen, mit viel Ausdauer, Flexibilität und mit hohen Qualitätsmaßstäben nach und nach Elemente und Bausteine einer solchen Lösung vor Ort in Hamm als lokale Maßarbeit zu entwickeln und zu realisieren.
Aber zwei ganz entscheidende Zutaten zu diesem Rezept möchte ich dennoch ganz eindeutig benennen und diesem Prozess mit auf den Weg geben.
Die erste lautet ganz eindeutig: Die entscheidende Erfolgsformel der Großprojekte der letzten Jahre immer im Bewusstsein aller Akteure halten und auch in der nächsten Phase der Innenstadtentwicklung fortsetzen. Denn in Hamm wurde in den letzten Jahren nicht, wie in viel zu vielen anderen Städten der Fehler gemacht, verloren gegangene Einzelhandels- und Kaufhausnutzungen um jeden Preis wieder durch die gleichen Nutzungen wie früher ersetzen zu wollen. Viel zu viele Städte haben mit solchen Versuchen in den letzten Jahren sehr viel Zeit und Geld verloren. In Hamm hat man viel früher erkannt, dass die Zukunft unserer Innenstädte nicht mehr ausschließlich im Konsum und im Einkaufen liegen wird.
Wir Stadtplaner bezeichnen solche großen Kaufhäuser ja immer als „Frequenzbringer“, weil sie sehr viele Besucher anziehen, von denen auch die umliegenden kleineren Geschäfte, die Gastronomie und zahlreiche andere Funktionen einer lebendigen Stadt profitieren. Der Verlust eines solchen Frequenzbringers hat daher erhebliche negative Auswirkungen auch auf zahlreiche andere Funktionen und Arbeitsplätze. In dieser Situation hat man in Hamm sehr mutig und entschieden die strategische Entscheidung getroffen, die Zukunft der Innenstadt nicht mehr nur dem Konsum und irgendwelchen großen Kaufhausketten zu überlassen, die vermutlich ohnehin nie gekommen wären – dazu haben sich in den letzten Jahren die Strukturen unseres Einzelhandels und vor allem auch das Einkaufsverhalten der Konsumenten viel zu grundlegend und umfassend verändert.
Daher hat man sich hier – und ich benutze das immer und immer wieder als Beispiel und Überzeugungshilfe in anderen Städten – sehr vorausschauend dafür entschieden, andere und viel zukunftsfähigere Frequenzbringer in der Innenstadt anzusiedeln – nämlich Angebote, Nutzungen und Qualitäten in den Bereichen Kultur und Bildung. Und dies ist mit außergewöhnlich großem Erfolg gelungen.
Damit will ich nicht anregen, dass man in der nun beginnenden Phase des kleinteiligen Arbeitens „in der Fläche“ den Einzelhandel aufgeben und nicht mehr fördern sollte. Mir ist aber wichtig, immer wieder die wichtigste Erkenntnis und Erfolgsformel der letzten Phase zu betonen: Neue Zukunft und zukunftsfähige Attraktivität schafft man NICHT mit einem „weiter so wie bisher“. Sondern mit mutigen und kreativen neuen Lösungen. Und das kann konkret bedeuten, neue Einzelhandels- und Gastronomieangebote, die erst jetzt durch die Ansiedlung der Hochschule etc. ausreichende Nachfrage und damit Überlebensfähigkeit finden, hier zu entwickeln und zu fördern. Das kann aber auch bedeuten, neue Dienstleistungen, Bildungsangebote und kulturelle Angebote anzusiedeln, die diesen Weg der Schaffung von zeitgemäßen Zukunftschancen durch einen attraktive funktionalen Mix konsequent fortsetzen.
Dies war die erste Zutat, die mir wichtig und entscheidend für die weitere Entwicklung der Innenstadt Hamms erscheint – und die sich ganz eindeutig und für jeden sichtbar hier bewährt hat.
Die zweite Zutat ist aus meiner Sicht genauso entscheidend – und damit kommen wir jetzt wieder zur morgigen Veranstaltung: Wir werden mit dieser „Rettung des Geschäftslebens“, wie sie es genannt haben, nur dann Chancen auf Erfolg haben, wenn sich in der gesamten Stadtgesellschaft die Erkenntnis durchsetzt, dass diese nun beginnende nächste Phase der Innenstadtentwicklung einen grundlegend anderen Charakter haben wird und haben muss als die vergangene! Das heißt konkret: Die Zeit der Konzentration auf Großprojekte und der nahezu alleinigen Verantwortung der öffentlichen Hand für erfolgreiche Entwicklungs- und Aufwertungsprozesse ist eindeutig vorbei. Wir werden diese nächste Phase nur erfolgreich bewältigen, wenn alle, die ein Interesse an diesem Standort „Hamm Innenstadt“ haben – sei es als Geschäftsleute, als Immobilienbesitzer, als Bewohner oder als Besucher – auch ihre eigene Verantwortung wahrnehmen und engagiert an dieser Entwicklung einer neuen Zukunft mitarbeiten.
Um es sehr plakativ und vielleicht etwas überspitzt auszudrücken: In der letzten Phase der Innenstadtentwicklung war die Stadt Hamm der „Macher“, auf den sich alle verlassen haben und der für alles fast alleine verantwortlich schien. In der nächsten Phase der Innenstadtentwicklung wird die Stadt sicherlich nicht die Hände in den Schoß legen und interessiert zugucken. Aber sie wird viel mehr als in der Vergangenheit die Rolle des Organisators, des Moderators und vielfach auch des „Animateurs“ übernehmen, der nicht mehr Probleme in Alleinverantwortung löst – das ist bei den jetzt anstehenden Problemen schon faktisch und rechtlich unmöglich – sondern der dabei mithilft, dass alle verfügbaren und auch notwendigen Kräfte gemeinsam an einer Lösung arbeiten – und der diesem Prozess der gemeinsamen Arbeit Richtung und Qualität verleiht.
Und genau dies ist auch der Grund, warum die morgige Veranstaltung nicht irgendwelche fertigen städtischen Lösungen präsentieren soll, sondern vielmehr möglichst viele engagierte Mitstreiter und Unterstützer gewinnen soll, mit denen anschließend gemeinsam an der Zukunft der Innenstadt Hamms gearbeitet werden kann. Das heißt, es wird morgen nicht um eine solitäre Beteiligungsveranstaltung gehen, sondern um den Auftakt zu einem längerfristigen Beteiligungs- und Kooperationsprozess.
Inwieweit muss in Hamm ein Umdenken stattfinden was die Nutzung von Ladenlokalen in der Innenstadt angeht?
Froessler: Ich würde mir auch hier nicht anmaßen, als Externer, der ich ja immer noch bin, dem lokalen Akteuren zu sagen, was für sie der beste Weg wäre. Das muss in dem nun beginnenden Kooperationsprozess, den ich gerade beschrieben habe, von all denen, die ein Interesse an diesem Standort haben, nach und nach entwickelt und definiert werden.
Vor dem Hintergrund von vielen Jahren Beratung von Städten und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen zu solchen Umstrukturierungsprozessen würde ich aber auch hier wieder zwei Zutaten eines solchen Prozesses benennen wollen, die aus meiner Sicht für den Erfolg entscheidend sein können.
Zunächst: Die Schaffung von neuen Perspektiven für den kleinteiligen Handel kann nur gelingen, wenn sowohl Immobilienbesitzer wie auch Händler die veränderten Rahmenbedingungen verstehen, ernst nehmen und flexibel darauf reagieren. Ich erlebe in solchen Projekten der Standortentwicklung immer wieder, dass viele Immobilienbesitzer nicht bereit sind zu akzeptieren, dass in Zeiten rückläufiger Nachfrage nach Ladenlokalen und Verkaufsfläce Mieten nicht auf dem gewohnten Niveau bleiben oder sogar, wie man das immer schon gewohnt war, kontinuierlich steigen. Da wird dann oft nicht mehr in die Immobilie investiert, es wird eher längerer Leerstand in Kauf genommen, als die Mieten an die veränderten Marktbedingungen anzupassen – und am Ende beobachte ich immer wieder eine ganz fatale Entwicklung, vor der ich die Immobilienbesitzer gerne bewahrt hätte: Es greift dann Leerstand und Verwahrlosung in einem solchen Maße um sich, dass dies zu einem negativen Standortfaktor wird, der eine Vermietung – und dann selbst zu reduzierten Mieten – gänzlich unmöglich macht. Und daran sind dann nicht mehr nur der Strukturwandel und das Konsumentenverhalten schuld, sondern eindeutig auch eine fehlende Flexibilität der Eigentümer. Was es braucht ist also Flexibilität und vorausschauendes Engagement der Immobilienbesitzer, gerade auch in schwierigen Zeiten in ihre Immobilien zu investieren, sie attraktiv und vermarktungsfähig zu halten und im Hinblick auf die Miethöhe und Renditeerwartung flexibel auf die Marktbedingungen zu reagieren. Alleine schon neue Modelle einer flexiblen Miete können viel bewirken, indem sie es auch Existenzgründern erlauben, die schwierige Startphase eines neu eröffneten Geschäftes zu überleben.
Um auch hier wieder mit einem überspitzten Bild zu schließen: Ein solches Verhalten beobachte ich immer wieder auch bei einzelnen Händlern: Sie sehen tatenlos zu, wie ihre Umsätze sinken, wie die Kundschaft wegbleibt, bis ihre eigene Existenz gefährdet ist. Sie sehen aber nicht sich selbst und ihr unternehmerisches Geschick in der Verantwortung, sondern schimpfen stattdessen lauthals und permanent über ihre Kundschaft, die an der Misere schuld sei.
Also – hier gilt ganz klar: Zukunftsperspektiven lassen sich nur mit einem eindeutigen Bekenntnis zur unternehmerischen Verantwortung jedes Einzelnen entwickeln und mit einem hohen Maß an Flexibilität und Innovationskraft.
Damit möchte ich jedoch nicht die gesamte Verantwortung für eine erfolgreiche Standortentwicklung auf die privaten Akteure abwälzen: Nach meiner Erfahrung ist es als zweite Zutat oder Empfehlung genauso entscheidend, dass diese privaten Akteure in solch schwierigen Phasen Beratung und Unterstützung von Seiten der Stadt bekommen. Denn natürlich sind sie mit dieser Aufgabe vielfach überfordert und brauchen auf diesem Weg der Neuorientierung einen Partner an ihrer Seite, der nicht nur den einzelnen Immobilienbesitzer oder Händler berät, sondern immer auch den Standort als Ganzes mit seinen Herausforderungen und auch Entwicklungspotenzialen im Blick behält.
Und wenn es uns mit der morgigen Veranstaltung gelingt, eine solche strategische Partnerschaft zwischen öffentlicher Hand und privaten Akteuren auf den Weg zu bringen, bei der beide Seiten ihre jeweilige Verantwortung ernst nehmen und engagiert ein der Entwicklung von Lösungen und Perspektiven mitarbeiten, dann bin ich sehr zuversichtlich, dass wir mit einer notwendigen Portion Durchhaltevermögen und Geduld auch diese zugegebenermaßen schwierigen Herausforderungen meistern werden.
Welche Akteure sind es dann insgesamt, die jetzt besonders gefragt sind, um die Innenstadt zu beleben?
Froessler: Die wesentlichen Akteure haben wir ja gerade bereits besprochen: Neben lokaler Politik und Verwaltung als Richtungsgeber, Organisator und Unterstützer sind es dann unmittelbar die bereits benannten Immobilienbesitzer und Unternehmer der Stadt, die nun auch ihre Verantwortung übernehmen müssen. Das liegt ganz offensichtlich in der Natur der Aufgabe und lässt sich kaum übersehen: Die in der nächsten Phase anstehenden Aufgaben und Herausforderungen könnte die öffentliche Hand nur dann alleine lösen, wenn wir in einer Planwirtschaft leben würden, was wir uns sicherlich nicht wünschen. Das bedeutet in der Konsequenz aber, dass in einem marktwirtschaftlich organisierten Gemeinwesen diese Aufgaben der Anpassung von Immobilienbeständen und wirtschaftlichen Nutzungsstrukturen nur gelingen kann, wenn die entsprechenden privatwirtschaftlichen Akteure ihre Verantwortung ernst nehmen und ebenfalls „ihre Hausaufgaben machen“.
Insgesamt gesehen – und gerade angesichts der Tatsache, dass wir morgen ja eine längerfristige und auf breiter Basis agierende Allianz für die Hammer Innenstadt begründen und anschließend im Prozess weiter entwickeln und stabilisieren wollen – würde ich meine Antwort auf Ihre Frage aber nicht ganz so eng fassen wollen.
Daher ist aus meiner Sicht die Antwort auf Ihre Frage eigentlich sehr einfach und eindeutig: Als Kooperationspartner und engagierte Mitstreiter bei diesem Prozess der Standortentwicklung sind ganz einfach all diejenigen gefragt und für den Erfolg des Prozesses mit ihren jeweiligen Beiträgen notwendig, die ein Interesse an diesem Standort, an seiner Zukunftsfähigkeit und seiner Attraktivität haben.
Bei den bereits benannten Immobilienbesitzern und Händlern ist das ein unternehmerisches Interesse, das unmittelbar nachvollziehbar und Grund für Mitarbeit und Engagement ist: Denn diese Akteure wollen hier auch in Zukunft noch ökonomisch aktiv sein und Rendite erwirtschaften. Als müssen sie logischerweise ein großes Eigeninteresse daran haben, an der Schaffung der dafür notwendigen Rahmenbedingungen mitzuarbeiten.
Aber auch jede einzelne Bürgerin und jeder einzelne Bürger verbindet ja mit der Innenstadt und ihren Angeboten Interessen. Ob als attraktiver Wohnstandort, vielleicht auch altersgerecht für die älter werdende Stadtgesellschaft, ob es abwechslungsreiche gastronomische Angebote sind, ein vielfältiges Kulturleben, das man sich wünscht – über all diese Facetten innerstädtischen Lebens, in denen ja zugleich wichtige Entwicklungschancen für die Hammer Innenstadt liegen, werden wir morgen diskutieren. Und im Anschluss an die morgige Auftaktveranstaltung wird es dann im weiteren Prozess immer wieder einmal konkrete Veranstaltungen und Beteiligungsangebote zu einzelnen dieser Themen geben. Das ist eine neue Aufgabe, zugleich aber auch eine neue Chance für alle Bürgerinnen und Bürger, aktiv an der Weiterentwicklung „ihrer“ Innenstadt mitzuarbeiten und dabei auch eigene Erfahrungen und Vorschläge einzubringen.
Von welchen Vorstellungen (auch aus der "guten alten Zeit") müssen sie sich verabschieden?
Froessler: Auch zu dieser Frage müsste man sicher eine Vielzahl von Facetten und Elementen benennen, wenn man sie umfassend und differenziert beantworten wollte. Ich möchte mich aber auf zwei zentrale und entscheidende Veränderungen beschränken, auf die wir uns einstellen müssen.
Die erste Vorstellung, von der wir uns wohl verabschieden müssen – und das ist ja ansatzweise schon deutlich geworden – ist das klassische Bild, dass Innenstädte wie die von Hamm ihre Lebendigkeit ausschließlich aus Einzelhandel und Konsum und die dadurch angezogenen Besucher und Nutzer beziehen und dass diese Funktion alleine ausreicht, um eine Innenstadt lebendig und attraktiv zu erhalten und den dort vertretenen Immobilienbesitzern verlässliche Einnahmen und Renditen zu garantieren. Die Veränderungen sowohl in der Struktur des Einzelhandels als auch in den Einkaufsgewohnheiten der Konsumenten mit Einkäufen „auf der grünen Wiese“ und im Internet etwa, waren zu tief greifend und zu umfassend, um dieses traditionelle Bild von unseren Innenstädten und ihren Funktionen unangetastet zu lassen.
Dies kann man nun beklagen – und man muss es als Problem und Herausforderung kurzfristig in jedem Fall auch ernst nehmen, weil es – zumindest temporär – zu Leerständen, zu Arbeitsverlusten und zu finanziellen Einbußen bei Unternehmern und Immobilienbesitzern führt, für die solche Umstrukturierungsprozesse schwierig zu bewältigen sind, wie wir dies schon besprochen haben. Darum habe ich auch versucht deutlich zu machen, dass diese Akteure jetzt Beratung und Unterstützung bei der Bewältigung der aktuellen Umstrukturierungsprozesse benötigen.
Langfristig – wenn diese Umstrukturierungsprozesse einmal bewältigt sind – sehe ich darin eine große Chance für unsere Innenstädte – und das gilt ganz sicherlich auch für die Hammer Innenstadt. Wenn ich die traditionelle Innenstadt, die nach Ladenschluss weitgehend ausgestorben und leblos war, mit meinem Bild der zukünftigen Innenstadt vergleiche, in der endlich auch wieder Menschen leben, Bildung und Kultur im Kampf um Gebäude und Nutzungen auch wieder eine Chance haben und das Umfeld eben auch für eine Stadtgesellschaft hergerichtet ist, die hier auch Leben und Freizeit verbringen will, dann freue ich mich sehr auf diese „Innenstadt der Zukunft“.
Und die zweite entscheidende Vorstellung, von der wir uns verabschieden müssen, ist auch bereits deutlich und nachvollziehbar geworden: Es ist die Vorstellung, dass die Lösung all dieser Probleme alleinige Aufgabe der öffentlichen Hand sei und die Stadtgesellschaft – Unternehmer, Immobilienbesitzer, Bürgerinnen und Bürger – müssten die Erledigung dieser Aufgaben nur kritisch beobachten, mit ihren Steuern mitfinanzieren und ab und zu lokale Politik und lokale Verwaltung kritisieren und Forderungen stellen.
Das habe ich ja bereits versucht, deutlich zu machen und zu erklären: Die Herausforderungen, die wir in der nächsten Phase der Innenstadtentwicklung bewältigen müssen, lassen sich nur bewältigen, wenn wir zu einer neuen Aufgabenverteilung kommen, wenn die gesamte Stadtgesellschaft Verantwortung für die Entwicklung und Zukunft „ihrer“ Stadt übernimmt und sich dafür auch engagiert. Es geht also nicht mehr vorrangig um eine öffentliche Aufgabe, sondern um eine gemeinschaftliche, die am besten durch eine strategische Allianz aller Kräfte und Energien einer Stadt zu bewältigen ist. Und auch darin, in einer solchen kooperativen Arbeitsweise, stecken nach meiner Überzeugung wichtige neue Chancen und Potenziale für unsere Stadtentwicklung, die Qualität Ihrer Ergebnisse und auch die Stärkung der lokalen Gemeinwesen und die damit einhergehende Steigerung von Lebensqualität in unseren Städten.
In welchen Zeiträumen müssen die Menschen in der Stadt denken?
Froessler: Darüber habe ich gerade in den letzten Wochen viel nachgedacht. Wir haben nämlich in den letzten drei Jahren im Auftrag unseres für die Städtebauförderung zuständigen Landesministeriums eine Reihe nordrhein-westfälischer Städte – darunter auch Hamm – bei ihren Aktivitäten im Stadtumbau und in der Stadterneuerung filmisch begleitet. Das Ziel dabei war und ist, am Ende einen Dokumentarfilm zu produzieren, der auch auf breiterer Basis in unseren Städten ein anschauliches Bild von den Themen und Aufgaben der aktuellen Stadtentwicklung vermitteln kann.
Dieser Film ist mittlerweile fertig gestellt – und als Filmemacher muss man sich in dieser Schlussphase schon die Frage stellen, was denn die zentralen Botschaften sind, die man mit seinem Film vermitteln will. Für mich war eine dieser Erkenntnisse aus den dreijährigen Dreharbeiten und damit ja auch der Beobachtung von Aktivitäten in diesen Städten die Erkenntnis, dass unsere Städte nie „fertig“ sind, dass die Aufgabe von Stadterneuerung nie „erledigt“ ist. Es ist vielmehr eine dauerhafte Aufgabe, die manchmal einfacher zu erledigen ist und die manchmal richtig schwierig wird.
Wir alle erinnern uns sicherlich, wie tiefgreifend die Probleme waren, die auch für unsere Städte durch den wirtschaftlichen Strukturwandel, insbesondere den Niedergang von Bergbau und Stahlindustrie, ausgelöst wurden. Im Laufe unseres Gesprächs haben wir auch festgestellt, wie unmittelbar und ernsthaft die aktuellen Veränderungsprozesse in Einzelhandelsstruktur und Konsumentenverhalten unsere Städte und ihre Entwicklung betreffen. Das gleiche gilt für die aktuell viel diskutierten Prozesse des demographischen Wandels, die dafür sorgen, dass in vielen Regionen die Bevölkerungszahlen zurückgehen und die verbleibende Bevölkerung deutlich älter wird. Auch dies stellt den Wohnungsmarkt, den Handel und auch die Versorgung mit Dienstleistungen vor große Probleme.
Und daran wird sehr deutlich, dass wir bei der Arbeit an und in unseren Städten immer wieder vor neue Aufgaben gestellt werden und oft auch vor Probleme und Herausforderungen, die wir konkret und in ihren genauen Ausmaßen gar nicht vorhersehen konnten. Daher wäre mein Plädoyer, dass wir unsere Städte als lebendiges System denken, das im ständigen Wandel ist und dessen Entwicklung und Erneuerung nie abgeschlossen ist.
Und unsere einzige Chance besteht darin, uns in dem, was wir planen und realisieren, von einer sorgfältigen Analyse heute bekannter Entwicklungen und Trends leiten zu lassen und in unsere Entscheidungen möglichst viel lokales Wissen und lokale Erfahrungen einfließen zu lassen, um zielgenaue und zukunftsfähige Entwicklungen anzustoßen.
Die Schattenseite, dieses für mich immer sehr aufregenden Prozesses ständiger Veränderung von Städten ist leider, dass wir immer auch mit Brüchen leben müssen, die sich in unseren Städten temporär manifestieren und die dann vielfach als Problem und als unattraktiv wahrgenommen werden. Dies kann ein mittlerweile als unattraktiv geltendes Gewerbegebiet sein, eine leer stehende Fabrik, manchmal gar Häuser, die verkommen – und vielfach auch Straßen, die aus heutiger Sicht überdimensioniert und unattraktiv erscheinen.
Das ist der Nachteil eines so hoch-dynamischen und von so vielen externen Einflussfaktoren unmittelbar betroffenen Systems wie dem unserer Städte: Anpassungsprozesse benötigen vielfach Zeit, es entstehen sichtbare Brüche, es verbleiben temporär Spuren von Niedergang und Verfall – und all das wird selten als positiv und aufregend wahrgenommen, sondern eher als Problem, das man ungehalten beklagt und dessen rasche Lösung man einfordert. Aber für viele dieser Brüche und Spuren von früherem Stadtleben gibt es keine schnelle Lösungen – da braucht es häufig auch Geduld und einen langen Atem, bis nach und nach das neue Bild der Stadt funktional wie auch optisch Realität geworden ist. Und angesichts der ja gravierenden strukturellen Probleme bei der Finanzierung unserer Kommunen und ihrer damit immer begrenzter werdenden Handlungsfähigkeit fürchte ich, wir werden da noch einiges an Geduld erlernen und aufbringen müssen.
Hamm ist Flächenstadt und im Kern eigentlich sehr klein. Was macht Hamm als Innenstadt überhaupt interessant – auch im Vergleich zu anderen Städten dieser Größe?
Froessler: Auch dieses Thema haben wir in unserem Gespräch ja bereits gestreift, weil dies ja auch ein wichtiges Wesensmerkmal von Stadtentwicklung ist: Dass irgendwie „Alles mit Allem“ zusammenhängt.
Gerade im Vergleich zu anderen Städten ist für mich der in Hamm eingeschlagene Weg der Innenstadtentwicklung vorbildhaft und Beispiel gebend, so dass ich selbst diesen „Hammer Weg“ sehr häufig bei meinen Beratungen in anderen Städten als Vorbild und Anregung nutze und erläutere. Und damit meine ich nicht nur die beachtlichen Erfolge bei der Bewältigung der strukturellen Probleme und Leerstände und die für mich immer wieder beeindruckend hohen städtebaulichen und architektonischen Qualitäten, die dabei immer wieder in Hamm erreicht werden.
Viel wichtiger ist für mich das, was ich bereits erläutert habe: Die Hammer Innenstadt verliert immer mehr ihren Charakter als Ort, durch den tagsüber einkaufende Konsumenten hasten und der am Abend leer und ausgestorben wirkt. Ich denke, jeder aufmerksame Bürger oder Besucher, der einmal eine Weile in der neuen Grünanlage vor dem Heinrich-von-Kleist-Zenrum gesessen und das Stadtleben beobachtet hat, kann diese Begeisterung teilen. Plötzlich sind es ganz neue Angebote, die diese Innenstadt macht – und teilweise sind diese neuen Entwicklungen, wie etwa das Entstehen von studentischem Leben in der Innenstadt, ja gerade mal kleine Pflänzchen, die sich noch entwickeln müssen und werden.
Das gleiche gilt für das Wohnen in der Stadt: Jeder kennt sicher das große Projekt, das auf dem Gelände des ehemaligen Stadtbades und seines Umfeldes ein umfangreiches und attraktives neues Wohnungsangebot schaffen wird. In der vorletzten Woche wurden Pläne für den Bau von neuen Studentenwohnungen in der Innenstadt bekannt gegeben. Und darin liegt ja auch eine enorme Chance für viele Hausbesitzer, die einzelne von ihnen ja schon aktiv nutzen: Wohnungen, die in der Vergangenheit vielleicht schwierig zu vermieten waren, nun ganz gezielt zu Studentenwohnungen zu entwickeln und dadurch wieder neue Nachfrager zu finden. Und wir alle wissen, dass ein solches Wachstum der Wohnbevölkerung in der Innenstadt mittelfristig auch die Chance bietet, dass sich hier neue gastronomische Anbieter und auch Einzelhandelsangebote ansiedeln.
Daher bin ich überzeugt, dass die Antwort auf Ihre Frage lautet: Die Attraktivität der Innenstadt Hamms wird in Zukunft mehr und mehr in der neu gewonnenen Vielfalt ihrer Nutzungen und Angebote liegen und dies in relativ konzentrierter Form. Für mich entsteht da das realistische Bild einer „lebendigen und attraktiven Stadt der kurzen Wege“, die da im Entstehen ist.
In den 1980er Jahren wurde viel investiert (unter anderem in Verkehrsführung), um die Innenstadt als Wohnfläche zu entleeren (Stichwort Neue Bahnhofstraße). Heute gehen die Bestrebungen in umgekehrte Richtung: Man möchte Menschen zurückholen. Ist das richtig?
Froessler: Ja – ich denke, es ist ja bereits sehr deutlich geworden, wie für mich eine interessante Stadt aussieht. Wir haben eine lange Zeit hinter uns, in der die Mieten und Renditeerwartungen in unseren Innenstädten so hoch waren, dass sie viele Funktionen und Nutzungen vertrieben haben. Entstanden sind so vielleicht interessante „Open Air Shopping Center“, zumindest für meinen Geschmack aber um den Preis einer Monostruktur, die nicht nur nach Ladenschluss häufig zu Verödung geführt hat und unsere Innenstädte abends vielfach zu langweiligen und unattraktiven Orten gemacht hat.
Die Erfahrungen aus zahlreichen vergleichbaren Projekten zeigen, dass in diesem tendenziellen Rückzug des Handels neue Chancen liegen, dass die aber nicht immer so ganz einfach zu realisieren sind. Wenn es aber – wie in Hamm – gelingt, verloren gehende Handelsstrukturen durch einen neuen Mix aus Bildung, Kultur, Wohnen und Freizeitnutzungen zu ersetzen, dann ist das nach meiner Überzeugung genau der richtige Weg, der zu lebenswerteren Städten und zu neuen Qualitäten von Stadtleben führen kann.
Ein Patentrezept für Wiederbelebung von Innenstädten gibt es wohl nicht. Auf welche Impulse darf Hamm aus dem Workshop dennoch hoffen?
Mein Wunsch wäre, dass wir mit dieser Veranstaltung eine Aufbruchstimmung in der Stadt erzeugen. Sie wird deutlich machen, dass bereits große Erfolge erzielt wurden und dass nun, in der nächsten Phase, auch die Teilräume und die Themen angegangen werden, die großen Teilen der Stadtgesellschaft wichtig sind und für die sich viele bereits früher Engagement und Aufmerksamkeit gewünscht hätten.
Ich habe ja bereits erläutert, warum aus meiner Sicht nicht alle Probleme und Aufgaben gleichzeitig angegangen werden können und warum ich zutiefst überzeugt bin, dass der in Hamm gewählte strategische Ansatz, sich zunächst auf die großen Probleme im Bahnhofsumfeld, dem Entrée der Stadt, zu konzentrieren, da ein Abwarten oder Zögern dort aufgrund der erheblichen negativen Ausstrahlung dieser Brachen zu gravierenden negativen Folgewirkungen auf den Gesamtstandort Hamm Innenstadt geführt hätten, der richtige und ein Weg ohne Alternativen war.
Wir sehen ja bereits heute sehr deutlich und anschaulich, wie wichtig und wie erfolgreich dieser strategische Ansatz war, wenn wir uns bewusst machen, welche großen Investitionen jetzt auch von Privaten an diesem Standort getätigt werden. Das belegt ja deutlich und verlässlich, dass diese Investoren jetzt wieder an die Zukunft der Hammer Innenstadt glauben. Das ist ein unglaublich wichtiger Erfolg, weil jetzt eben viele notwendige Aufwertungen und Verbesserungen wieder von privaten Akteuren vorgenommen und finanziert werden, was den Entwicklungsprozess mit einer wichtigen neuen Dynamik versieht.
Der Impuls, der aus meiner Sicht von der morgigen Veranstaltung ausgeht, wird das deutliche Signal an die Stadtgesellschaft sein, dass damit der Erneuerungsprozess nicht als abgeschlossen betrachtet wird. Sondern dass jetzt die beschriebenen Erfolge und positiven Wirkungen engagiert und planvoll genutzt werden, um in der nächsten Phase der Innenstadterneuerung darauf aufbauend integriert an einer Vielzahl von Themen und Teilräumen zu arbeiten.
Und dies – darauf hoffe ich ganz besonders – verbunden mit dem ganz klaren Signal und damit wichtigen Entwicklungsimpuls, dass dies nicht ein Verwaltungsakt ist, sondern das Anliegen und das gemeinsame Projekt eines breiten Bündnisses von Menschen, denen die Zukunft und Attraktivität der Hammer Innenstadt wichtig genug ist, um sich dafür auch persönlich zu engagieren.
Das Bahnhofsquartier ist inzwischen fast ganz umgekrempelt. Jetzt soll noch ein Hotel kommen. Das Gewerbe drumherum wird von vielen dennoch als „tot“ angesehen. Wie geht das in Zukunft zusammen?
Froessler: Ich denke, dieser von vielen als Problem wahrgenommene und vielleicht auch beklagte Zustand ist ein gutes Beispiel für das, was ich eben zu erklären versucht habe: Das Thema der Brüche, die in solchen tiefgreifenden Wandlungs- und Umstrukturierungsprozessen immer entstehen und die es phasenweise auszuhalten gilt.
Hier kann und muss man sicherlich planerische Vorstellungen entwickeln und festschreiben, und dabei sicherlich auch den Versuch machen, das wachsende Niveau von funktionalen wie auch gestalterischen Qualitäten, die in der Hammer Innenstadt geschaffen werden, zukünftig auch in solchen Teilräumen zu erreichen.
Die Überwindung solcher als Defizite wahrgenommenen Zustände und die Realisierung der entwickelten Leitbilder und Planungen wird dann in vielen Fällen aber sicherlich Zeit und Geduld erfordern. Zum einen, weil städtische Planungs- und Erneuerungsaktivitäten, wie ich bereits zu erklären versucht habe, angesichts begrenzter Ressourcen immer Prioritäten setzen und Aufgaben in einer wohl überlegten strategischen Reihenfolge angehen müssen. Zum anderen aber auch, weil viele Elemente von wünschenswerten und in diesen Teilräumen notwendigen Verbesserungen und Aufwertungen nicht am Einflussbereich der öffentlichen Verwaltung liegen, sondern in der Zuständigkeit privater Akteure, auf deren Handeln man nur sehr begrenzt Einfluss nehmen kann.
Hamm fehlte immer das studentische Segment und die innovative Kraft daraus. Jetzt ist es mit den Hochschulen angekommen. Was wird und muss sich damit ändern? (Stichworte: Wohnen, Gastronomie, Läden)
Froessler: Ich habe ja bereits deutlich gemacht, wie wichtig ich diese Chance einschätze, die durch die Entwicklung der Hammer Innenstadt zu einem Hochschulstandort entstanden ist. Ich finde es aber gleichermaßen wichtig, darauf hinzuweisen, dass eine solche Chance nicht „vollautomatisch“ ein breites Bündel positiver Effekte entfaltenn wird. Wieder einmal sehr überspitzt ausgedrückt: Die zentrale Lage dieser Hochschule bietet eben auch die Chance, dass Studierende morgens mit dem Zug zu ihrer Hochschule anreisen, in Sichtweite vom Bahnhof diese Hochschule vorfinden und nach dem Ende ihrer Verpflichtungen an der Hochschule wieder in den Zug steigen und nach Hause fahren. Das heißt, es liegen in dieser Ansiedlung ganz wichtige Chancen und Potenziale für die Hammer Innenstadt – die müssen aber engagiert und zielstrebig entwickelt und genutzt werden.
Ich glaube, es wird mir niemand ernsthaft widersprechen, wenn ich behaupte, dass mit einem sehr hochwertigen Gebäude, einem gleichermaßen attraktiven Vorplatz und vor allem mit einem zukunftsweisenden Lehr- und Studienangebot der erste entscheidende Schritt getan ist, um diesen Hochschulstandort attraktiv und nachgefragt zu machen.
Und über das, was jetzt noch zu tun ist, um diese neue Chance für die Hammer Innenstadtentwicklung optimal zu nutzen, werden wir morgen im Rahmen der Beteiligungsveranstaltung intensiv diskutieren. Denn dies ist eben auch eine Chance, die Nachfrage nach Wohnraum in der Innenstadt zu beleben, wenn es neben dem bereits erwähnten Neubau von Studentenwohnungen auch Hauseigentümer gibt, die diese Chance erkennen und ihre Wohnungsbestände an die Wohnwünsche von Studenten anpassen.
Und je mehr es solchen engagierten und vorausschauend handelnden Hauseigentümern gelingt, die neu gewonnenen Hochschulbesucher auch zu Bewohnern der Hammer Innenstadt zu machen, desto mehr Chancen bieten sich natürlich auch für eine Belebung und Verbesserung der gastronomischen und kulturellen Angebote,
Dies alles sind Prozesse, die ihre Zeit brauchen, bis sie wirklich sichtbare Wirkungen entfalten – da sollte man keine überzogenen Erwartungen haben. Mit der morgigen Veranstaltung geht es uns aber zunächst ganz realistisch nur darum, diese Prozesse auf den Weg zu bringen und möglichst viele Verbündete zu gewinnen, die engagiert an ihrer Entwicklung mitarbeiten.
Abschließend: Wie ist Ihre Vision für das Hamm der Zukunft?
Froessler: Ich denke, im Verlauf unseres Gesprächs ist ja bereits deutlich geworden, dass der bisherige Prozess des Stadtumbaus in der Hammer Innenstadt für mich wirklich ein herausragendes Beispiel für erfolgreichen Stadtumbau ist, den ich mir an viel viel mehr Orten so wünschen würde. Die entscheidenden Erfolgsfaktoren, die mich an diesem Prozess so begeistern, sind die Weitsichtigkeit und die Intelligenz der planerischen Konzepte, das Engagement und Durchhaltevermögen, mit dem an diesen Zielen festgehalten und gearbeitet wird, bis sie Realität geworden sind und – nicht zuletzt – das hohe architektonische und städtebauliche Niveau, das dabei nicht nur angestrebt, sondern immer wieder auch erreicht wird.
Dennoch sehe ich natürlich auch die großen und teilweise schwierigen Aufgaben, die es noch zu bewältigen gilt. Ich wünsche mir, aber vor allem der Stadt Hamm, dass es auch in dieser nächsten Phase gelingen wird, dieses hohe Qualitätsniveau zu halten und gleichermaßen erfolgreich auch an neuen Teilräumen und zu neuen Themen zu arbeiten.
Und damit verbinde ich dann ganz entschieden und überzeugt die Zukunftsvision von Hamm als einer Stadt, die in ihrer Gesamtentwicklung von einem ausgesprochen attraktiven und lebendigen Kern profitieren kann, der als entscheidender Imageträger und Standortfaktor auch Entwicklung, Erneuerung und Investitionen in anderen Teilräumen beflügeln wird.
Und dann wird es in nicht allzu ferner Zukunft sicherlich schwierig sein, neu zugezogenen Bürgern oder Besuchern zu erklären, dass dieses Zentrum vor nicht all zu langer Zeit ein Ort war, der von massiven großflächigen Leerständen und unübersehbaren Zeichen von Verfall und Funktionsverlust geprägt war.
