Zahl der Bauernhöfe dramatisch gesunken

Höfesterben: Landwirte in Hamm „in existenzieller Krise“

Ein Feld wird abgeerntet
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Landwirte der Region sehen sich in einer existenziellen Krise.

Die Zahl der Bauernhöfe in Hamm ist in den vergangenen 20 Jahren dramatisch gesunken. Fast die Hälfte der Betriebe hat zwischen 1999 und 2020 aufgegeben und für die Zukunft erwartet der Landwirtschaftliche Kreisverband Ruhr-Lippe nichts Gutes. 

Hamm- Der Vorsitzende Hans-Heinrich Wortmann fordert schnelle Hilfe aus der Politik und appelliert an die Verbraucher, regionale Lebensmittel zu kaufen.

Die Zahlen, die Wortmann jetzt präsentierte, klingen alarmierend: 418 Bauernhöfe gab es 1999 in Hamm, 2020 waren noch 241 übrig geblieben. Noch deutlicher ist der Schwund bei Höfen mit Viehhaltung: Von 341 (1999) sank die Zahl auf 161 (2020). Die landwirtschaftlich genutzte Fläche in der Stadt hingegen blieb konstant. Bergauf ging es nur beim ökologischen Landbau: 14 Betriebe wurden 2020 gezählt. Zehn Jahre zuvor waren es nur sechs gewesen. Im benachbarten Kreis Unna sieht es ähnlich aus.

Keine industriellen, sondern eher familiäre Strukturen

Wortmann ist neben Hamm und Unna auch noch für Dortmund, Bochum und Herne zuständig. Er äußerte sich anlässlich der Internationalen Grünen Woche, dem jährlichen Branchen-Treffen der Landwirtschaft, das in diesem Jahr Corona-bedingt nur online stattfindet. Das Höfesterben dürfe so nicht weitergehen und erst recht nicht noch mehr Fahrt aufnehmen. In der hiesigen Landwirtschaft gebe es keine industriellen, sondern eher familiäre Strukturen.

Um die zu erhalten, fordert Wortmann Unterstützung aus Politik und Gesellschaft ein. Die Antrittsrede von Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) kam bei ihm gut an. Dass Bauernfamilien von ihrer Arbeit leben können müssen, hatte Özdemir gesagt. Und dass zusätzliche Leistungen der Landwirte mit Hilfe der Gesellschaft gestemmt werden müssten. In der Deutlichkeit habe er das bisher von keinem Berliner Landwirtschaftsminister gehört, sagte Wortmann. Er habe sich gefreut.

Pestizideinsatz auf den Feldern soll verringert werden

Der Wermutstropfen sei die Ankündigung von Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Bündnis 90/Die Grünen) gewesen, den Landwirten neue Auflagen zu machen, so Wortmann. Nun sei es wichtig, dass die Politik nicht auf halbem Weg stecken bleibe, Standards erhöhe ohne zu unterstützen.

Mehr Bio-Bauern in Hamm

Gerade einmal sechs Hammer Bauernhöfe wurden 2010 nach ökologischem Standard betrieben. 2020 waren es schon 14. Das geht aus der Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen im Düsseldorfer Landtag hervor. Aufwärts ging es demnach auch mit der ökologisch bewirtschafteten Fläche: von 210 Hektar (2010) auf 597 Hektar (2020). Zum Vergleich: Die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche ist in Hamm mit 11 266 Hektor (2020) seit mehr als zehn Jahren konstant. Bio-Bauern, die Milchkühe halten, müssen die Milch allerdings über weite Strecken zu zehn entsprechend zertifizierten Molkereien fahren lassen; die Hamm am nächsten liegende befindet sich in Everswinkel. Näher liegen dagegen ökologisch zertifizierte Schlachthöfe. Bio-Bauern haben in der Nähe Hamms die Wahl zwischen Ascheberg, Rheda-Wiedenbrück und Unna.

Umwelt- und Tierschutz stehe man nicht ablehnend gegenüber, sagte Wortmann. Mit den steigenden Anforderungen habe man aber durchaus zu kämpfen. Sein Beispiel ist der Pestizideinsatz auf den Feldern, der verringert werden soll. So verlange der Handel Getreide ohne Pilzbefall. Das sei aber nur mit Pflanzenschutzmitteln zu machen. Ohne die Pestizide könnten die Landwirte nur noch Futtergetreide produzieren. Und setze man statt auf Chemie statt auf Geräte, um das Unkraut mechanisch zu beseitigen, müsse man einen um ein Drittel höheren Dieselverbrauch und eine um die Hälfte erhöhte Arbeitszeit kalkulieren.

Markt für Bio-Milch bereits gesättigt

Das politische Ziel, bis 2030 30 Prozent der Lebensmittel im Öko-Landbau anzubauen, hält Wortmann für unrealistisch. Vor allem wegen der Nachfrage: „Gibt es überhaupt genügend Verbraucher dafür?“ Der Markt für Bio-Milch sei beispielsweise bereits gesättigt. Viele Landwirte stünden derzeit vor der Frage, ob sie ihre Produktion auf Öko-Basis umstellen sollten, sagte Wortmann. Doch die Unsicherheit sei gerade in den heimischen Familienbetrieben groß.

Um einen Schweinestall tiergerecht umzubauen, seien mitunter siebenstellige Summen notwendig, sagte der Landwirt. Ob sich das in den kommenden Jahren auszahle, sei nicht abzusehen. Der Schweinemarkt sei schließlich als Folge der Corona-Krise zusammengebrochen: Zur rapide gesunkenen Nachfrage nach Schweinefleisch kämen deutliche Steigerungen bei Betriebskosten. Dünger sei um bis zu 300 Prozent teurer geworden.

Für mehr Tierwohl tiefer in die Tasche greifen

Die Politik soll Hilfe leisten. Aber richten kann es langfristig wohl nur der Verbraucher. Alle seien für mehr Tierwohl und wollten dafür auch tiefer in die Tasche greifen, sagte Wortmann. Und dann werde doch wieder nur mit Blick auf den Preis gekauft, so sein Vorwurf. Wortmann fordert ein bewussteres Einkaufen. Sonst werde es in der Region keine Landwirtschaft mehr geben.

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