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Kippen, Knarren, Kuriositäten: Auf Streife im Hammer Bahnhofsviertel

Michael Mehringskötter kontrolliert auffällige Jugendliche in der Bahnhofstraße.
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Michael Mehringskötter kontrolliert auffällige Jugendliche in der Bahnhofstraße.

Hamm - Seit Anfang Dezember 2016 gibt es im Kleist-Forum das so genannte "City-Büro". Von hier aus gehen Zweierspanne aus Polizei und Ordnungsamt täglich Streife durch das Bahnhofsviertel. Sie sollen vor allem eins: mehr Sicherheit vermitteln. Wir haben eines der Duos begleitet.

Dienstag, 15 Uhr, City-Büro im Heinrich-von-Kleist-Forum: Dienstbeginn für Polizeihauptkommissar Michael Mehringskötter und Michael Priebs, Mitarbeiter des Kommunalen Ordnungsdienstes (KOD). Sie bilden an diesem Tag eines der Zweiergespanne, die seit Anfang Dezember gemeinsam auf Streife im Bereich der Bahnhofstraße unterwegs sind.

„Wir haben ein Sicherheitsproblem in einigen Bereichen“, hatte Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann im Vorfeld der Eröffnung des City-Büros festgestellt. Ziel sei es, „die weitere Etablierung von Problemgruppen zu verhindern“, sagte OB anlässlich der Eröffnung. Und nicht zuletzt gehe es darum, das subjektiv negative Sicherheitsgefühl von Anwohnern und Besuchern der Fußgängerzone zu verbessern.

Das tatsächliche Kriminalitätsgeschehen im Bahnhofsquartier habe nicht zugenommen, sondern sei seit Jahren unverändert, entgegnete damals Polizeipräsident Erich Sievert. Delikte im Zusammenhang mit illegalen Betäubungsmitteln gebe es in allen Großstädten im Umfeld der Hauptbahnhöfe. Parallel zu den uniformierten Beamten setze die Polizei deshalb auch weiterhin auf den Einsatz von Zivilermittlern im Umfeld des Hauptbahnhofs.

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Statistik gegen subjektives Sicherheitsgefühl. Was passiert tatsächlich auf Streife im Bahnhofsviertel? Jagen Polizei und Ordnungsdienst fünf Stunden lang täglich Drogendealern hinterher? Nein. Vieles ist schlicht Alltagsgeschäft. Vom Falschparker bis zum Bürgergespräch. Aktenkundig geworden ist während der Dienstzeiten der Streife des City-Büros bisher kein Fall von Drogenkriminalität.

Es schneit an diesem Dienstag und die Temperaturen liegen unter Null. Kein schönes Wetter, um sich draußen aufzuhalten. Ein entspannter Nachmittag? Keineswegs. Diese Schicht soll für Mehringskötter und Priebs alles andere als gewöhnlich verlaufen. Die Klientel, mit dem es beide während ihres fünfstündigen Dienstes zu tun haben werden, schreckt weder Temperaturen noch Distanzen.

Der erste Gang führt durch die Bahnhofstraße in Richtung Westentor. Hier ist der östlichste Punkt ihres „Reviers“. „Können Sie mir sagen, wo es zur AOK geht?“, fragt eine junge Frau. Natürlich hilft Mehringskötter ihr weiter. An den Bussteigen herrscht Betrieb. „Zwischen 15 und 17 Uhr ist hier Stoßzeit“, sagt Uwe Priebs. Alles normal.

15.20 Uhr

Drei Jugendliche überqueren den Westring in Höhe Berlet in Richtung Bahnhofstraße. An sich nichts Außergewöhnliches – hätten sie es nicht über die Verkehrsinsel hinweg getan, hätten sie nicht Zigaretten im Mund gehabt und hätten sie nicht wie deutlich unter 18 ausgesehen. Mehringskötter und Priebs beschleunigen ihre Schritte. Gegenüber von Herlitz in der Bahnhofstraße haben sie das Trio eingeholt. Im Handumdrehen landen die Kippen auf dem Pflaster.

Priebs weist die Jugendlichen darauf hin, dass Rauchen erst ab 18 erlaubt ist. Jugendschutzgesetz. Sie sind deutlich jünger. „Habt Ihr einen Ausweis dabei?“, fragt Mehringskötter. Fehlanzeige. Die Verständigung ist brüchig. Sie seien aus Rumänien und lebten in Duisburg, sagen die Jungs. Der Polizist möchte in ihre Taschen schauen, ob nicht doch ein Dokument greifbar ist.

Zutage kommt anderes: Neben der erwarteten Schachtel Zigaretten hat jeder einzelne eine Spielzeugpistole mit kleiner Kugelmunition dabei. „Was macht Ihr hier in Hamm?“, will Mehringskötter wissen. „Spazieren gehen“, sagt einer der drei. Der weitere Spaziergang führt sie ins City-Büro.

Mehringskötter nimmt die Personalien auf. Der telefonische Abgleich bestätigt die Daten: Alle drei sind 13 Jahre alt, sind in

Diese Fundstücke wurden bei den drei kontrollierten Jugendlichen aus Duisburg gemacht.

Duisburger Stadtteilen gemeldet. Die Jungen haben mehr Spaß als Respekt. „In Rumänien fängt man mit 13 das Rauchen an“, sagt der größte der drei, offenbar der Kopf des Trios. „Das Gesetz hier ist ein anderes“, sagt Priebs und erklärt, dass die Zigaretten eingezogen werden. Er händigt eine Adresse bei der Stadt aus, wo die Eltern sie abholen können.

„Wissen Eure Eltern, wo Ihr seid?“, fragt Mehringskötter. Keine Antwort. Sobald die Fragen konkret werden, nehmen die Verständigungsprobleme zu. „Wie kommt ihr zurück?“ „Mit dem Zug“, sagt der Anführer. Geld für eine Fahrkarte hätten sie aber nicht. „Das haben wir für die Spielzeugpistolen ausgegeben.“

16 Uhr

Das Trio kann das City-Büro verlassen. Es liegt nichts vor. Ihre Pistolen nehmen die Jugendlichen mit, die Zigaretten nicht.

16.02 Uhr

Sie stehen wieder vor der Tür. Mit dabei ein angeblicher Cousin von ihnen. Der ist über 18 und kann sich ausweisen. Zwei Minuten später verlassen auch die Zigaretten den Raum. „Gott sei Dank kommt so etwas nicht allzu oft vor“, sagt Uwe Priebs. Was das Trio wirklich in Hamm wollte, bleibt Spekulation.

Mehringskötter und Priebs machen sich auf zum nächsten Rundgang. Museumsquartier, Kulturpavillon, Neue Bahnhofstraße, Westring, City-Galerie, Luisenstraße und die Insel am Bahnhof sollen die nächsten Stationen sein. Vorher geht es zu einem Kurzbesuch in die Hirsch-Apotheke. Inhaber Martin Schwarzer, sein Team und andere Anlieger hatten in der Vergangenheit immer wieder offenen Drogenhandel vor ihren Haustüren beklagt.

Schwarzer ist gerade nicht vor Ort, aber Doreen Kallenbach, seit fast zehn Jahren Mitarbeiterin, hat eine klare Meinung: „Es ist gut, dass es das City-Büro gibt“, sagt sie. „Es gibt jetzt eine Anlaufstelle, an die man sich wenden kann. Ich glaube auch, dass das Sicherheitsgefühl sich verbessert hat.“ Allerdings, so ihre Einschätzung, habe sich an dem Handel oder der Anbahnung von Geschäften wenig geändert.

„Der 15. und 30. des Monats sind besonders interessante Tage. Dann hat es Geld gegeben. Die Geschäfte laufen in Sichtweite.“ Kallenbach hält Kontrollgänge zu unregelmäßigen Zeiten für sinnvoller. „Ansonsten können die Leute ja die Uhr danach stellen.“

„Ob sich durch unsere Anwesenheit etwas verändert hat, will ich nicht beurteilen“, sagt Mehringkötter während des weiteren Rundgangs. Auch nicht, ob sich die „Szene“ andere Orte oder Zeiten gesucht hat. „Sie wird irgendwo sein, und wir können nicht überall gleichzeitig sein.“ Allerdings ist er davon überzeugt, das sich das Sicherheitsgefühl verbessere. „Das höre ich von Geschäftsleuten.“

17.04 Uhr

In der City-Galerie piept ein Alarm, als ein Kunde ein Ladenlokal verlässt. „Alles okay“, versichert der Inhaber auf Nachfrage. Rund um den Kaufhof und an der Luisenstraße ist es ruhig.

17.15 Uhr

An der Insel treffen Mehringskötter und Priebs auf eine Gruppe von Trinkern. Sie haben es sich unter einer Decke auf einer der Bänke bequem gemacht und wärmen sich von innen. Unter ihnen Leergut und eine Lache undefinierbarer Flüssigkeit. Priebs spricht die Gruppe an und fordert die Männer ruhig aber unmissverständlich auf, die Flaschen einzupacken und den Ort zu verlassen. Formal eine ordnungsbehördliche Anordnung. Zwar gilt an der Insel (noch) kein Glasverbot, aber die Stadt duldet hier keine Störungen. In der Vergangenheit haben sich Klagen über Alkoholkonsum, Glasbruch, Belästigungen von Fahrgästen und Urinieren in der Öffentlichkeit gehäuft.

Das räumliche Herzstück der Innenstadt-Kontrolle: Blick aus dem City-Büro in Richtung Hammer Westen.

Die Gruppe kommt der Aufforderung nach. Gaaaanz langsam werden Decken gefaltet, Flaschen in Rucksäcken verstaut. Einer der Angesprochenen kommt nicht hoch, er bricht in Tränen aus, schwankt und fasst sich an die Brust. Mehringskötter geht auf Nummer sicher: Er ruft den Notarzt. Droht ein Herzinfarkt?

17.20 Uhr

Während sich Mehringskötter und Priebs noch um den Mann bemühen, betreten drei junge Männer mit Migrationshintergrund die Szenerie. Man habe ihn geschlagen, sagt einer von ihnen aufgeregt und deutet auf seine Lippe. Die Männer sind aufgebracht, sie sprechen Anschuldigungen aus. Auch von einem gestohlenen Fahrrad ist die Rede. Die Zusammenhänge sind diffus. Ein vierter kommt hinzu, ebenfalls mit Migrationshintergrund. Offenbar der Angeschuldigte. Worte fliegen hin und her, es ist spürbar Strom unter der Tapete.

Inzwischen ist der Notarzt vor Ort. Weitere junge Männer betreten die Szene, zwei Dreiergruppen stehen sich gegenüber. Die Lautstärke schwillt an, die Gestik wird aggressiver. „Ruhe hier!“ Mehringskötter ruft zur Ordnung. Weil die Lage unübersichtlicher geworden ist, verständigt er weitere Kollegen.

17.30 Uhr

Ein Streifenwagen fährt vor. Gemeinsam sortieren die Kollegen die Situation. Sie trennen die Gruppen, stellen Personalien fest, befragen die Anwesenden. Ruhig und sachlich, aber bestimmt. Uwe Priebs hält sich im Hintergrund, beobachtet die Akteure. Ein weiterer vermeintlicher Zeuge ist aufgetaucht, aber er will nichts gesehen haben. Es geht um einen Kampf und das angeblich gestohlene Fahrrad.

Klären wird sich der Vorfall an diesem Abend nicht. Die Männer erhalten Vorladungen und werden auf der Wache ihre Aussagen machen. Mehringskötter schreibt Anzeigen wegen Körperverletzung. Die Beamten schicken die Gruppen in unterschiedliche Richtungen davon. Sie scheinen Folge zu leisten – beruhigt haben sie sich aber noch nicht. Alle Beteiligten sind der Polizei bekannt.

Ein Teil von ihnen entfernt sich in Richtung Spielhalle in der Bahnhofstraße. Dort hat sich eine Gruppe von Menschen zusammengefunden. Mehringskötter und Priebs trauen dem Braten nicht. Sie zeigen Präsenz, die Gruppe scheint sich aufzulösen. Tatsächlich treffen sie noch einen der Streithähne an und erinnern ihn, nach Hause zu gehen. „Ja, gleich“, sagt er und zieht weiter. „Gleich“ ist ein dehnbarer Begriff.

Zurück im City-Büro wärmen Priebs und Mehringskötter sich auf, Zeit für eine kurze Pause. Vor der Spielhalle ist wieder Betrieb. „Das ist ungewöhnlich viel für einen Nachmittag“, sagt Mehringskötter. „Solch ein Vorfall ist nicht alltäglich. Aber alles im Bereich der Routine. So etwas passiert schonmal.“ Mehringskötter ist seit fast 40 Jahren Polizist, seit 1983 in Hamm und seit 2006 Bezirkbeamter in Mitte. Konfliktsituationen hat er zu Hauf erlebt.

Priebs ist seit fünf Jahren beim Kommunalen Ordnungsdienst. Sein Tätigkeitsbereich ist vielfältig. Er kümmert sich um den ruhenden

Uwe Priebs kontrolliert ein parkendes Auto: Vieles ist Alltagsgeschäft.

Verkehr, hat die Parkanlagen im Auge, den Jugendschutz, ist auf Baustellen und bei Veranstaltungen anzutreffen. „Es ist schon erstaunlich, was man sich manchmal anhören muss“, sagt er. „Menschen verlieren vollkommen den Respekt, obwohl sie selbst einen Fehler begangen haben. Vieles wird als eine Art Gewohnheitsrecht gesehen.“ Die Knöllchen, die er an diesem Tag Falschparkern unter den Scheibenwischer geklemmt hat, bleiben unkommentiert.

Das Erfreuliche: Die letzte Dienststunde verläuft ruhig. Kein Krawall, keine Deals in Sichtweite. Als Mehringskötter das City-Büro verriegelt, liegt ein kurioser Nachmittag und Abend hinter ihm und Priebs. Beide wissen: Das ist hier nicht Alltag. Aber sie wissen auch: Passieren kann vieles und sie müssen reagieren. Jeden Tag aufs Neue.

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