Letzter Arbeitstag für Hamms Büchereichef Dr. Volker Pirsich
Hamm. Von der traditionellen „Bücherei“, die Dr. Volker Pirsich bei seinem Amtsantritt am 1. Mai 1991 vorgefunden hat, ist nicht mehr viel übrig. Er hat sein Institut in 26 Jahren entsprechend der sich rasant entwickelnden Techniken konsequent zu einem modernen Medienhaus entwickelt. Am Freitag war sein letzter Arbeitstag.
Was Pirsich 1991 vorfand, war ein für die damalige Zeit übliches Karteikartensystem nach wissenschaftlichen Kritierien, das erst sein Vorgänger Erich Schneider eingeführt hatte. Was Pirsich seinem noch zu findenden Nachfolger hinterlässt, ist eine der modernsten Großstadtbibliotheken Deutschlands. Bemerkenswert: Das, was er bereits 1991 als Visionen hatte, hat er konsequent realisiert.
Pirsich wurde 1952 in Geesthacht geboren und wechselte von der Leitung der Offenburger Stadtbücherei nach Hamm. Einen „dynamischen Eindruck“ attestierte ihm der WA im ersten Bericht über den „Neuen“, in dem er bereits davon sprach, dass ein „Aus- oder Anbau unerlässlich“ sei. Eine Bücherei solle außer der Information auch kulturelle und kommunikative Akzente setzen – als ideal sah er bereits damals ein Lesecafé an, in dem Besucher miteinander reden können. Denn bis dahin war die Zentrale an der Ostenallee ein Ort der Ruhe, in dem jede Störung von Lesenden mit einem feindseligen Zischlaut quittiert wurde.
Klar war für Pirsich auch, dass es ohne EDV (elektronische Datenverarbeitung) nicht weitergehen konnte – ein solches System hatte er bereits in Offenburg eingerichtet. Und es wurde auch in Hamm schnell etabliert – anfangs mit „dummen Terminals“, wie Pirsich sagt, weil die heute übliche Interaktion damals noch nicht möglich war. Und er und sein Team hätten seinerzeit nächtelang daran gearbeitet, Fehler auszumerzen, die kein Einzelfall waren, als der Computer sich erst anschickten, die Welt zu revolutionieren.
Natürlich haben sich die Stadtbüchereien permanent den Anforderungen der Nutzer angepasst: 1993 wurden die ersten Videos angeschafft, es folgten CDs. Wie schnelllebig die Technik geworden ist, zeigt sich auch daran, dass Videos längst der Vergangenheit angehören, Filme stattdessen in bemerkenswerter Quantität auf DVDs oder Blue-Rays angeboten werden. Oder angemeldete Nutzer streamen sie daheim gleich aus der Onleihe24. Sie ermöglicht es auch, Bücher, Zeitungen/Zeitschriften und Musik auf den eigenen Computer oder das Smartphone zu laden. Dinge, die 1991 Zukunftsmusik waren.
Der Leitende Städtische Bibliotheksdirektor – so Pirsichs offizieller Titel am Ende seiner Berufslaufbahn – hatte nicht nur immer den Finger am Puls am Zeit, sondern auch ein offenes Ohr für die Bürger: Als ein durchweg kommunikativer Mensch fand er 1993 Gleichgesinnte, mit denen er den „Freundeskreis Stadtbücherei“ gründete und dessen Geschäftsführer er von Beginn an war. „Da war ich sicher, ein erstes Netzwerk in Hamm zu haben“, sagt Pirsich. Der Verein war von Anfang an Lobby und sei längst unverzichtbar, weil er Bibliotheksarbeit an Stellen unterstützt, an denen die Möglichkeiten öffentlicher Finanzierung enden. Besonders wichtig wurde dieser Aspekt, als die Stadt den Ankaufsetat drastisch kürzen musste.
1997 setzte Pirsich gleich zwei Meilensteine: Die erste eigene Homepage der Stadtbüchereien war ein technologischer Quantensprung. Und die erste Auflage des „Literarischen Herbstes“ wurde vom Bertelsmann-Club ermöglicht. Als der die Finanzierung im dritten Jahr nicht mehr übernahm, bewährte sich das Netzwerk einer Vielzahl von Sponsoren, das Pirsich mittlerweile geknüpft hatte. Das Lese-Festival ist aus dem kulturellen Angebot der Stadt nicht mehr wegzudenken. Der kleine Ableger, die „Literarischen Salons“, die es seit 2001 gibt, sind laut Pirsich als „Bonus und exklusives Angebot“ für die Mitglieder des Freundeskreises gedacht. In diese Reihe gehört außerdem das „Literarische Quintett“, das 1998 entstand.
2005 dann zwei Sensationen: Die Stadtbüchereien erzielten mit 401 000 Nutzern und nie wieder erreichten 1,1 Millionen Ausleihen einen Doppel-Rekord. Und dem Institut wurde von Zeit-Stiftung und Deutschem Bibliotheksverband der mit 30 000 Euro dotierte Titel „Bibliothek des Jahres“ verliehen. „Das war für uns eine große Überraschung“, gesteht Pirsich, weil bis dahin nur Neubauten beziehungsweise Bibliotheken in bekannten Großstädten ausgezeichnet worden waren.
Der Titel war die Initialzündung, um endlich konkret über eine Erweiterung der Zentralbibliothek nachzudenken. Der Ankauf der benachbarten „gelben“ Häuser für die Verwaltung reichte längst nicht aus. Mit dem Abriss des Horten-Gebäudes 2007 und der Planung des Heinrich-von-Kleist-Forums entwickelte sich die Idee für den drastischen Schnitt hin zu neuen Räumen, die völlig neue Möglichkeiten boten. Bis hin zur Einrichtung des Lesecafés, das endlich in der neuen Zentralbibliothek im 2010 eröffneten Heinrich-von-Kleist-Forum Realität wurde.
Weil Beruf und Berufung eine Symbiose eingingen bei Volker Pirsich, engagierte er sich vielfach über das übliche Maß hinaus: Er regte die Bücher-City Ost an, setzte sich offensiv für Migranten ein und war im Internationalen Verband der Bibliotheksverbände und -institutionen (Ifla) aktiv.
„Ruhestand“ traut man Pirsich angesichts dieser nur lückenhaften Bilanz nicht wirklich zu, wenn er jetzt mit seiner Ehefrau Susanne Knoche-Pirsich nach Wilhelmshaven zieht. Tatsächlich will er die Bibliografie „Hammer Drucke bis 1782“ abschließen und Aufsätze für Fachzeitschriften zum Bibliothekswesen schreiben, um die er bereits gebeten worden ist. Und außer auf die Arbeit in seinem 1 000 Quadratmeter großen Garten freut er sich auch auf seinen „Pensionärsjob“ als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Freundeskreise, der (noch) dem Deutschen Bibliotheksverband angeschlossen ist.