Ärztemangel in Hamm

Große Praxis vor Aus: Fehlen in Hamm Kinderärzte?

Offiziell gibt es in Hamm genug Kinderärzte. Dennoch sind die Wartezimmer oft voll.
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Offiziell gibt es in Hamm genug Kinderärzte. Dennoch sind die Wartezimmer oft voll.

Hamm - Die Wartezimmer der Hammer Kinderärzte dürften voller werden: Die Kinderarztpraxis Wiese, Kleine und Gärtner an der Soester Straße schließt. Jahrelang hatte das Trio Nachfolger gesucht – vergeblich. Für zwei Kinderarztsitze gibt es Vorstellungen für die Nachfolge, für einen nicht. Künftig gibt es in Hamm demnach noch zwölf Kinderarztsitze statt bisher 13.

Die Kinderarztpraxis von Dr. Marion Kleine, Prof. Dr. Dr. Günther Wiese und Georg Gärtner hat eine Sonderstellung in Hamm: Neben der allgemeinkinderärztlichen Behandlung hat sie Schwerpunkte wie die Allergologie und Neuropädiatrie. Behandelt werden also zum Beispiel Kinder mit Entwicklungsstörungen, dem Down-Syndrom und Epilepsie. In den vergangenen zwei Jahren suchten mehr als 6.000 Patienten die Praxis auf.

Doch als ihr Rentenalter nahte oder eigentlich schon da war, beschlossen die Ärzte, Nachfolger zu suchen. „Wir haben Ärzte eingestellt in der Hoffnung, dass sich ein Team finden würde, das die Praxis übernimmt“, sagt Gärtner. Eigentlich wollten er und seine Kollegen 2016 in Ruhestand gehen. Als sich kein Nachfolger-Team fand, machten sie weiter. Dann starb Wiese im Sommer, mit 80 Jahren und unerwartet. Gärtner und Kleine beschlossen, die Praxis zu schließen.

Neue Praxis in Werries

Für zwei der drei Arztsitze gibt es Vorstellungen zur Nachfolge: Den Kassensitz von Günther Wiese übernimmt seine Tochter Dr. Maximiliane Wiese, die im Januar eine Praxis in Werries eröffnen will. Der Sitz von Gärtner soll an das Evangelische Krankenhaus (EVK) gehen. Der Sitz von Kleine entfällt voraussichtlich. Damit gibt es in Hamm noch zwölf Kinderarztsitze.

Ein Problem ist das allerdings nicht – zumindest, wenn man Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Glauben schenkt. Sie ist für die ärztliche Versorgung zuständig. Demnach gilt Hamm als überversorgt, bräuchte nur neun Kinderärzte. Ist also alles gut?

Kinderärzte haben in den vergangenen Jahren viele zusätzliche Aufgaben bekommen.

Ein Blick in die Wartezimmer deutet etwas anderes an. Eltern und Kinder müssen lange warten, in den Praxen hängen Plakate, die vor einem Ärztemangel warnen. „Wir haben in den vergangenen Jahren eine Menge Aufgaben dazubekommen“, sagt Dr. Johannes Jeßberger, Kinderarzt in Westtünnen. Zum Beispiel gibt es neue, zusätzliche Vorsorgeuntersuchungen. Und auch Jugendliche gehen heute zum Kinderarzt, früher behandelte sie oft der Hausarzt mit. Zudem kommen Eltern häufiger in die Praxen als früher, um sich einen Kinderkrankenschein zu besorgen.

Während sich die Arbeit in den Behandlungszimmern änderte, blieben die Messzahlen für die Ärzteversorgung auf einem ähnlichen Niveau. Zuständig dafür, diese Messzahlen festzulegen, ist der Gemeinsame Bundesausschuss. Er hat der Fachöffentlichkeit Anfang Dezember ein Gutachten vorgestellt: Es legt nahe, dass mehr Kinderärzte gebraucht werden. Ob und wie sich die Messzahlen nun ändern, müssen die zuständigen Gremien entscheiden. Laut einer Sprecherin des Bundesausschuss fällt ein Entschluss im Sommer 2019. Bis es so weit ist, gilt Hamm mit zwölf Kinderarztsitzen als überversorgt – egal, wie voll die Praxen tatsächlich sind.

Dabei ist unklar, wie lange es in Hamm noch so viele niedergelassene Kinderärzte gibt wie bisher. 60 Prozent von ihnen sind nach Zahlen der KV 60 Jahre und älter.

Auch die Ärzteschaft in anderen Fachrichtungen in Hamm wird immer älter.

Immerhin: Das Evangelische Krankenhaus plant, seine Versorgung auszubauen. Unter der Leitung von Dr. Stefan Brunnberg sollen die Fachärzte Kinder mit Erkrankungen wie Diabetes, Epilepsie und Herzfehlern ambulant behandeln. Dazu werden Sprechzeiten ausgebaut. Neue Ärzte werden vorerst aber nicht eingestellt. „Wir müssen erst einmal schauen, wie gut das neue Angebot angenommen wird“, sagt eine Kliniksprecherin. Eine allgemeinkinderärztliche Praxis entsteht am EVK nicht. Eltern müssen mit ihren Kindern also weiter einen regulären niedergelassenen Kinderarzt aufsuchen, selbst wenn sie wegen einer Erkrankung im EVK in Behandlung sind.

Auch an der Soester Straße geht es weiter: Jeßberger zieht mit seiner Praxis aus Westtünnen dorthin um. Im April will er seine Praxis in seinen neuen Räumen eröffnen.

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