St.-Barbara-Klinik Heessen
Implantat zur Hirnstimulation in Hamm: europaweit erster Eingriff dieser Art
In der Barbaraklinik in Hamm-Heessen wurde einem Patienten mit einem Tremor ein Hirnstimulator implantiert. Es ist europaweit die erste Implantation dieser Art.
Hamm – Jörg Wittkowsky begrüßt mit festem Handschlag. Es ist die Hand eines Bergmanns, groß und kräftig. Eine Hand, die viel Halt geben kann. Wenig später schaltet Oberarzt Dr. Thomas Fortmann über ein Tablet eine Elektrode im Gehirn von Wittkowsky ab. Und die Hand des 60-Jährigen fängt plötzlich an zu zittern wie Espenlaub. Als der Mediziner die Elektrode wieder aktiviert, legt sich das Zittern augenblicklich. Jörg Wittkowsky lächelt jetzt.
Implantat zur Hirnstimulation: Europaweit erster Eingriff dieser Art in Hamm
Ende des vergangenen Jahres wurde Wittkowsky in der St. Barbara-Klinik in Hamm ein neuartiges Implantat zur tiefen Hirnstimulation eingesetzt. Es war europaweit der erste Eingriff dieser Art, der für Menschen mit der Parkinson-Krankheit, primärer Dystonie, Epilepsie oder essenziellem Tremor, wie Wittkowsky ihn hat, infrage kommt. Der Eingriff des Teams unter der Leitung von Chefarzt Dr. Ralph Lehrke und Fortmann in der Klinik für Stereotaktische Neurochirurgie verlief problemlos. Und verhalf Jörg Wittkowksy zu einem neuen Leben.
Wittkowskys Tremor machte sich Ende der 1980er Jahre bemerkbar. Lange Zeit halfen Medikamente gegen das Zittern. „Doch irgendwann kommt man an den Punkt, dann wirken sie nicht mehr“, erzählt er. „Es gibt einen Gewöhnungseffekt des Körpers“, ergänzt Ralph Lehrke. Die Intensität des Tremors hing auch von Wittkowskys Gemütslage ab. War er aufgeregt, zitterte er stärker. Während seiner Arbeit kam er dank der Medikamente lange über die Runden.
Doch dann begannen für den Sprengbeauftragten unter Tage die Probleme. Allerdings nicht beim Sprengen, wie man vermuten könnte. „Sondern beim Buchführen“, erinnert sich der Ahlener: „Ich hatte Probleme, die Protokolle niederzuschreiben.“
Implantat zur Hirnstimulation: Schrittmacher ist wiederaufladbar
Anfang des vergangenen Jahres entschied sich Wittkowsky zur Operation – auch, weil der neuartige Typus des Implantats einige Vorteile bietet. Zum einen ist der Schrittmacher der erste, der wiederaufladbar ist. „Das bedeutet viel mehr Komfort für den Patienten, da der Akku ansonsten alle fünf Jahre im Rahmen eines operativen Eingriffs ausgetauscht werden müsste“, sagt Ralph Lehrke. Beim neuen Typus muss Wittkowsky nun lediglich alle paar Wochen ein Induktionsladegerät unterhalb vom Schlüsselbein halten, um den dort eingepflanzten Akku neu zu laden. Dieser speist über ein dünnes Kabel die Elektrode im Gehirn.
Zum anderen ist das neue Implantat in der Lage, die Nervenzellaktivität im Gehirn auszulesen. „Er kann danach einen Algorithmus generieren, der individuell die besten Stimulationsimpulse errechnet“, erläutert Lehrke: „Bislang haben wir Ärzte dies gemacht und dabei unsere Erfahrungswerte zugrunde gelegt.“ Diese Funktion sei allerdings noch nicht in Europa freigegeben, bislang fehle die Zulassung. Wenn diese kommt, wird dieses Feature auch bei Wittkowsky freigeschaltet. Lehrke rechnet in rund einem Jahr damit.
Nach Eingriff: „Alles ist viel besser“
Das Leben hat sich für Wittkowsky seit dem Eingriff grundlegend geändert. „Alles ist viel besser“, sagt er. Vor allem im Alltag. „Kleingeld konnte ich gar nicht benutzen“, sagt er. Einmal sei ihm sein Portemonnaie vor der Supermarkt-Kasse heruntergefallen. Nur unter größter Mühe sei es ihm gelungen, die Münzen wieder einzusammeln. Wenn er einen Tee von der Küche ins Wohnzimmer getragen habe, sei der „ganze Boden versaut“ gewesen. Auch bei seinem Hobby, dem Angeln, gab es große Probleme. „Versuchen Sie mal, einen Wurm auf den Haken zu bekommen“, sagt Wittkowsky: „Das musste alles mein Kumpel machen.“ Hätte die OP nichts gebracht, wäre er aus dem Angelverein ausgetreten. „Hätte ja dann nichts mehr gebracht.“ Nun hat er zuletzt wieder einen Zander gefangen.
Besonders lästig seien die Momente am Essenstisch gewesen. Er habe alles mit dem Löffel essen müssen, sagt Wittkowsky. Erbsen beispielsweise seien stets von der Gabel heruntergefallen. „Sie sind dann in jedem Restaurant eine Attraktion. Alle gaffen einen an.“ Das sei stets unangenehm gewesen – für ihn selbst, aber auch für seine Begleiter am Tisch. „Ich habe mich fast gar nicht mehr rausgetraut am Ende“, sagt der 60-Jährige.
Alternative auch für Parkinson-Erkrankte
Als er nun an Heiligabend im Krankenhaus nach dem Eingriff Erbsen serviert bekommen habe, „ist nicht eine einzige von der Gabel gefallen“. Das, sagt Wittkowsky, sei das schönste Weihnachtsgeschenk gewesen: „Ich hatte nicht geglaubt, dass das möglich ist.“ Am 1. Weihnachtstag wurde Wittkowsky nach nur vier Tagen aus der Barbara-Klinik entlassen. Der eigentliche Eingriff hatte lediglich zwei Stunden gedauert.
Das neue Implantat könnte auch für gut 5000 der rund 350.000 Parkinson-Erkrankten in Deutschland eine große Erleichterung bieten. Diese Krankheit ist zwar nicht heilbar. „Aber wir schenken diesen Patienten viele Jahre von kontinuierlich besserer Beweglichkeit mit deutlich weniger Medikamenten“, sagt Lehrke: „Es ist entspannteres Leben.“ Der Effekt des Schrittmachers auf die Motorik halte bis zum Lebensende an. In Deutschland würden derzeit nur rund 1000 Parkinson-Erkrankte die Behandlungsmethode der tiefen Hirnstimulation in Anspruch nehmen. Lehrke hofft, dass sich das mit dem neuen Modell ändern wird.
Wittkowsky sieht sich nun als „geheilt“ an. Er zeigt stolz ein Formular, das er selbst ausgefüllt hat. „Das hätte ich ohne meine Frau Heike früher nie geschafft. Da habe ich mit Mühe und Not meine Unterschrift hinbekommen.“ Menschen, die dafür infrage kämen, könne er „diesen Eingriff nur empfehlen“, sagt er. Zum Abschied gibt einem Jörg Wittkowsky die Hand. Man ergreift sie gerne. Es ist eine Hand, die Halt gibt.
Im Januar kam es zu einem Großeinsatz in der Barbara-Klinik, da Teile des Gebäudes plötzlich voller Rauch waren. Das Krankenhaus konnte am nächsten Tag jedoch wieder zum Normalbetrieb zurückkehren.
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