„So schlimm war es noch nie“: Medikamentenengpass auch in Hamm ein Problem
Auch in Hamm ist der Engpass bei Medikamenten deutlich spürbar. Neben Schmerz- und Fiebermedikamenten werden jetzt auch Insuline, verschiedene Psychopharmaka und Magenmedikamente knapp. Ein Überblick.
Hamm – Es dürfte eine Situation sein, die in den vergangenen Wochen und Monaten vielen Menschen in Hamm begegnet ist: Das Kind ist krank, fiebert hoch – aber Fiebersaft, Fieberzäpfchen und andere lindernde Medikamente sind schwer bis gar nicht zu bekommen. Es gibt einen Medikamentenengpass, der vor allem Schmerz- und Fiebermedikamente wie Ibuprofen und Paracetamol für Kinder betrifft. Aber nicht nur, wie Martin Schwarzer, Vorsitzender der Hammer Bezirksgruppe des Apothekerverbands Westfalen-Lippe, weiß: „Es handelt sich um ein selbstgemachtes Problem und es ist auch keine gänzlich neue Entwicklung. Aber so schlimm wie jetzt war es noch nie. Der Engpass betrifft nun auch Insuline, verschiedene Psychopharmaka und Magenmedikamente.“
Verfehlte Gesundheitspolitik
Gründe für die Verschärfung der Lage sieht er vor allem in einer verfehlten Gesundheitspolitik: „Wir haben sämtliche Produktionen ausgelagert nach Indien oder China. Natürlich, um die Medikamente günstiger zu erhalten. Es herrscht ein immenser Preisdruck. So kommt es, dass Lieferungen, wenn es sie denn überhaupt gibt, eher ins europäische Ausland gehen, wo besser gezahlt wird.“
Jens Kuschel, Sprecher der AOK NordWest, führt aus: „Der Arzneimittelmarkt kann generell nicht mehr regional betrachtet werden, es handelt sich um den globalen Markt schlechthin. Viele Pharmafirmen haben ein logistisches Problem, indem sie ihre Lagerhaltung aus wirtschaftlichen Gründen künstlich knapp gehalten und quasi auf die Straße verlagert haben.“ Um diesem Problem entgegenzuwirken, brauche es klare politische Vorgaben zur Mindestbevorratung. In Bezug auf die Knappheit der Kinder-Fiebermedikamente sieht Kuschel eine Alternative: „Apotheken stellen hier alternativ individuelle Arzneimittelrezepturen her“, sagt er. Die Kosten dafür würden übernommen.
Medikamentenengpass in Apotheken: Auch Rohstoffe werden nicht geliefert
Apotheker Schwarzer kann darüber nur müde lächeln: „Natürlich sind wir in der Lage, Medikamente herzustellen, jeder Apotheker kann das. Allerdings können wir nicht zaubern, wir brauchen schon den Rohstoff, also Ibuprofen oder Paracetamol. Haben wir aber nicht, denn auch die Rohstoffe werden nicht geliefert.“
Dr. Ulrike Leise-Rauße, Vorsitzende des Ärztevereins Hamm und Sprecherin der Hammer Ärzteschaft, hat in ihrem Praxisalltag noch keine gravierenden Einschränkungen bei der Medikamentenversorgung wahrgenommen, wohl aber, dass eine große Verunsicherung unter den Patienten herrscht: „Viele kommen aus der Apotheke und bitten darum, dass ich das benötigte Medikament gleich zwei oder drei Mal verschreibe, damit sie versorgt sind, wenn ein Engpass kommt. Das darf ich aber natürlich nicht und es ergibt auch wenig Sinn“, sieht sie einen drohenden „Klopapier“-Effekt, wenn die Verunsicherung anhalte.
Apotheker Schwarzer macht sich jetzt schon Gedanken um seinen nächsten Bereitschaftsdienst in zwei Wochen: „Ich suche mir jetzt schon von Kollegen Medikamente zusammen, damit ich die Menschen überhaupt versorgen kann“, sagt er. „Ich bin seit 35 Jahren Apotheker, aber ich fürchte mich zum ersten Mal vor dem Notdienst.“